Kategorie: DIY – Do It Yourself

Punk, Ypsilon und die Reise nach Lieser

16.10.2021. Die Messe im Wingert “Punk” ist gelesen. Der “Y” steht uns mit seiner parabelmäßig ansteigenden Giro D’Italia-Rampe noch bevor. Also müssen wir uns erst mal stärken: Günter, Henriette, Christina, Lino, Astrid, Alessandra, Christine, Natalie, Aivars, Hannah und ich setzen uns an die Bierbank zu Linsensuppe von Undine, Käse und einem Schluck Devonschiefer Riesling 2019 aus dem Weingut Hermann Grumbach in Lieser. Von der Grumbach-Familie ist heute niemand dabei, aber ohne sie wären wir alle nicht hier. Hannah, die Eigentümerin der Wingerte, und ich lernten uns 2019 kennen und vereinbarten, dass ich den Steilen Süden wieder in Ordnung bringen würde. Wo die Trauben einen Platz zum Keltern, Gären und Reifen finden würden, war völlig unklar. Klar war nur eines: Bei der Mühe in den extrem steilen Lagen musste das ein Weingut sein, dessen Produkte wir uneingeschränkt schätzten.

Blick vom “Punk” das Moseltal aufwärts, Richtung Süden, Richtung Lieser [copyright: www.keeppassing.com]

Neefer Frauenberg zu Gast in Lieser

Svenja hatte im Literarischen Colloquium Berlin einen Mosel-Riesling kennengelernt, der sie völlig begeisterte. Sie schenkte mir ein Glas von diesem Devonschiefer ein, und ich wusste, es war diese Klarheit und Mineralität, die ich suchte und in den meisten Mosel-Rieslingen vermisste. Svenja nahm mich mit nach Lieser, um den Macher dieses Rieslings kennenzulernen: Hermann Grumbach. Ich fiel gleich mit der Tür ins Haus und fragte, ob er sich vorstellen könnte, unseren Neefer Frauenberg auszubauen. Das war zu überstürzt, denn so recht angenehm schien ihm die Vorstellung nicht, einem fremden Wein Platz im eigenen Keller zu machen. Aber eine gewisse Sympathie für uns enthusiastische Dilettanten, die eine Menge Zeit in einen aufgegebenen Steilhang stecken wollten, war deutlich spürbar. Im Verlauf meines Sabbaticals haben wir uns besser kennengelernt. Ich habe viel Zeit in den Lieser Reben verbracht und viel von Hermann gelernt: Rebschnitt, Laubarbeit, selektives Lesen und ein paar Prinzipien für einen vernünftigen Weinbau, der weder Raubbau an der Natur, noch am Menschen ist. Er hat uns den Weg gewiesen, um den Steilen Süden schonend zurück auf den Ertragsweg zu führen. Und als es soweit war, hat er die Tür geöffnet zu seinem Keller. Der “Steile Süden”, und der “Punk mit Ypsilon” aus Neef sind nun Gäste in Lieser. Und wären sie das nicht, hätten wir uns hier heute nicht getroffen, um zu lesen! Und würden uns nicht bei Suppe, Brot und Käse für die steilsten Passagen des Ypsilon stärken.

Schon wieder Pause im “Y” mit Cantal, Reblochon und Munster. Und Undines Linsensuppe. Beinahe hätte uns vor lauter Pausen die Nacht eingeholt … [copyright: www.keeppassing.com]

Elbe, Niederrhein, und der Canal de Bruxelles …

Der Tag an der Mosel beginnt mit zähem Nebel, der sich erst am Nachmittag auflöst. Als die Sonne durchkommt und der Herbst sich von seiner anschmiegsamen Seite zeigt, kann ich beinahe verstehen, warum manche Menschen behaupten, dass der Herbst ihre Lieblingsjahreszeit ist. Von der Elbe, vom Niederrhein und vom Canal de Bruxelles, von all diesen dank Klimawandel zukünftigen Weinbauregion sind Freundinnen und Freunde zur Lese gekommen. Und auch aus den alten Weinbauregionen Main und Saar sind welche dabei. Mit der Erfahrung aus dem Steilen Süden eine Woche zuvor – nach nur fünf Stunden war alles in der Bütte – schlagen wir ein eher moderates Tempo an und machten ausgiebig Pausen. Als wir in die steilsten Passagen des Y vordringen, ist die Sonne bereits hinter der Horizontlinie der Eifel verschwunden. Der alte Nebel kriecht wieder aus dem Boden hervor und greift nach dem Mark in unseren Knochen. Aber kurz vor schwarz ist dann doch alles in der Bütte, und die knapp 300 Kilo Trauben tuckerten über die Eifel Richtung Lieser.

