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Weinlese 2019 in Châteauneuf du Pape

Erster Oktober: Weinlese mit Winzer Daniel Chaussy und seinem Team in Châteauneuf du Pape. Wir ernten unter dem wachsamen Auge des legendären Tour de France-Bergs Mont Ventoux Trauben von achtzigjährigen Reben, die auf großen Kieseln wachsen. Hier floss einst die Rhone und mahlte in mühevoller Kleinstarbeit die Gesteinsbrocken der Alpen, der Ardèche und des Vercors klein – bis eine tektonische Plattenverschiebung den Lauf des Flusses änderte und dadurch im alten Kiesbett ein einzigartiges Terroir für die Weinproduktion entstand.

Beste Grenache-Qualität. In Châteauneuf stehen alle Stöcke einzeln, ohne Stütze, die Trauben wachsen fast am Boden. Das geht beim Ernten ganz schön auf den Rücken.

Vom Vorteil, im alten Flussbett zu pflanzen

Dass die Reben – Grenache und Mourvèdre – zwischen den Kieseln der Rhone wachsen, hat Vorteile. Das Regenwasser läuft ab, und die Reben stehen nie nass. Dazu kommen die südfranzösische Sonne und der Mistral, der auch mal mit Tempo 100 durch die Blätter fegt. Das ist nichts für Fäulnis und Schädlinge. Der Grenache wird dabei so robust, dass man zupackend schneiden muss, sonst rückt der Stock die Trauben nicht raus. Die Pflanzungen des Mas de Boislauzon sind über achtzig Jahre alt. “Das ist aber bei vielen Betrieben in Châteauneuf der Fall”, sagt Daniel Chaussy, der zusammen mit seiner Schwester Christine in der vierten Generation das Familienunternehmen betreibt. Auf 27hl/ha (2700 Liter) schätzt er die Ausbeute für dieses Jahr – 35hl wären maximal erlaubt – und auch das wäre schon extrem wenig (Deutschland liegt im Schnitt bei über 100hl/ha). Neben der natürlichen Ertragsbegrenzung und der damit einhergehenden Intensivierung der Fruchtaromen haben alte Reben den Vorteil, auch in sehr heißen Sommern ausreichend Wasser zu finden, weil sie sehr tief wurzeln. “Der heiße Sommer hat dazu geführt, dass wir noch nie so wenig Chemie eingesetzt haben wie dieses Jahr”, sagt Daniel. Und im zertifizierten Biobetrieb darf er ohnehin nur SO2 und Kupfer verwenden.

Die marokkanische Lese-Crew auf dem Weg zum Plateau de Cabrières, der höchsten Erhebung in Châteauneuf du Pape

Beim Weinbau kommt es auf drei Dinge an: Selektion, Selektion und Selektion

Daniel hilft selbst den ganzen Tag bei der Lese mit. Es gibt Entscheidungen, die er nur hier draußen anhand der aktuellen Reife der Trauben treffen kann. Der Auftrag an die Marokkaner lautet, alle Frucht von den Stöcken zu schneiden. Auf dem hochbeinigen Traktor, der mitten in den Reben steht, wird sofort sortiert. Fäulnis gibt es dieses Jahr gar keine, also wird nach Farbe und Beerengröße in zwei Gefäße selektiert. Neben dem Châteauneuf machen die Chaussys auch einen Côtes du Rhône Village und sogar einen Vin de France. Auch diese stammen aus eigenem Bio-Anbau und sind in ihrer Kategorie exzellent. Aber heute geht es um die Perfomance ihrer Spitzenweine, und das in einem herausragenden Jahr. Die Selektion beginnt beim Rebschnitt im Winter. Die Reben werden überall im Süden, wo es keine Drahtspaliere gibt, auf eine Becherform (“Gobelet”) gebracht, die angeblich schon die Römer verwendet haben. Auf den Armen dieser Becherform lässt Daniel einen oder mehrere Triebe stehen, das hängt von der Stärke des alten Holzes ab. Dann werden übers Jahr immer wieder Blätter, Traubenansätze, Äste herausgeschnitten, um leichter ernten zu können. Aber auch um den Wind durchzulassen und so Fäulnis zu verhindern. Daniel gibt mir die Beeren im oberen und unteren Hang zum Probieren. “Der Hang ist heterogen”, sagt er, “hinter der Reihe da vorne hören wir auf und machen bei den letzten Reihen im Flachen weiter.” Tatsache. Die Beeren, die weiter oben auf Kalklehmboden stehen, haben eine dickere Schale und sind sehr knackig, weiter unten nimmt das ab. Die Beeren am anderen Ende des Weinbergs, dort wie die Reben zwischen den Kieseln in Sand wurzeln, mischt Daniel in seine Auswahl, um neben den langen Tanninen, der intensiven Farbe und dem Volumen, mehr Eleganz in den Wein zu bringen. Aus der Entfernung macht er mich später auf den unterschiedlichen Blattwuchs in derselben Parzelle aufmerksam. “Die sind zu dunkelgrün, die hatten nicht genug Wasserstress. Die lesen wir in einen anderen Behälter und machen einen anderen Wein daraus.”

Winzer Daniel Chaussy an der Abbeeranlage. Die im Weinberg selektierten Trauben werden mit einer Schnecke direkt von der Edelstahlwanne im Anhänger in die Abbeeranlage geschoben. Links fliegen die Rappen raus. Der Schlauch rechts führt direkt in den Maischebottich aus Beton. Die Gärung kann beginnen.

