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Weinlese 2019 in der Champagne

Über Champagner wissen sogar die, die ihn nicht trinken, zumindest drei Dinge: Erstens, er sprudelt. Zweitens, er kommt aus Frankreich, genauer aus einer Gegend, die Champagne heißt. Und drittens, er ist deutlich teurer als alles andere, was schäumt und blubbert. Ich habe hier ein paar weniger bekannte, teils auch weniger schmeichelhafte Informationen zusammengetragen. Anlass war ein Abstecher mit meinem Hamburger Kumpel Malte in die Coteaux Champenois, jene Grand Cru-Weinhänge, die zwischen der Stadt Reims und der Marne liegen.

WÄCHST CHAMPAGNER WIRKLICH AUF DER MÜLLDEPONIE?

Natürlich wächst der Champagner nicht auf der Mülldeponie, aber die Mülldeponie kommt zum Champagner. Zumindest war das so bis Mitte der 1990er Jahre. Der Franzose Vincent Moissonier – er betreibt das beste Restaurant in Deutschland, und zwar in Köln – erklärt im folgenden Video dem Schauspieler Joachim Król das „Düngen“ der Weinberge der Champagne mit Pariser Hausmüll. Und der war, wie man sich leicht vorstellen kann, in den 1990er Jahren schon ordentlich mit Kunststoff und anderen Giften durchsetzt.

Im Video hört man sehr schön den französischen Akzent von Monsieur Moissonier, wenn das französische Voice Over pausiert.

Jetzt ein paar Zahlen!

2007 war das bisher beste Verkaufsjahr für den Champagner: knapp 340 Millionen Flaschen der „Bulles“ (Aussprache: „Büll“; im Französischen eine umgangssprachliche Bezeichnung für Blase und für Champagner) wurden gekippt, vor allem in die Hälse derer, die für eine andere „Bulle“ verantwortlich waren, für die Sub-Prime und Schrottimmobilien-Blase. Als diese 2008 platzt, geht der Absatz des Lieblingsgesöffs der Investmentbanker um 15% zurück. Insgesamt warten derzeit weltweit etwa 1,5 Milliarden Flaschen auf den passenden Anlass, um geleert zu werden. Das sind über vier Jahresproduktionen. Auch noch so eine „Bulle“? Eine „Bulle des bulles?“ Nein. Wenn man durch die Grand Crus der Champagne fährt, hat man nicht den Eindruck, dass das Wort Krise hier zum Wortschatz gehört. Im Schnitt werden die Flaschen aus der Champagne für 15 Euro verkauft, die Grand Crus liegen deutlich drüber.

Stadtschlösschen in Ay, finanziert vor allem mit Luftperlen. Darin eines der besten Häuser, das auch Rotwein produziert: Champagne Geoffroy

Haben wirklich die Engländer den Champagner erfunden?

Übrigens saufen nach den Franzosen (50%) die Engländer am meisten Champagner. Und das sollte nicht verwundern, haben doch die Briten einen entscheidenden Anteil daran, dass der Champagner so daherkommt, wie wir ihn kennen: sprudelnd. Die Briten waren es, die dem Wein in der Flasche Zuckerrohr aus den Kolonien hinzufügten und so eine zweite Gärung auslösten. Das dabei entstehende Kohlendioxid blieb in der Flasche, die „Bulles“ waren erfunden. Die passende, den Druck aushaltende Flasche hatten die Briten gleich miterfunden. Das war Ende des 17. Jahrhunderts. Parallel hierzu besteht in der Champagne die Auffassung, dass ein Benediktinermönch namens Pierre, genannt Dom, Perignon (heute eine Edelmarke von Moët Chandon) mit dem Mixen von Traubensäften und teilvergorenen Weinen dasselbe Ergebnis erzielt habt. Davor waren die Weine aus der Champagne nicht laut und bubbly, sondern still („tranquille“), und wenn sie rot waren, waren sie genauso rot wie die Rotweine andernorts auch – und noch keine „blanc de noir“.

