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Halbzeitstand im Sabbatical: Realität schlägt Traum

Vor fast einem Jahr begann mein Sabbatical, mein Weinbau-Sabbatical. Ich wollte mich dafür einsetzen, dass an der Oberen Saar zu beiden Seiten der französisch-deutschen Grenze wieder kommerzieller Weinbau betrieben wird. Ich sah mich auf dem Moped durch Frankreich fahren (und weiter bis Georgien), auf Weingütern arbeiten und darüber bloggen. Vielleicht würde ich unterwegs sogar Partner finden für die Wiederbelebung des Weinbaus an der Oberen Saar. Im Hintergrund schwang noch eine romantische Vorstellung von der Entdeckung des ultimativen Naturweins mit. Aber als das Sabbatical im Juli 2019 anfing, hatte die neue Realität schon begonnen: Ich kümmerte mich um einen aufgegebenen Weinberg in Neef, an der Terrassenmosel, buchte einen Rebschnitt-Kurs an der Hochschule Geisenheim, lernte den Moselwinzer Hermann Grumbach kennen und zerbrach mir den Kopf darüber, wie aus meinen Rieslingtrauben des Jahres 2020 („vin vin“) ein vorzeigbarer Wein werden könnte. Die Lernkurve war steil wie der Steilhang in Neef, und sie ist es immer noch. Und die Realität war viel besser als alles, was ich mir erträumt hatte …

Der “Steile Süden” (mit orangenen Punkten markiert) am Frauenberg in Neef. Der Bergrücken dahinter links ist der Calmont, der steilste Weinberg Europas. Das Foto habe ich vom Ortseingang Bremm aufgenommen. Der “Steile Süden” hat Sonne, Gefälle und ein tolles Schieferskelett. Aber er sieht verdammt mager aus im Vergleich zu den anderen Parzellen. Vermutlich, weil er vier Jahre brach gelegen hatte. Dieses Jahr gibt es, wenn es “gut” geht, ein Dutzend Flaschen, 2021 wird’s hoffentlich besser.

Naturwein

Geoffroy, der beste Wirt im Pariser Becken, macht im Terminus in Saarbrücken eine Mischung aus Live-Konzerten, moderner französischer Küche und Weinbar. Er gab mir vor ein paar Jahren das Buch von Sébastien Lapaque Chez Marcel Lapierre, ein Buch über den Naturwein-Pionier aus Villié-Morgon, eine der Top-Adressen im Beaujolais. Mitten in den Siebzigern, als die chemische Vergiftung der Weinberge, Weinbauern und Weintrinker einen ersten Höhepunkt erlebte, gingen Lapierre und Pierre Overnoy (Jura) neue Wege: Sie setzten auf lebendige Böden und Biodiversität statt auf den Einsatz chemischer Produkte. Sie vertrauten auf die Natur, anstatt sie mit der Chemiekeule in Schach zu halten. Ihre Devise: Im Keller kann man keinen Wein verbessern. Bestenfalls kann man die Qualität, die man aus dem Wingert mitgebracht hat, erhalten. Lapierre achtete auf jede Kleinigkeit, um die Natur so weit wie möglich für seine Zwecke zu nutzen. Und dann als letzten Schritt – aber nur wenn es der Jahrgang zuließ – verzichtete er sogar auf das Zusetzen von Schwefel, um die Weinqualität für die Lagerung in der Flasche zu stabilisieren. Heute wird vin nature, Naturwein oft auf diesen letzten Schritt reduziert. Aber das ist falsch. So verstanden ist Naturwein nichts weiter als ein Modefirlefanz, ein Aufmerksamkeitstreiber für den Umsatz. Naturwein ist weder ein geschützter Begriff, noch bestehen irgendwelche Anforderungen an reduzierten Gifteinsatz wie etwa im Bio-Anbau. Solange kein Schwefel im Keller zugesetzt wird – egal wieviel davor im Weinberg verspritzt wurde, schmückt sich, wer Lust drauf hat, mit dem Naturwein-Label. Das Hauptproblem ist dabei aber nicht die Irreführung des Marktes. Unerfreulicher ist, was für einen meist hohen Preise Nase und Gaumen zugemutet wird. Insbesondere Weißweine stabilisieren sich kaum von selbst und schmecken als “Naturwein” oft nicht anders als hessischer „Ebbelwoi“. Das kann weder der Weg noch das Ziel sein. Ich schiebe also die Naturwein-Idee beiseite und mache mich auf die Suche nach einem Weinbau ohne Einsatz von Pestiziden. Dabei folge ich meinem Weingeschmack und keiner Naturwein-Ideologie. Um das konsequent zu machen und auch mit anderen Weinliebhaberinnen zu teilen, gründe ich zusammen mit meinem Freund Stefan im Februar 2020 die Crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH.