Im Keller, nach der Lese

Nach der Lese werden die Trauben maschinell abgebeert, die Rappen (Stiel und Stängel) fliegen raus, der Rest (Häute, Fruchtfleisch, Kerne, Saft) werden in ein nicht beschichtetes Betonfass gepumpt. Zugesetzt wird weder Hefe noch Zucker. Die Trauben bringen alles mit, was sie brauchen, um zu Wein zu werden. Das war hier schon immer so. Dem Zufall wird aber trotzdem nichts überlassen. Temperatur und Mostgehalt werden täglich mindestens einmal geprüft, damit die Verwandlung des Zuckers in Alkohol linear abläuft und nicht zu schnell. “Zu schnelle Fermentierung ist so, wie wenn du im Sprint den Mont Ventoux anfährst. Dann geht dir oben die Luft aus.” Daniel war mal Rugby-Profi, aber mit Radrennen und dem Berg kennen sich hier alle aus. Wird die Maische zu warm, kühlt er sie. Wir probieren den vergorenen Most aus verschiedenen Fässern: Grenache, Mourvèdre, Syrah. Nach vier Tagen merkt man schon, was für Urgewalten hier drinstecken. 14,5% Alkohol werden es wohl am Ende mindestens, und das mit sehr viel Extrakt. 2019 verspricht, ein außergewöhnlich guter Jahrgang zu werden!

Die Hand des Meisters beim Ermitteln des Mostgewichts

Weinlese 2019 in der Champagne

Über Champagner wissen sogar die, die ihn nicht trinken, zumindest drei Dinge: Erstens, er sprudelt. Zweitens, er kommt aus Frankreich, genauer aus einer Gegend, die Champagne heißt. Und drittens, er ist deutlich teurer als alles andere, was schäumt und blubbert. Ich habe hier ein paar weniger bekannte, teils auch weniger schmeichelhafte Informationen zusammengetragen. Anlass war ein Abstecher mit meinem Hamburger Kumpel Malte in die Coteaux Champenois, jene Grand Cru-Weinhänge, die zwischen der Stadt Reims und der Marne liegen.

WÄCHST CHAMPAGNER WIRKLICH AUF DER MÜLLDEPONIE?

Natürlich wächst der Champagner nicht auf der Mülldeponie, aber die Mülldeponie kommt zum Champagner. Zumindest war das so bis Mitte der 1990er Jahre. Der Franzose Vincent Moissonier – er betreibt das beste Restaurant in Deutschland, und zwar in Köln – erklärt im folgenden Video dem Schauspieler Joachim Król das „Düngen“ der Weinberge der Champagne mit Pariser Hausmüll. Und der war, wie man sich leicht vorstellen kann, in den 1990er Jahren schon ordentlich mit Kunststoff und anderen Giften durchsetzt.

Im Video hört man sehr schön den französischen Akzent von Monsieur Moissonier, wenn das französische Voice Over pausiert.

Jetzt ein paar Zahlen!

2007 war das bisher beste Verkaufsjahr für den Champagner: knapp 340 Millionen Flaschen der „Bulles“ (Aussprache: „Büll“; im Französischen eine umgangssprachliche Bezeichnung für Blase und für Champagner) wurden gekippt, vor allem in die Hälse derer, die für eine andere „Bulle“ verantwortlich waren, für die Sub-Prime und Schrottimmobilien-Blase. Als diese 2008 platzt, geht der Absatz des Lieblingsgesöffs der Investmentbanker um 15% zurück. Insgesamt warten derzeit weltweit etwa 1,5 Milliarden Flaschen auf den passenden Anlass, um geleert zu werden. Das sind über vier Jahresproduktionen. Auch noch so eine „Bulle“? Eine „Bulle des bulles?“ Nein. Wenn man durch die Grand Crus der Champagne fährt, hat man nicht den Eindruck, dass das Wort Krise hier zum Wortschatz gehört. Im Schnitt werden die Flaschen aus der Champagne für 15 Euro verkauft, die Grand Crus liegen deutlich drüber.

Stadtschlösschen in Ay, finanziert vor allem mit Luftperlen. Darin eines der besten Häuser, das auch Rotwein produziert: Champagne Geoffroy

Haben wirklich die Engländer den Champagner erfunden?

Übrigens saufen nach den Franzosen (50%) die Engländer am meisten Champagner. Und das sollte nicht verwundern, haben doch die Briten einen entscheidenden Anteil daran, dass der Champagner so daherkommt, wie wir ihn kennen: sprudelnd. Die Briten waren es, die dem Wein in der Flasche Zuckerrohr aus den Kolonien hinzufügten und so eine zweite Gärung auslösten. Das dabei entstehende Kohlendioxid blieb in der Flasche, die „Bulles“ waren erfunden. Die passende, den Druck aushaltende Flasche hatten die Briten gleich miterfunden. Das war Ende des 17. Jahrhunderts. Parallel hierzu besteht in der Champagne die Auffassung, dass ein Benediktinermönch namens Pierre, genannt Dom, Perignon (heute eine Edelmarke von Moët Chandon) mit dem Mixen von Traubensäften und teilvergorenen Weinen dasselbe Ergebnis erzielt habt. Davor waren die Weine aus der Champagne nicht laut und bubbly, sondern still („tranquille“), und wenn sie rot waren, waren sie genauso rot wie die Rotweine andernorts auch – und noch keine „blanc de noir“.

Von Hand gelesene gesunde Trauben am 16.09.2019 in Bouzy. Noch sind sie rot. Sie könnten zu Rotwein weiterverarbeitet werden. Wahrscheinlicher ist, dass sie die Basis bilden für einen “Blanc de noir”, einen weißen Champagner aus Pinot Noir-Trauben

Marketing und Repression

Damit sich nicht jeder Schaumwein Champagner nennen darf, gehen die Interessensvertreter der Bauern aus der Champagne konsequent gegen Verunreinigungen des Produkts vor. So verbietet seit 1998 das Abkommen zwischen der Schweiz und der EU einer eidgenössischen Gemeinde namens „Champagne“, einem Nest mit 912 Einwohnern und 43 Winzern, den Namen seines Ortes auf den Etiketten seiner im Übrigen nicht schäumenden Weine zu erwähnen. Wer so massiv Lobbyarbeit verrichtet, wird sich doch auch in anderer Weise für die Qualität eines Produkts einsetzen, das derart schützenswert ist. Oder etwa nicht? Leider nein. Neben der schon erwähnten und mittlerweile verbotenen Hausmüllverarbeitung sind in der Champagne Dinge erlaubt, über die man andernorts zumindest die Nase rümpft – wenn sie nicht gar unter Strafandrohung verboten sind. Hier darf man rote und weiße Rebsorten mischen. Man darf Jahrgänge miteinander verschneiden. Und auch das Zusetzen von Zucker ist Teil der „méthode champenoise“. Nur heißen die Dinge hier schicker: Statt Panschen spricht man von „Assemblage“, „Réserve“ und „Dosage“.

