Schlagwort: Lothringen

In velo veritas

Aufs Rad steigen und losfahren. Ziel: Marseille. Ideallinie Südsüdwesten. Genau von da kommt leider auch der Wind. Kommt er sonst nie. Durch Lothringen, vorbei an Mirabellenhainen, Weizenfeldern, Viehweiden. Durchs krumme Elsass, eigentlich auch noch Lothringen. Nur die Störche scheinen das Geheimnis der Grenze zwischen den Départements “Bas Rhin” und “Moselle” zu kennen. Auf der lothringischen Seite sieht man sie nie. Hügel hoch und wieder runter oder entlang des Canal des houillères de la Sarre und des Canal de l’est. Durch Gegenden, wo es nicht einmal mehr eine Boulangerie gibt. Auf grob asphaltierten Autostraßen, über Waldwege oder quer durch die Wiese (laut Fahrrad-Navi bin ich richtig). Begleitet von Schwalben und satten Wespen – das üppige Obstjahr hat sie friedlich gestimmt. Spätsommer. Lange Schatten, die so gut zu Lothringen passen. Und darüber der große Himmel, als schwappe darunter noch immer das alte Meer – das hier zu Beginn des Mesozoikums alles bedeckte – gegen die größeren Hügel, die damals als Insel herausragten.

Canal de l’Est, zwischen Mosel und Saône. Là, ca roule …

Chardonnay von der Saône

Ich verfluche das Fahrradnavi, das mich schon wieder auf eine Seitenstraße gelockt hat, die zu Beginn asphaltiert war, nun aber aus spitzen Steinbrocken besteht und steil nach oben führt. Immer wieder dreht das Hinterrad durch. Irgendwann ist der Anstieg aber doch vorbei, und die Abfahrt führt durch Rebhänge, die ich hier nicht erwartet hätte. Entlang der Saône in der Franche-Comté? Käse, klar, aber Wein? Ich bin den Monts de Gy, und der nächste Ort ist Charcenne, Sitz einer der größten Rebzuchtanlagen des “Hexagons”, wie die Franzosen in geometrischer Aufklärertradition ihr Territoire nennen. Hätte ich hier jetzt nicht erwartet.

Monts de Gy – Trockenwiesen, Weiden – und an geeigneter Stelle auch mal ein Rebberg

Ein Schild neben der Straße: “Pizza – Flamme”. Ein Plastiktisch, zwei Stühle. Ein Typ mit gelbem Radlerkäppi schaut aus dem alten Renault Transporter raus, in dem er die Teiglinge platt macht, belegt und in den Ofen schiebt. Während ich auf meine Bestellung warte, suche ich mit dem Handynetz nach Bio-Produzenten in dieser Weinregion, von deren Existenz ich bis eben noch gar nichts wusste. Acht Kilometer von Charcenne Richtung Saône liegt Motey-Besuche, und dort gibt es die Domaine Lahaye. Mist, da bin ich jetzt schon dran vorbei, und Umwege geben meine Beine heute nicht mehr her. Monsieur Lahaye verrät mir aber am Telefon, dass ich seinen Wein im “Coin bio” in Dôle finde.

Dôle. Blick auf den Doubs. Flussabwärts kommt schon bald die Mündung in die Saône, die in Lyon in die Rhône mündet, die schließlich in der Camargue ins Mittelmeer mündet …

Dôle

Die Neugier auf den Chardonnay der Lahayes motiviert mich. Ich trete in die Pedale und stelle mir die Strecke bis zum Mittelmeer vor. Saône, Doubs. Dann wieder die Saône, Rast in Lyon, und: rollen lassen, das Rhône-Tal hinunter … So zumindest der Plan. Aber ich komme mit einem Plattfuß in Dôle an. Der Gegenwind aus Südsüdwest lässt nicht nach. Schwerer Regen ist für Lyon angekündigt. Und in Marseille, liest man, steigen schon wieder die COVID-Zahlen. Ich stelle das Rad im Hotel ab, besorge mir den Chardonnay im Bioladen und beschließe, einen Ruhetag einzulegen. Den Wein verwahrt die freundliche Rezeptionistin in der Truhe mit dem Langnese-Eis. Später serviert sie ihn mir – und sich – an der Hotelbar im edlen Glas. Der Chardonnay ist frisch und klar, mit einem Hauch Eichenholz. Ich will ihn sofort einkaufen für den Shop. Aber ich krieg den Winzer nicht mehr ans Telefon.