Von Hand gelesene gesunde Trauben am 16.09.2019 in Bouzy. Noch sind sie rot. Sie könnten zu Rotwein weiterverarbeitet werden. Wahrscheinlicher ist, dass sie die Basis bilden für einen „Blanc de noir“, einen weißen Champagner aus Pinot Noir-Trauben

Marketing und Repression

Damit sich nicht jeder Schaumwein Champagner nennen darf, gehen die Interessensvertreter der Bauern aus der Champagne konsequent gegen Verunreinigungen des Produkts vor. So verbietet seit 1998 das Abkommen zwischen der Schweiz und der EU einer eidgenössischen Gemeinde namens „Champagne“, einem Nest mit 912 Einwohnern und 43 Winzern, den Namen seines Ortes auf den Etiketten seiner im Übrigen nicht schäumenden Weine zu erwähnen. Wer so massiv Lobbyarbeit verrichtet, wird sich doch auch in anderer Weise für die Qualität eines Produkts einsetzen, das derart schützenswert ist. Oder etwa nicht? Leider nein. Neben der schon erwähnten und mittlerweile verbotenen Hausmüllverarbeitung sind in der Champagne Dinge erlaubt, über die man andernorts zumindest die Nase rümpft – wenn sie nicht gar unter Strafandrohung verboten sind. Hier darf man rote und weiße Rebsorten mischen. Man darf Jahrgänge miteinander verschneiden. Und auch das Zusetzen von Zucker ist Teil der „méthode champenoise“. Nur heißen die Dinge hier schicker: Statt Panschen spricht man von „Assemblage“, „Réserve“ und „Dosage“.

Aber genug geschimpft. Jetzt kommt was Positives: die Coteaux Champenois

Die Champagne bleibt aber bei alledem ein Weinbaugebiet, also ein Gebiet, in dem Wein wächst, und nicht nur Blasen erzeugt werden. Auch stiller Wein wird hier produziert: weiß, rosé und rot. Diese Weine findet man unter der Bezeichnung „Coteaux Champenois“. Angeblich steigt die Produktion dieser roten stillen Champagner – denn auch in der Champagne wird’s wärmer und die hier zugelassenen Rotweinsorten Pinot noir und Pinot meunier mögen nicht nur die Kalkböden der Champagne, sondern auch die Sonne. Aber die Champagner-Lobby mag die roten Weine nicht. Seit dem Millennium gibt es keine Zahlen mehr zur Produktion. Der nicht blubbernde Rotwein wird statistisch einfach in die Champagner-Zahlen eingepflügt. Ist er zu gut? Ist das Risiko zu hoch, den mit viel Aufwand durch Bling-Bling-Marketing und Errichtung rechtlicher Hürden aufgebauten hochdefinierten Markenkern zu beschädigen?

Die roten Traditionstrauben in der Champagne: Pinot Meunier (Schwarzriesling) und Pinot noir (Spätburgunder). Meist wird daraus Champagner, in diesem Fall aber ein stolzer Rotwein, mit einem ebenso stolzen Preis.

Der Abstecher in die Coteaux Champenois lohnt sich. Zumindest wenn man eh schon Richtung Westen unterwegs ist. Im Weinhandel hierzulande wird man diese roten Weine nämlich vergeblich suchen. In Tokyo und New York ist das anders. Als ich am Montag ein wenig mit Jean-Baptiste Geoffroy über seine Rotweine plaudere, stellte er mir Yuri Shima vor. Yuri ist eine japanische Juristin, die die Website champagne-life.com betreibt, in Tokyo und L.A. lebt, aber ihre freie Zeit komplett in der Champagne verbringt. Und was kauft sie? Eine Kiste Roten!

Das ABC der Orte, in denen traditionell auch stiller Champagner hergestellt wird: A wie Aÿ (ausgesprochen wie Eselwiehern rückwärts), B wie Bouzy und C wie Cumières. Aber Achtung: Alle Weingüter, die Rotweine herstellen, machen auch Champagner. Nach den Roten muss man also fragen!