Aber genug geschimpft. Jetzt kommt was Positives: die Coteaux Champenois

Die Champagne bleibt aber bei alledem ein Weinbaugebiet, also ein Gebiet, in dem Wein wächst, und nicht nur Blasen erzeugt werden. Auch stiller Wein wird hier produziert: weiß, rosé und rot. Diese Weine findet man unter der Bezeichnung “Coteaux Champenois”. Angeblich steigt die Produktion dieser roten stillen Champagner – denn auch in der Champagne wird’s wärmer und die hier zugelassenen Rotweinsorten Pinot noir und Pinot meunier mögen nicht nur die Kalkböden der Champagne, sondern auch die Sonne. Aber die Champagner-Lobby mag die roten Weine nicht. Seit dem Millennium gibt es keine Zahlen mehr zur Produktion. Der nicht blubbernde Rotwein wird statistisch einfach in die Champagner-Zahlen eingepflügt. Ist er zu gut? Ist das Risiko zu hoch, den mit viel Aufwand durch Bling-Bling-Marketing und Errichtung rechtlicher Hürden aufgebauten hochdefinierten Markenkern zu beschädigen?

Die roten Traditionstrauben in der Champagne: Pinot Meunier (Schwarzriesling) und Pinot noir (Spätburgunder). Meist wird daraus Champagner, in diesem Fall aber ein stolzer Rotwein, mit einem ebenso stolzen Preis.

Der Abstecher in die Coteaux Champenois lohnt sich. Zumindest wenn man eh schon Richtung Westen unterwegs ist. Im Weinhandel hierzulande wird man diese roten Weine nämlich vergeblich suchen. In Tokyo und New York ist das anders. Als ich am Montag ein wenig mit Jean-Baptiste Geoffroy über seine Rotweine plaudere, stellte er mir Yuri Shima vor. Yuri ist eine japanische Juristin, die die Website champagne-life.com betreibt, in Tokyo und L.A. lebt, aber ihre freie Zeit komplett in der Champagne verbringt. Und was kauft sie? Eine Kiste Roten!

Das ABC der Orte, in denen traditionell auch stiller Champagner hergestellt wird: A wie Aÿ (ausgesprochen wie Eselwiehern rückwärts), B wie Bouzy und C wie Cumières. Aber Achtung: Alle Weingüter, die Rotweine herstellen, machen auch Champagner. Nach den Roten muss man also fragen!

Steiler Süden: Nachkontrolle

Es ist Anfang September, als Svenja und ich uns ins Auto setzen und nach Neef düsen. Zwei Stunden hin, zwei Stunden dort, zwei Stunden zurück. Die Mission: Nachsehen, wie es dem Patienten, dem Wingert “Steiler Süden“, geht, nachdem wir ihn im Juli (fast) kahl geschoren hatten. Wir haben ordentlich Sorge im Gepäck, was die Hitzewellen angerichtet haben könnten. Als wir ankommen, schauen wir uns daher erst lieber mal die Weinberge von Hannah an, die über die Jahre bearbeitet worden waren, den Punk und den Y. Um eine Referenz zu haben.

“Allet schnieke, allet schick” bei Punk und Y

Was haben wir erreicht?

Der Rasur des Steilen Südens im Juli waren einige Gespräche vorausgegangen. Die einen sagten: Die Reben haben sich ausgeblutet und werden nicht überleben. Also spart euch die Arbeit, reißt alles aus und pflanzt neu! Andere meinten, wir sollten massiv runterschneiden, vor allem die Trauben, damit die Reben sich aufs Überleben konzentrieren können. Und dann gab es auch welche, die meinten, dass wir im Herbst 800 Liter ernten könnten. Für uns war klar. Reben retten hatte oberste Priorität. Aber etwas Wein im ersten Jahr wäre auch nicht schlecht. Also haben wir so viel weggeschnitten wie ging – und doch noch was hängen lassen. Die Reben sollten schließlich nicht vergessen, wofür wir sie weiterleben ließen. Dann kam die große Hitze …

Neefer Frauenberg: Steiler Süden: von der grünen Hölle zur braunen Wüste

Die Reben sehen mickrig aus, aber sie leben. Und man kann jetzt gut durch die Reihen laufen bis auf die unteren Terrassen. Auch das ist ein Vorteil. Und schließlich: Trotz Nullkommanull-Chemie-Einsatz sind kaum Krankheiten im Hang – das verdanken wir der Trockenheit. Andererseits haben die Hitzewellen die ohnehin schon wenigen Trauben in Teilen verbrannt. Das ist auch anderen passiert, die die Traubenzone in diesem Jahr zu früh entblättert hatten. Die Ernte im Steilen Süden wird also sehr gering ausfallen, wenn es denn überhaupt eine gibt. Und ob die sich dann als einzelne Lage ausbauen lässt, ist äußerst fraglich. Wir werden sehen. Übernächste Woche schaue ich wieder nach – mit Refraktometer, einem optischen Gerät zur Bestimmung des Mostgewichts. Svenja und ich haben erst mal die kräftig nachgewachsenen Brombeerhecken ausgerissen, so gut es ging . Und dann waren die 2h auch schon wieder vorbei.