Ein Chardonnay aus der Franche-Comté, den ich gerne im Programm des crusauvage-Shops hätte … vielleicht wirds ja irgendwas was …

Jura statt Mittelmeer

Nach dem Ruhetag entscheide ich mich gegen die Flachetappen entlang der Flüsse und biege ab in den Jura. Lieber Berge als Gegenwind. Lieber schweizer Gutturallaute als pausenlose COVID-Warnungen. Mein neues Ziel heißt jetzt Yvoire, Küstenstädtchen auf der französischen Seite des Genfer Sees, zu erreichen mit der Fähre von Lausanne. Auf der direkten Radroute liegt Arbois, die Weinhauptstadt des Jura. Hier kultivieren sie eine eigenwillige Variante des Chardonnay, außerdem den “Vin de Paille”, einen Süßwein, dessen Trauben nach der Lese auf Strohmatten getrocknet werden, um den Zuckergehalt zu steigern. Und natürlich den legendären Vin Jaune, noch viel eigentümlicher als die anderen Weine von hier, stark oxidativ und an Sherry erinnernd.

Arbois, Hauptstadt des Jura-Weins, der in den letzten Jahren Kultstatus erlangt hat und für den zum Teil abenteuerliche Preise gezahlt werden.

Bei Pierre Overnoy

Von Arbois führt eine kleine, steil ansteigende Straße in den Ort Pupillin, Weltzentrum der Ploussard-Herstellung, neben dem Trousseau die wichtigste Rotweintraube im Jura. Mitten in Pupillin liegt das Weingut von Pierre Overnoy, dem Vordenker und Vormacher in Sachen Naturwein. In den 70er Jahren verbannte er alle chemischen Hilfsmittel aus dem Keller und verzichtete selbst auf den Schwefel bei der Flaschenabfüllung. Die Tür zum Schuppen steht offen. Ich rufe hinein und bekomme Antwort aus der Küche, wo Pierre Overnoy gerade den Sauerteig bearbeitet. In wenigen Tagen beginnt die Weinlese, und die Helfer müssen mit gutem Brot versorgt werden.

Pierre Overnoy in seiner Küche in Arbois-Pupillin. Bald beginnt auch im Jura die Weinlese, fast zwei Monate früher als im letzten Jahr. Mit 83 mag er selbst nicht mehr in die steilen Wingerte steigen. Die Verantwortung für die Domaine hat er schon vor zwanzig Jahren an Emmanuel Houillon abgegeben. Heute kümmert er sich um die Verpflegung der Erntehelfer mit Sauerteig-Brot.

Kein Neubau aus Glas, Holz und Sichtbeton wie so oft bei den neuen Stars der Weinszene mit ihren horrenden Preisen. Gebrauchte Gerätschaften, Möbel, die hier schon sehr lange stehen. Ein Schäferhund, der unter dem Tisch döst. Kein Firlefanz, kein Blendwerk. Weniger ist hier scheinbar immer noch mehr. So wie in den Anfangsjahren des Naturweins. Pierre Overnoy betrachtet seine Arbeit als eine Rückkehr zu den Verarbeitungsmethoden seiner Vorfahren, als die Pharmakonzerne den Weinbau noch nicht als lukrativen Absatzmarkt für sich entdeckt hatten. Ich habe Glück, er hat Zeit für ein Schwätzchen, Wein gibt’s aber nicht. In den letzten Jahren waren die Erträge gering. Wenn es dieses Jahr besser wird, kriegen wir was ab. Vielleicht. Er gibt mir Emmanuels Handynummer. Ich soll nach der Maischegärung mal anrufen. Kupfer? Nun ja, Kupfer spritzen sie auch. Geht nicht ohne. Ploussard oder Poulsard ist nicht gerade berühmt für seine Pilzresistenz. Aber: Seit Jahrzehnten verwenden sie nur 400g pro Hektar und nicht die 6 kg, die erlaubt sind. Und im Keller nach wie vor keine Chemie!

Letzte Kilometer

Von Pupillin geht’s über ein paar Pässe in immer menschenverlassenere Gegenden des Jura. Bis zum Abend schaffe ich es nur noch bis zum Lac de Saint Point, so einer Art Wiederbeginn der Zivilisation. Im Hotelrestaurant probiere ich diverse Ploussards, von denen mich keiner umhaut. Früh am nächsten Morgen radle ich über den letzten Pass und fahre dann fünfzig Kilometer am Stück talwärts, von der Skistation Métabief bis zum Neuenburger See, wo mich endlich der Regen einholt. In Yverdon-Les-Bains steige ich in den Zug und bin am Abend wieder zu Hause. Auch ohne Wein von Overnoy oder Lahaye bin ich ganz zufrieden. Schließlich geht an der Mosel bald die Weinlese los.