Hannah und Aivars mit hanseatischer Lesetechnik auf Kurs “gesundes Ausgangsmaterial”. Alles musste raus: von Peronospora befallene und eingetrocknete Beeren, Beeren mit Sonnenbrand und vor allem die gemeine und besonders eklige Fäulnis.

Countdown im Keller: 300, 250, 200, …

Nachdem Peter Grumbach die 300 Kilo Trauben gekeltert hat, liegt ein zusammengeschrumpfter Haufen aus Traubenschalen und Rappen in der Ecke des Keller, so eine Art “Pulp” – in der anderen Ecke stehen dafür nun 250 Liter Most im Edelstahltank. Nach vierundzwanzig Stunden Ruhe pumpen wir den geklärten Most in einen anderen Tank; den am Boden verbleibenden “Trub” lassen wir in die Kanalisation laufen. Da sind es noch 200 Liter. Zwei Tage später fängt der Steile Süden von selbst an zu gären, spontan, mit indigenen Hefen. Sollten Punk und Ypsilon das nicht schaffen, schütten wir einen Eimer gärender Steiler Süden in ihren Tank, und dann wird auch in ihnen die Gärkohlensäure knistern.

Human-Plant Interactive Dynamics: Svenja befüllt mit Schwung die Grumbach’sche Kelter mit Trauben aus dem Steilen Süden. Unter dem wachsamen Auge von Peter Grumbach, dem Master Mind für die Verarbeitung der Früchte aus dem Neefer Frauenberg

From Dusk Till Dawn

Mit 74 Grad Oechsle ist das Mostgewicht nicht eben berauschend. 9,irgendwas % Alkohol ergibt das im Wein, wenn es gut läuft. Damit der einen berauscht, muss dann schon etwas mehr durch die Kehle fließen. Und damit etwas mehr durch die Kehle fließt, darf er nicht zu sauer sein. Also setzen Peter und ich zu Pulver vermahlenen Kalk zum Most. Das zieht den pH-Wert etwas nach oben und hilft dem Wein zu gären, z.B, auch den biologischen Säureabbau, oder die “Malo” in Gang zu setzen, die auf die alkoholische Gärung folgt und bei der unter Freisetzung von Kohlensäure die als scharf wahrgenommene Apfelsäure in die mildere Milchsäure umgewandelt wird. Es ist unsere einzige Intervention. Peter Grumbach vermutet, dass unser Riesling trotzdem ein Nostalgie-Produkte mit Anklängen an die Kaltsommer-Weine der Siebziger Jahren werden könnte. Mit strammer Säure zum Beispiel. Da mag er recht haben. Ich habe nichts dagegen, weder gegen die Säure, noch gegen einen Wein mit Anklängen an die Siebziger. Wir müssen ihm nur den richtigen Siebziger Jahre-Twist geben – vielleicht à la Tarantino.

Bereit zu gären: der Steile Süden im Edelstahltank, noch getarnt als Cappuccino. Weingut Grumbach, Lieser 11. Oktober 2021. Mittlerweile knistert er vergnüglich vor sich hin.

Geschein, das [Botanik]: Blütenstand der Weinrebe

Sein Vokabular erweitert man nicht nur, wenn man neue Sprachen lernt. Man erweitert es auch, wenn man sich sonst wie mit neuem Wissen anreichert. So wie ich in Sachen Weinbau. Das Wort “Geschein” hätte ich früher verächtlich als Kirchenvokabular abgetan, irgendwo zwischen “Geldschrein” und “Heiligenschein”. Dank Svenja weiß ich es nun besser, denn das “Geschein” ist für die Wandlung von Grundwasser zu Wein essentiell. Das Foto oben zeigt das Geschein im Steilen Süden: den Blütenansatz des Rieslings, also das, woraus die Blüten und dann später die Trauben werden (sollen). Nicht gerade üppig, was hier entsteht, aber zu viel, um die Hacke gleich in die Dornen zu schmeißen. Wenn nicht noch der Frost über die Blüte kommt, oder die Juli-Sonne die Beeren verbrennt. Wenn nicht Wühlmäuse und Rebläuse die Wurzeln abfressen. Wenn nicht Wildschweine und Vögel aus den Büschen hervorbrechen und alles niederreißen oder aufpicken. Wenn nicht, wenn nicht, wenn nicht … dann gibt es 2021 einen “Steilen Süden”, einen Riesling aus einer Extremlage am Neefer Frauenberg! Auch wenn’s nur 70 Liter werden (wie beim Château d’Yquem haha). Lang lebe das Riesling-Kollektiv!