Nicht lehrbuchmäßig, aber noch hängt was dran – Vögel, Rehe und Wildschweine liegen zusammen mit uns auf der Lauer. Wer wird als erstes im Hang sein, wenn die Trauben reif sind? To be continued

Weingut Grumbach, Lieser (Mosel)

Ich kenne Leute, die schon beim Gespräch über deutschen Rotwein aussehen, als hätte man ihnen eine Kanne Eiswasser in den Kragen gekippt. Diese Leute lieben fleischige, alkohol- und extraktreiche Rotweine, wie sie aus den Trauben des Südens gekeltert werden und die oft die 14 Grad Alkohol überschreiten: Grenach, Syrah, Sangiovese, Tempranillo, Malbec. Deutsche Rotweine haben für sie eine kränkliche Farbe, sind ausdruckslos im Duft und wässrig im Geschmack. Und mit dem ersten Schluck kündigt sich bereits das Sodbrennen an. Ich kann diese Leute nur allzugut verstehen, ich war früher selbst so drauf. Und auch wenn ich heute den ein oder anderen deutschen Spätburgunder unwiderstehlich finde, weiß ich, dass es nach wie vor unendlich viel Schrott auf dem Markt gibt.

Rotwein von der Mosel. VON DER MOSEL???

Jetzt sitze ich in Lieser an der Mosel beim Winzer Hermann Grumbach. Wegen dem zukünftigen Ausbau der Ernte im Steilen Süden will ich von ihm wissen, wie man einen Riesling von solch kartesianischer Klarheit herstellen kann wie seinen 2017er Devonschiefer. Grumbach nimmt sich Zeit für die Antwort. Und er hat auch Zeit für alle anderen Fragen – selbst für die heiklen. Für Fragen zu Säureausgleich, Spritzmitteln oder mechanischer Bearbeitung zum Beispiel. Grumbach kann genau erklären, warum er etwas tut oder es bleiben lässt. Dabei macht er keine Permakultur, keine Biodynamik und auch keinen Naturwein. Er ist ein Mann der Aufklärung, aber eine postmoderne Variante: Er vertraut der Natur. Er vesucht die Chemie von Böden, Mikroorganismen und Pflanzen zu verstehen und ihr zu folgen ‑ nicht die Natur mit Chemie auf Linie zu bringen. Das Ergebnis ist dieser scharfsinnige Riesling von 2017, der mich zu ihm geführt hat. Aber: Seine Passion liegt woanders. Beim Rotwein. Eigentlich sollte mich das mit Vorfreude erfüllen, teilen wir doch diese Passion. Aber Rotwein von der Mosel? Mir läufts kalt den Buckel runter, als hätte mir jemand Eiswasser in den Kragen geschüttet.

Einsetzende Färbung beim Spätburgunder, Lage Schwarzlay im August 2019

Anwalt des Rotweins von der Mosel

Grumbach arbeitet als Jurist, als er Mitte der Achtziger mit dem Weinbau anfängt, wieder in seinen Heimatort Lieser zieht, die Klinik kauft, in der er geboren wurde, und sie zu Weingut und Wohnhaus umbaut. Mitte der Achtziger, das ist mitten in der großen Panscher- und Imagekrise des Moselweinbaus. Als wenig später und vermutlich als Reaktion darauf zum ersten Mal Pinot Noir (Spätburgunder) an der Mosel für den Weinanbau zugelassen wird, ist Grumbach einer der ersten, der die neue Rebsorte anpflanzt. Während die meisten seiner Winzerkollegen ihren Müller-Thurgau ausstocken und ertragsstarke Spätburgunder-Klone in die schlechten Flachlagen setzen, erschlägt Grumbach die heilige Kuh der Mosel: Er reißt den Riesling aus den besten Schiefer-Steilhängen. Dort pflanzt er Klone, wie er sie von seinem Mentor Armand Rousseau aus Gevrey-Chambertin im Burgund kennt. Bei Nacht und Nebel hat er sie über die deutsch-französische Grenze geschafft.

Ich bewundere die Weine, die Armand Rousseau macht, aber noch mehr bewundere ich die Preise, die er für sie verlangen kann.

Hermann Grumbach, Lieser

Grumbach erzählt von den Schwächen seiner Burgunder-Klone: Die Beeren stehen zu eng in der Traube. Je näher die Ernte kommt, desto praller gefüllt sind die Beeren. Sie verformen sich zu Tönnchen, weil sie sich nicht zur Seite ausdehnen können. Und damit steigt seine Sorge, dass die Beeren aufplatzen und Krankheiten in die Traube einziehen. Mittlerweile gibt es vom deutschen Weinbauinstitut Geisenheim neugezüchtete Burgunder-Klone , bei denen die Beeren lockerer in der Traube sitzen. Die würde Grumbach heute verwenden. Keine Frage allerdings, dass die über 30 Jahre alten Reben bleiben, wo und wie sie sind: engbeerig und risikobeladen.

Es gab eine Zeit, da hätte ich für meine Roten die Goldmedaille verdient gehabt, die Goldmedaille der Schreiner-Innung – so viel Holz war da drin.

Hermann Grumbach, Lieser

Auf die Jahre der Glykol-Trickserei folgten in Deutschland die Jahre des Holzfass-Fanatismus. So manch einer glaubte, er könne die gegenüber den burgundischen Pinots fehlende Dichte der Weine durch Lagerung in neuen Eichenfässern („Barrique“) wettmachen. Auch Grumbach ist mit von der Partie. Heute lacht er selbstkritisch über seine „hölzerne Periode“. Was für ein Glück, dass ich seine Weine erst jetzt probiere! Roter Grumbacher ist alles andere als das, was man von einem deutschen Rotwein erwartet: Er ist nicht durchsichtig, er ist nicht süß, er ist nicht mit Deckwein eingefärbt und verfälscht. Er hat nicht diesen widerlichen verkochten Marmeladenton, und er schmeckt nicht nach Flüssigholz! All das zusammen führte allerdings dazu, dass ihm die Prüfkommission für rote Moselweine zu Beginn die Prädikatsvergabe verweigerte. „Atypisch“, seien seine Weine. Ein schöneres Lob für deutschen Spätburgunder kann ich mir nicht vorstellen!

2016er Schwarzlay in der wiederholten Verkostung: Die erste Kiste hielt keine Woche.