Geoffroy neben der Tageskarte seines Terminus Saarbrücken. Bei Geoffroy gibt es crusauvage-Weine, unter anderem einen hervorragenden roten Naturwein, den “Gam’ Nature”, ein Gamay aus dem Hause Prappin (Bio und ohne Schwefelzusatz!). Bei crusauvage ist der ausverkauft, aber im Terminus noch zu bekommen. (Foto: René Lortat (Grand merci!))

Abrakadabra: Homöopathie im Weinberg

Einmaischen ganzer Trauben, also Beeren und Rappen, in Amphoren. Düngen mit den Ausscheidungen der Fledermaus, die im Kuhhorn vergraben und später verdünnt werden – wobei das je doller wirken soll, je verwässerter die Lösung ist. Je nach Mondphase dieses tun und jenes lassen. Derlei Aktivitäten zwischen Vormoderne und Homöopathie werden als Biodynamik im Weinberg gelabelt, suggerieren Exklusivität und sollen hohe Preise rechtfertigen. Die Methode findet immer noch neue Anhänger – zumindest auf den Websites der Betriebe. Was der Hokuspokus mit Fledermäusen und Mondphasen kaschieren hilft: Auch die Biodynamiker dürfen im Weinberg Kupfer und Netzschwefel einsetzen. Und im Keller dürfen sie tun, was jeder konventionelle Winzer auch tut. Aufzuckern, Schönen, Klären und Filtern. Das tun nicht alle. Aber wer’s tut, befindet sich nicht im Widerspruch zum anthroposophischen Oberguru Steiner.

Die beiden Gründer und Geschäftsführer der Weinimports und -vertriebsgesellschaft crusuavage-Weine: Stefan und Martin. Bei der Auswahl unserer Weine leiten uns * Geschmacksqualität * respektvoller Umgang mit Mensch und Natur * ein fairer Preis für Hersteller und Verbraucher. Wir beziehen die Weine direkt von kleinen Weingütern aus Deutschland und Frankreich, oft aus weniger bekannten Anbaugebieten. Die meisten sind Bio-zertifiziert.

Bio’s und das Schwermetall Kupfer

Als die Reblaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Reben in ganz Europa kahlfraß – übrigens ein Früheffekt der wirtschaftlichen Globalisierung, denn sie wurde aus den USA eingeschleppt – fand man die Lösung an der Quelle des Übels: Man importierte Wildreben aus dem USA, die an den Wurzeln Korkringe ausbilden, die der Reblaus den Appetit verderben, und pfropfte auf diese so genannten „Unterlagen“ die Edelreben wie Riesling oder Merlot auf. Aber wie so oft: Mit der Lösung eines Problems schuf man ein neues. Die Reben wurden anfällig gegen den „falschen Mehltau“ (Peronospora). Mit Schwefel und Kupfer – ein Schwermetall, das sich im Boden anreichert – ging man durch prophylaktische Spritzungen gegen den Pilzbefall vor. Berühmt berüchtigt: die Bouillie bordelaise, die Bordeauxbrühe, eine Mischung aus beiden Giften. Dann kamen synthetische Fungizide (meist zusammen mit Kupfer), die nach einander erst eine steile Karriere machten, dann aber verboten wurden. In der Bio-Landwirtschaft sind diese Mittel nicht zulässig. Der Einsatz von Kupferprodukten ist im Biolandbau aber weiterhin erlaubt. Und zwar bis zu vier Kilogramm Kuper pro Hektar. Man weiß um die Probleme (Anreicherung des Schwermetalls im Boden, Ausschwemmung in Gewässer, Abtötung von Mikroorganismen), aber man weiß nicht, wie man vom Kupfer loskommt. Zu groß ist die Nachfrage nach Bio-Produkten, und die Produktion darf nicht stocken. Es lohnt sich also immer zu fragen, wieviel Kupfer und in welcher Form ein Bio-Weingut einsetzt. Nur einmal erhielt ich die Antwort: gar keinen …