Svenja im Steilen Süden beim Ausbrechen. Immer darauf bedacht, das scheue Geschein nicht zu erschrecken.

Hacke(l)n, hacke(l)n, hacke(l)n

Mit Andreas, meinem Vater, war ich oft in den Weinbergen unserer Verwandten in Mehring an der Obermosel. Hans-Klaus, der Winzer, brachte mir auf dem roten Traktor das Autofahren bei, da war ich acht. Ich mag den Sing-Sang des Moselfränkischen, die Herzlichkeit der Leute hier. Ich mag auch die steilen Hänge und die Arbeit darin. Aber den grünen Winzer-Daumen kriegt man davon nicht. Der Kalk, den Undine und ich zur Verbesserung des pH-Werts ausgebracht haben, hat sich in der Oberfläche verbacken, statt sich, wie gewünscht, aufzulösen, in den Boden einzudringen und die Nährstoffaufnahme der Reben zu verbessern. Jetzt gibts rund um die Reben betonartige Flecken: Parkplätze für Matchboxautos …

Und immer wieder die Hacke. Gegen das Massiv-Wurzelwerk von Brombeere, Waldrebe und Schlehe. Und zum Nachzerkleinern des verbackenen Kalks.

Die drei Plagen des Weinbergs

Ich kaufe nicht nur aus Faulheit alles im Wintringer Hof, dem ambitioniert arbeitenden BIO-Hof der Lebenshilfe Obere Saar. Die Qualität der Produkte überzeugt mich. Aber vor allem wohne ich neben den Äckern, Feldern und Obstanlagen und freue mich, dass hier kein Chemiekrieg tobt. Ich selbst setze auch keine Pesti- und Sonstwie-Zide im Garten ein. Aber in den Reben des Steilen Südens, die inmitten einer Monokulturlandschaft stehen, die vom Dreiländereck im luxemburgischen Schengen bis in die “Bundesstadt” Bonn reicht, herrscht bisweilen Not: Nach über 100 Jahren können die Böden nicht immer weiter dasselbe liefern, was die Rebe für ihre monotone Diät benötigt. Eigentlich müsste man düngen … mache ich aber nicht. Dazu kommt die Anfälligkeit der Monokulturen gegen hoch spezialisierte Invasoren: Tiere. Pflanzen. Pilze. Dagegen gibt es: Insektizide, Herbizide und Fungizide. Statt Insektiziden nutzen heute alle Sexualduftstoffe, mit denen die Insekten in die Irre geleitet werden. Statt Herbiziden wird zumindest im Steilen Süden dauernd gehackt: damit die Wurzeln der Reben Platz haben, und keine anderen Pflanzen ihnen die ohnehin spärlichen Nährstoffe und das Licht (und damit ihre Energiequellen) streitig machen.

Undine beim Botanisieren mit dem Smartphone. Hier grünschimmernde Käferchen, anderswo Walderdbeeren.

“Dat kannse trinke”

Es bleiben die Fungizide. Gespritzt wird auch im Bio-Weinbau mit Schwefel und Kupfer – eine unbefriedigende Dauerausnahme, da Kupfer ein Schwermetall ist, das sich im Boden anreichert und in die Wasserläufe ausgespült wird. Eingesetzt wird Kupfer gegen Oidium (echter Mehltau) und Peronospora (falscher Mehltau). Wenn eine der beiden Pilzsorten die Rebanlagen bei feuchtwarmem Wetter befällt, ist die ganze Ernte futsch. Daher wird an den Steillagen der Mosel mit dem Hubschrauber gespritzt: Kupfer und Schwefel (wie im Bio-Weinbau), aber auch ein paar andere Produkte der großen Pharmakonzerne mit Namen wie “Profiler”,”Viavando” und “Delan Pro”. Was genau wann und wo in welcher Menge gespritzt wird, steht auf der Seite der Landesregierung von Rheinland-Pfalz.

Markierung für die Hubschrauberspritzung in der Form eines “!” am Einstieg in den Steilen Süden. Ich verstehe das Ausrufezeichen als Appell an mich: Ich muss im nächsten Jahr deutlich weiter sein, wenn ich eigenen BIO-Wein ohne Kupferspritzung erzeugen will!