Hier geht es zur Bestellung der Spätburgunder Schwarzlay …
Und hier geht es zur Bestellung des Devonschiefer Riesling …

PPT im Steilen Süden

Der Steile Süden ist eine Parzelle im Neefer Frauenberg. Der sehr steile Wingert besteht aus Schiefer und bietet damit eigentlich beste Voraussetzungen für einen mineralischen Riesling mit typischem “Terroir”. Früher hat der Steile Süden auch tatsächlich einen tollen Wein abgegeben. Jetzt ist er seit drei Jahren verwildert. Dornenhecken wurzeln zwischen den Reben und nehmen ihnen, was sie zum Leben brauchen: Wasser, Nährstoffe, Licht. Die Reben treiben tief im Stamm aus, schieben ihre Ranken über den Boden, verschlingen sich mit den Ranken anderer Reben und erwürgen sich gegenseitig. Sie produzieren entsetzlich viele, meist krüpplige Trauben und noch viel mehr Blätter. Von der Traumlage ist nichts mehr zu sehen.

Ein Zeuge besserer Tage, der letzte Jahrgang des Steilen Süden : 2015. Mit exakter Geo-Location und stilisiertem Steilhang

Wir sind entschlossen, den Steilen Süden zu retten: Wir, das sind Hannah, die Eigentümerin, Svenja, die passionierte Gärtnerin, und Undine, die am Steilhang ihre “Komfortzone verlässt”. Sie arbeiten sich vom Fahrweg nach unten vor und drängen erst einmal die Dornen zurück. Das Gerät, das man dazu braucht, kann ich mit gebrochenem Arm gar nicht bedienen. Ich werde mich um die Reben auf der untersten von drei Terrassen kümmern und rutsche dazu den blanken Schiefer auf dem Nachbargrundstück hinunter. Hier steht außer den Pfählen, an denen einst der Wein hochrankte, gar nichts mehr. Der Nachbar hat in der extremen Steillage, in der alle Arbeit von Hand erledigt werden muss, kapituliert.

Undine, glücklich in der grünen Hölle.

Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Sicher, die Rebe braucht Wasser. Aber Feuchtigkeit schafft ideale Bedingungen für Pilzkrankheiten. Und hier gibt es eh schon zu viel Laub, so dass die Sonne die Feuchtigkeit nicht schnell abtrocknen kann. Außerdem liegen die Reben auf dem Boden. Ein Horror! Ich schneide mich mit der Gartenschere durch den Wildwuchs. Von unten nach oben, das heißt: Ich sehe mir das alte Rebholz an. Alles, was hier seitlich herauswächst, muss weg. Besonders achtgeben muss man auf die Ranken, die ganz unten ansetzen, unterhalb der Pfropfung. Was da herauswächst, sind keine Riesling-Ranken, sondern die Triebe der amerikanische Unterlagsrebe. Da sie resistent gegen die Reblaus ist, wird sie über 100 Jahren europaweit eingesetzt. Aber sie wächst auch wie der Teufel. Zudem ist sie näher an der Wurzel und sitzt damit an der Quelle der Versorgung mit Mineralien und Wasser. Und da wir Riesling haben wollen, muss das alles weg.

Sonntag 15h, der Steile Süden ist geschoren. Mit Svenja und Hannah.

Erst schneide ich ab, dann schneide ich klein, damit das Grünzeug auf dem Schiefer trocknen und verrotten kann, ohne dass der nächste, der hier arbeitet, sich darin verheddert und den Berg hinunterstürzt. Zum Schluss hebe ich die auf dem Boden liegenden Riesling-Ranken, an denen gesund ausgebildete Trauben hängen, auf und wickele sie um den Holzstab, an dem sie hochwachsen sollen. Wir wollen ja im Oktober wenigstens symbolisch ernten! Blöderweise habe ich nichts zum Festbinden dabei, und der Weg zum Auto ist zu weit und zu steil. Ich biege vorsichtig die Ranken um den Holzpflock und spüre, wie sie geschmeidig werden, sich führen lassen und sich anschließend selbst wieder ineinander verhaken. Ob das auf Dauer hält, weiß ich nicht. Aber es macht Spaß und fühlt sich gut an, und ich komme mir vor wie ein Krankengymnast für Pflanzen, ein PPT, ein Physio-Phyto-Therapeut!

Steiler Süden nach Radikalschur: wieder bereit für mineralische Riesling-Produktion

Down Memory Lane …

Bis in die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde im Bliesgau Wein angebaut. Dann kam die Reblaus und killte die Weinstöcke – wie überall in Europa seit 1880. Im Bliesgau wurde im Unterschied zu anderen Weinbauregionen nicht einfach mit resistenten amerikanischen Trägerreben wiederaufgeforstet, sondern der Weinbau wurde zusätzlich politisch unterdrückt. Die Kriegsmaschinerie von Nazi-Deutschland brauchte die Menschen als Lohnsklaven in Kalk-, Erz- und Steinkohle-Bergwerken und in der Eisen- und Stahlverhüttung. Heute zeugen nur noch die Gemarkungsnamen in den Dörfern zu beiden Seiten der deutsch-französischen Landesgrenze von einer Zeit vor Schwerindustrie und Kriegswirtschaft. Das Bild oben zeigt eine Straße in Bliesransbach, einem Ort mitten im UNESCO Biospärenreservat Bliesgau.

Rebenstraße in Saarbrücken-Bübingen. Hier, wie überall in den alten Rebanlagen, wuchsen später Villen statt Wein.
Nostalgiepflege durch den Stadtverband Saarbrücken in Kleinblittersdorf. Hierher wurden Reben von der Mosel verpflanzt, um an alte Zeiten zu erinnern.
In Kleinblittersdorf kreuzt die Rebenstraße die Straße Unterm Rebenberg.
Gegenüber Kleinblittersdorf liegt auf der französischen Seite der Saar Grosbliederstroff. “Rewebersch” heißt der Wingert im Patois, im Dialekt der Lothringer.

Jetzt aber Schluss mit der saarlothringischen Traditionstümelei! Ich hab einen Côtes du Rhône-Village von Christine und Daniel Chaussy kalt gestellt. 13% pure südfranzösische Sonne, gespeichert in Grenache und Syrah – ein Fest. Den trink ich jetzt mit meinem kolumbianischen Nachbar!