Auch wenn der Steile Süden mit seinen alten Rieslingreben nicht ohne “Pflanzenschutz” aus dem Spritzhubschrauber auskommt: Das meiste ist Bearbeitung von Hand wie etwa hier das Aushacken des gewaltigen Wurzelwerks der Brombeere. (Foto: Undine Löhfelm, Februar 2020. Steiler Süden, Neefer Frauenberg)

Neue, resistente Rebsorten

… Das war, als ich Sonja Geoffray kennen lernte. Sie kommt aus dem Wallis und lebt auf dem Chateau Thivin am Mont Brouilly. Ihre Schwiegereltern machen dort hoch angesehene Bio-Weine, seit Jahrzehnten. Sie hat eine Parzelle mit pilzwiderständigen Rebsorten bepflanzt: Sie heißen Prior, Chambourcin und Souvignier Gris und stammen alle aus den Zuchtbemühungen Norbert Beckers am Weinbauinstituts Freiburg. Die Reben zeichnen sich durch eine erhöhte Resistenz gegen Pilzbefall aus, aber sie sind nicht völlig resistent. Um den Pilzbefall zu verringern, lässt sie die Reben höher wachsen, als das in der Region üblich ist. Das geht, weil es durch Klimawandel so warm ist, dass zum Ausreifen der Beeren die Wärmereflexion aus dem Boden keine Rolle mehr spielt. Je weiter das untere Ende der Laubwand vom Boden entfernt ist, desto besser sind die Reben vor den sich im Boden befindenden Pilzsporen geschützt. Die Reben höher wachsen zu lassen, hat außerdem den Vorteil, dass Schafe zwischen den Reben weiden können, ohne die Reben abzufressen. Schafe halten das Grünzeug kurz, das zwischen den Reben wächst, und sie düngen den Boden. Und sie tun eins nicht: Sie verdichten den Boden nicht (wie etwa der Traktor), und erlauben so den Mikroorganismen, den Boden locker und lebendig zu halten.

Utopia: Rotwein-Cuvée ohne Pestizide der Winzerin Sonja Geoffray, Château Thivin, Mont de Brouilly

„Was passiert, wenn du doch mal Mehltau in Weinberg hast?“, frage ich.
„Ich schneide die befallenen Pflanzenteile ab und nehme sie aus dem Weinberg raus.“
Manchmal macht sie auch Pflanzensud aus Brennnessel oder Schafgarbe. Das hilft. Aber das vernichtet nicht alles. Sonja Geoffray lebt mit diesen Beeinträchtigungen und mit einem geringeren Ertrag. Und sie erzeugt aus diesen Reben mit indigenen Hefen, also ohne Zusatz von Reinzuchthefen, im Holzfass eine Cuvée namens “Utopia”. Für den 2018er bekam sie die Goldmedaille des Vereins der Winzer, die pilzwiderständige Rebsorten einsetzen. Von wem auch sonst? Prior und Co. sind nicht vergleichbar mit Gamay, Pinot Noir oder Cabernet Sauvignon. Sie sind anders. Aber sie verfügen über alles, was man für einen komplexen Wein braucht: Vollmundigkeit, Tannine, Säure, Fruchtaromen, eine tiefe, ins Bläuliche gehende Farbe. Und der Wein von Sonja Geoffray ist das beste Beispiel für Verbindung aus respektvollem Umgang mit der Natur und höchtem Anspruch an Qualität.
Stand Mitte des Sabbaticals bin ich überzeugt: Die gegen Pilzerkrankungen resistenten Neuzüchtungen sind zusammen mit neuen Anbauformen, den sogenannten “Erziehungssystemen” die Zukunft des Weinbaus. Und das wird Auswirkungen auf meine Pläne bei der Wiederbelebung des Weinbaus an der Oberen Saar haben … (Fortsetzungt folgt)

Reblandschaft bei Brouilly, Beaujolais, Juli 2020