Wer mehr zum Weinbau im Bliesgau wissen möchte, findet so ziemlich alles Historische, aber auch gute Ideen für eine Weinzukunft des Bliesgau auf der hervorragenden Seite von Klaus Ruffing, der leider im Februar gestorben ist: Blieswein

Rue des vignobles à Bliesbruck – Weinbergweg in Bliesbrücken

Die Batterie meiner Bonneville entlädt sich beim Fahren. Nachts muss ich sie ausbauen und laden, damit das Moped am Morgen wieder anspringt. Als wäre es ein hochmodernes Hybridfahrzeug, und nicht ein anachronistischer Spritsäufer. Heute Morgen passt alles. Batterie rein, Sattel drauf, und das Bike springt an. Ich fahre also rüber nach Frankreich. Benoit hat gerade einen Citroën Wellblech-Transporter auf der Bühne, bei dem es viel über die Bremsen zu fluchen gibt. Da hat er mehr Lust auf die Bonneville. Wir messen Ströme, wir suchen im Internet, wo die Lichtmaschine sitzt, und schauen ruckelnde Youtube-Filmchen. Das Netz ist in Lothringen genauso schlecht wie in Berlin. Schließlich ziehen wir eine Metallabdeckung ab, dabei geht uns die Dichtung flöten. Egal. Öl kommt uns entgegen. Haben wir aus Versehen den Motor aufgeschraubt? Nein, es sind nur ein paar Tropfen. Aber wie kommen die da hin? Achselzucken. Ist normal, ist ja eine Engländerin, “une bécane anglaise!”. Die Lichtmaschine kommt zum Vorschein  und sieht gesund aus.

Sehr gesund aussehendes Inneres der Lichtmaschine meiner Triumph Bonneville T100

Wir machen die Abdeckung wieder drauf, mit einer Instant-Klebedichtung. Wir messen noch mehr Ströme und Spannungen. Die Lichtmaschine scheint ok. Glück gehabt. In einer Steckerverbindung ist dafür alles voller Fett. Wohl damit keine Feuchtigkeit reinkommt. Kopfschütteln von Benoit über die Kollegen von der Insel. Er säubert die Verbindung, bis sie fettfrei und trocken ist. Jetzt fließt der Strom ungehindert. Und ich fahre los. Zum Spaß durch die Gegend, batterieladend.

Ein Sturz führt zu einer Entdeckung

Ich bleibe auf der französischen Seite, erst der Saar, dann der Blies. Sarreguemines, Frauenberg, Bliesebersing, Bliesbruck. Da wollte ich sowieso mal hin.

Bliesbruck ist der einzige Ort, der zu beiden Seiten der Blies liegt. Auf der Nordseite liegt sonst Deutschland, aber in Bliesbruck gehört der Südhang auf der rechten Bliesseite zu Frankreich. Meine Vermutung ist, dass die Franzosen beim Zuschnitt des Saargebiets diesen Südhang behalten wollten, weil dort Wein angebaut wurde. Die Römer hatten in Bliesbruck eine große Siedlung errichtet – und die hatten ganz sicher Wein angepflanzt. Ich suche nach Spuren. Dazu fahre ich über die Blies und dann den Südhang hoch. Es geht steil aufwärts, der Weg wird schlechter und schmaler, der Asphalt ist gerissen, und dann ist er ganz weg. Die Bonneville ist zu schwer und hart gefedert für das Geröll unter mir. Ich fahre jetzt nur noch weiter, um eine Möglichkeit zum Wenden zu finden. Als die Steigung Richtung Bergsattel abflacht, da, wo bald Deutschland anfangen müsste, drehe ich um. Ich komme mit dem Vorderrad in tiefes Gras, sehe den Boden nicht, rutsche auf einem Steinbrocken weg, die Bonneville kippt im Schritttempo und ich springe ab.

Bonnie down

Da liegt sie mit laufendem Motor auf der Seite, ein Blinkerglas kaputt. Ein trauriger Anblick. Das wollte ich nicht. Ich schalte den Motor aus und versuche die über 250 Kilo aufzurichten. Es klappt, das hätte ich nicht gedacht. Als sie wieder auf dem Seitenständer steht, geht sie nicht mehr an. Als ich versuche, den Kupplungshebel gerade zu ziehen, bricht er ab. Das ist das Ende der Fahrt. Ich ziehe trotz über 30 Grad die Lederjacke an, stecke den Helm in den Tankrucksack, werfe ihn über die Schulter und laufe bergab. Auch hier wird es einen Bus geben oder einen Mitmenschen, der mich irgendwohin bringt, wo ich einen Hänger zum Abschleppen organisieren kann. Ich warte an der Bushaltestelle vorm Rathaus und halte den Daumen raus. Autos kommen hier kaum welche vorbei, Busse, wie es scheint, gar nicht. Ich mache ein Foto von der Ortsübersicht, die geschützt hinter Glas hängt. Und siehe da: Die Straße, in der ich gestürzt bin, hat einen Namen: la rue des vignobles. Hatte ich also recht. Ob ich den Plan angesehen hätte ohne die Motorradpanne? Wohl eher nicht.

Rue des vignobles in Bliesbruck, wo es seit 100 Jahren keinen Weinbau mehr gibt

Zurück in die Werkstatt

Dann nimmt mich ein Pärchen mit in einem blauen Renault. Sie rast rauchend mit 130 über die Landstraße und legt ihrem zehn Jahre jüngeren Typen die Hand auf den Oberschenkel. Im Gewerbegebiet von Sarreguemines lassen sie mich raus. Bis zum Bahnhof sind es 20 Minuten zu Fuß. Als ich dort ankomme, gehe ich erst mal ins Terminus, trinke zwei Orangina und zwei kurze Kaffee, texte Benoit an wegen Anhänger, bestelle den Avocado-Crevetten-Salat und beschließe, dass dieser Tag ein Erfolg war.

Um Punkt 17h rolle ich mit Benoits Transporter auf den Hof seiner Werkstatt, die lädierte Bonneville hinten drauf. “Wenn du offroad fahren willst, dann gib die Bonnie lieber mir!”, sagt Benoit. Der Citroën-Transporter steht immer noch auf der Bühne. Mittlerweile fluchen sie zu dritt über das Bremssystem. Und ich verabschiede mich pünktlich in den Feierabend, immer noch glücklich über meine Entdeckung der rue des vignobles. Der kleine Schaden an der Maschine hat sich voll gelohnt.

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Weinviertel Saarbrücken

So mal schnell zwischendurch entdeckt: ein historischer Weinkeller in Saarbrücken, Richard-Wagner-Str. 11, in der Nähe des Bahnhofs. Erbaut 1905. Zumindest hat der Steinmetz diese Zahl in den Sandstein gehauen. Heute wartet hier offensichtlich nicht mehr der Wein in Kisten auf seine Käufer, sondern der Müll auf seine Abholung

Prunkvoller Abgang zum Weinkeller im Hinterhof (unten) und Rebenornament im Torbogen (oben): Richard-Wagner-Str. 11, Saarbrücken

Bei Saarbrücken denkt niemand an Weinhistorie. Hier erwartet man höchstens die Spuren einer Industriegeschichte: Brebacher und Burbacher Stahlhütten, Kohleschiffe und Bierkneipen. Als der Weinkeller gebaut wurde, war das aber noch anders. Im Bliesgau, an den die Landeshauptstadt grenzt, produzierten die Bauern Wein – und so ganz scheußlich kann er nicht gewesen sein, denn die Deutschen schickten den daraus gewonnenen flaschengegärten Sekt auf die Weltausstellung nach Paris. Das war im Jahr 1900. Mit intensiver Kohleverhüttung und Stahlproduktion kam das Aus für den Weinbau. Die Bewohner bauten den Trochitenkalk, auf dem ihr Wein gewachsen war, nun untertage für die Stahlverhüttung ab, und arbeiteten selbst in den Stahlweken. Mit dem Anschluss an Nazi-Deutschland 1935 und der Kriegsvorbereitung in den Stahlwerken von Stumm und Röchling stieg der Bedarf an Lohnarbeitern schlagartig an. Der Weinbau wurde nun systematisch unterbunden. Heute zeugen nur noch Gemarkungsnamen von dieser Zeit.

Martins Weinbau-Sabbatical!

Heute ist der erste Tag meines Sabbaticals. Ich habe mich zwei Jahre beurlauben lassen, um im Weinbau mitzuarbeiten, in verschiedenen Regionen, vor allem in Europa, mit einem Schwerpunkt in Frankreich. Ich werde dabei nicht nur Trauben ausquetschen, sonden auch Winzerinnen und Winzern Frage stellen: Was tut ihr, damit euer Wein am Ende im Glas so phantastisch schmeckt? Wie geht ihr mit Dürren, Überschwemmungen und dem Klimawandel um? Wie könnt ihr von eurer Arbeit leben? Und wie diejenigen, die für euch arbeiten?

Was ist das Geheimnis, um herausragenden Wein herzustellen? Wie anders sieht die tägliche Routine aus, wenn man ganz auf Chemie im Weinberg und im Keller verzichtet? Und wie arbeiten die, die aus dem Weinbau ein soziales Projket gemacht haben – ja auch die gibts!

Ich werde mein neu erworbenes Wissen hier aktuell teilen, mit Texten, Bildern, Interviews. Und ich werde auch Weinpakete zusammenstellen, gemeinsam mit den Betrieben, bei denen ich gerade arbeite. Diese Weinpakete gibt es – hoffentlich bald – exklusiv hier im Shop. Dann könnt ihr mit euren Freunden nicht nur mit-lesen, sondern auch mit-trinken. Mit-reden könnt ihr natürlich auch.

Auf dem Bild oben seht ihr den “steilen Süden”, eine Steilstlage an der Mosel, genauer am Frauenberg in Neef. Der “steile Süden” is so steil, dass man sich am besten abseilt, wenn da drin arbeitet. Mit der Maschine geht da nichts. Der Wingert ist verwildert, die Rieslingreben sind über zwanzig Jahre alt. “Bloß 500 bis 700 Liter” bringt der noch, sagt der Fachmann und will am liebsten neu pflanzen. Ich hingegen bin begeistert. Wenn ich ihn von Dornen befreie und, viel zu spät im Jahr, hochbinde, gehört die Ernte mir, sagt die Eigentümerin. Wenn es klappt, wird es mein erster cru sauvage

Punk, Y und Steiler Süden

Ich erzähle Yasmina von meinem Wein-Sabbatical – und sie wählt sofort die Nummer von Hannah, die angeblich einen Weinberg südlich von Hamburg besitzt. Südlich von Hamburg? Das kann alles sein, vom Rhein über die Rhone bis nach Stellenbosch. Hannah wohnt in Hamburg, das stimmt, und sie hat Weinberge südlich von Hamburg, nämlich an der Mosel: Rieslinghänge mit tollen Namen: PunkY und Steiler Süden. Da wir uns an Yasminas Telefon nichts weiter zu sagen haben, verabreden wir uns gleich vor Ort, in Neef.

NEEF

Von einem Ort namens Neef habe ich noch nie gehört. Als Kind habe ich an der südlichen Mosel bei Verwandten in der Lese geholfen und auf einem uralten Trecker in den steilen Wegen der Weinhänge von Mehring Autofahren gelernt. Ich hatte die Leute geliebt, die Landschaft, den Dialekt-Singsang. Aber mit dem Wein hatte ich auch später nie etwas anfangen können. Wenn schon Riesling, dann mineralisch und knackig und so unweinig, wie es irgendwie ging.

Ich packe den Rucksack mit Ersatzklamotten, Handschuhen, Rebenschere – und Zahnbürste. Man weiß ja nie, wie so ein Abend in der Weinregion ausgeht. Und fahre mit der Bahn die Saar entlang. Stahlruinen im Abbau begriffen, Stahlruinen musealisiert, Stahlruinen wieder in Betrieb genommen. Und so weiter. Erst weit hinter Dillingen sieht man Natur. Sandsteinfelsen, Nebel, der auf dem Fluss steht, und die ersten Weinberge der Saar. Dann das enge Moseltal mit seinen Steilhängen. Und Ausstieg in … äh, Blick auf die Fahrkarte … Neef. Ich bin der einzige, der aussteigt. Der Bahnsteig ist ein halb zugewachsener Sandweg. Eine Frau steht auf der einzigen Straße ins Dorf. Hannah? Ja. Martin? Ja. Es gibt noch einen Kaffee in der Pension, in der sie mit ihrer Tochter Mika abgestiegen ist, dann laufen wir los, die Mosel runter.

Spritzhubschrauber als bestäubende Hummel getarnt; im Hintergrund derer Calmont in Bremm, der steilste Weinberg Europas

Noch ein Martin

Wo die Brennnesseln höher wachsen als die Austriebe der Reben, bleibt Hannah stehen und zündet sich eine Zigarette an: „Das ist einer von meinen“. Durch die Brennnesseln schimmert der Schieferboden. Ich folge mit den Augen den Pflanzreihen. Erst geht es zehn Meter flach weiter, dann schlägt mein Blick am Horizont an, denn der Weinberg steigt jetzt an, steil wie eine Parabel. Ein „Steilsthang“, wie der Moselaner sagt: der Frauenberg. Steil, Süden, Schiefer: Riesling. Da muss man keine ampelographischen Kenntnisse mitbringen, ja nicht einmal die Blätter des Rebstocks und der gemeinen Brennnessel auseinanderhalten können, um zu wissen, dass hier nur Riesling stehen kann. „Das ist der Ypsilon, aber darum kümmern wir uns später.“ 

Wir laufen ein paar Meter auf der Straße weiter und biegen in einen überwachsenen Pfad ein. Plötzlich laufen überall Hühner und Küken rum. Am Ende steht eine Weinberghütte, ein Stachelbeerstrauch, groß und stark wie ein Apfelbaum, und mehrere Pfirsichbäume. Hier lebt ein Hühnerretter, Kanufahrer und Fotograf. Aber er ist Moselaner, also hat er auch was mit Weinbau zu tun. Und wortkarg ist er nur zu Anfang. „Martin, tach.“ – „Ja, ich auch.“ Nach Smalltalk geht’s weiter zu Fuß zu einem Rotweinacker, in dem kreuz und quer Lemberger und Spätburgunder stehen. Warum? Weiß keiner. Ich bin vor allem froh, dass wir nicht mit den Brennnessel-Reihen anfangen und versuche, den Spritzhubschrauber mit der Smartphone-Kamera zu erwischen.

Aufbinden, wegschneiden, in der Sonne schmoren

Der andere Martin kommt mit dem Moped hinter uns her und zeigt uns, was zu tun ist: Stamm sauber machen. „Alle Triebe müssen weg, und zwar so eng am Stamm abschneiden, wie es geht, sonst wächst da gleich wieder was raus.“ Gräser und was noch so dazwischen wächst sollen am besten mit der Wurzel rausgezogen werden. „Jetzt sind die Trauben schon da, und die Pflanze braucht alle Nahrung, die sie kriegen kann, um sie gesund reifen zu lassen.“  Wir binden die Austriebe hoch, klemmen sie zwischen die gespannten Drähte, damit der Trecker durchkommt, um zu mähen oder zu pflügen, ohne sie abzureißen. Und wir binden die zu locker sitzenden Drähte zusammen, damit die vom Hubschrauber ausgelösten Sturmböen die Austriebe nicht wieder aus der Führung wehen.

Mika und Hannah mit Foto- statt mit Sonnenschutz

Die Sonne sticht vom Himmel, es sind nur noch Minuten bis zum Sonnenbrand im Nacken. Martin kommt noch einmal vorbei, um uns was zu trinken zu bringen: Regenwasser – er trinkt nur das – mit Saftkonzentrat und Vitamin-C-Tabletten gegen die Entmineralisierung und fürs sprudelnde Gefühl. Kein großes Gewächs, aber genau das Richtige in diesem Moment.

Plötzlich mittendrin im Wein-Sabbatical

Zum Abschluss zeigt mir Hannah noch den “Steilen Süden”. Ein kleiner Steilsthang auf dem Frauenberg, angeblich eine der zehn besten Lagen an der ganzen Mosel. Disteln sind im Weinberg drin, auch Brombeeren, die Triebe des Rieslings schieben über den Boden, die Holzstangen, an denen sie hochranken sollten, sind morsch. Der Berg ist so steil, dass man sich anseilen möchte. Hannah kann sich inzwischen vorstellen, diesen Hang aufzugeben. Zuviel Arbeit, wenn man so weit weg lebt wie sie. Die Gemeinde will, dass sie „ausstockt“, der Nachbar hat’s vorgemacht. Mich wundert es, dass noch heute die besten Lagen aufgegeben werden. Ich dachte, die Entwicklung hätte sich längst umgekehrt, und man würde auf Lage, Terroir, Handarbeit setzen. Aber nein.

Hannah, Mika und in der Mitte 2x Martin vor “Steilem Süden”

Nun sagt Martin auch noch, die Stöcke sollten ersetzt werden, die brächten nach 20 Jahren keinen Ertrag mehr. Ich sage, das ist mir egal, ich brauche keinen Ertrag. Den Berg mag ich so, wie er ist: ungeschnitten, ungespritzt, verwildert. Der Versuch von Didier Dagueneau kommt mir in den Sinn, der seinen Sauvignon blanc direkt in den Boden pflanzte, ohne amerikanische Unterlagsrebe, um zu sehen, wie sich der Reblausbefall auf den Wein auswirkt. Ich verspreche Hannah, bei der Lese zu helfen. Dafür gibt sie mir den Ertrag vom Steilen Süden. Ich werde ein Fass kaufen müssen, einen Winzer finden, bei dem ich es aufstellen kann. Ich brauche Werkzeug, jetzt sofort. Schlagartig bin ich mittendrin im Wein-Sabbatical.