“Wat die heut spritze, dat kannse uch trinke”, sagt einer der Winzer, der den Hubschrauber für einen Brauseverteiler vom Sozialamt hält und lieber hinterher noch mal mit dem Bulli durch die Gassen fährt und das richtige Zeug nachspritzt. Bei den Hubschrauberspritzungen wird auch der Steile Süden abgedeckt. Damit wird dieser Riesling-Collective 2020 kein Bio-Erzeugnis. Nicht in diesem Jahr. Nicht an diesem Ort. Bin ich schon so schnell an meine Grenze gestoßen? Hab’ ich schon nach kaum einem Jahr klein beigegeben? Nein! Aber ich kümmere mich hier mit Freunden um einen alten Rebberg, der mit Riesling bepflanzt ist und in Pfahlerziehung angelegt wurde, umgeben von Weingütern, die von ihrer Arbeit leben müssen. Alles Gründe, warum es nicht ganz ohne den so genannten “Pflanzenschutz” der IG Farben-Nachfolger geht. Also lasse ich den Hubschrauber auch über den Steilen Süden fliegen. Aber das Ziel bleibt natürlich weiterhin: Ohne Fungizide zu arbeiten. So wie Sonja Geoffray.

Mal wieder geschafft: Brombeere, Waldrebe und Schlehe wissen, wo die Hacke hängt (zumindest für ein paar Wochen), und wir sind völlig im Arsch (aber glücklich).

Steiler Süden: Riesling-Kollektiv 2020!

Mitte März 2020. Es gibt nur noch ein Thema. Weltweit: Sars-Cov2. Und es kann sich nur noch um Stunden, maximal Tage handeln, bevor wir in unseren vier Wänden festsitzen werden – sofern wir welche haben – und darauf warten, dass sich das Internet vor lauter Serien-Streaming und Videokonferenzen zusammenfaltet. So einem Virenangriff ist keine Firewall gewachsen. Der Steile Süden ist ein Weinberg, und wenn er nicht geschnitten wird, gibt er keinen Ertrag. Er ist Teil einer Jahrhunderte alten Kulturlandschaft an den extrem steilen Hängen der Terrassenmosel. Kulturlandschaften gehen zu Grunde, wenn der Mensch sie nicht erhält. Und für den Steilen Süden bin ich jetzt seit einem Jahr “sein Mensch”. Unseren letzten Versuch, die Reben im Hang zu schneiden, hatten Svenja und ich wegen drohender Unterkühlung abgebrochen. Das war in der Karnevalswoche. Und als wir vorzeitig abzogen, hatten wir höchstens ein Drittel so getrimmt, wie wir es haben wollten.

Svenja, von Kälte und Wind gebeutelt, aber noch sehr vergnügt beim Rebschnitt im Steilen Süden, mitten in der Karnevalswoche. Aus dem Tal bumst der Kirmestechno hoch, und man weiß nicht: Kommt’s von den holländischen Frachtschiffen auf der Mosel oder aus den Kaschemmen in den Dörfern Bremm und Neef.

Mit der Wärme steigen die Säfte, und die Reben “bluten”, wenn sie geschnitten werden …

Jetzt ist es zum Glück wärmer. Aber damit steigt der Zeitdruck – nicht nur wegen der bevorstehenden Bewegungseinschränkung, sondern auch wegen der steigenden Vegetationsaktivität. Mein Freund und Geschäftspartner Stefan fährt mit in den Steilen Süden. Mit dem Auto brauchen wir fast zwei Stunden von Saarbrücken nach Neef. Wir brechen früh auf, sonst lohnt sich das nicht. Und wir haben schweres Gerät dabei, um nach erledigtem Rebschnitt noch den Dornen das Handwerk zu legen. Mechanisch versteht sich. Insbesondere Brombeeren haben die fiese Angewohnheit, sich an der Wurzel der Rebe zu schaffen zu machen und sich entweder neben der Wurzel oder direkt durch die Rebenwurzel mit Nährstoffen und Wasser zu versorgen. So genau weiß ich das nicht. Dreckszeug, teuflisches! Wer da nicht früh handelt, wird von einem exponentiellen Wachstum überrollt. Also im Weinberg gilt bezüglich Brombeere: Zero tolerance! Und das erinnert mich schon wieder an das Virus … oder heißt es den? Aber das ist im Moment, glaube ich, egal.

Stefan und Martin Mitte März 2020 im Steilen Süden nach erfolgreichem Rebschnitt; es fehlt nur noch die unterste Terrasse. Bald geht die Sonne unter, und kurz danach die Welt – “as we knew it” (Michael Stipe)

Kulturrevolution: Steiler Süden, ein Reben-Umerziehungs-Lager

Der Rebschnitt steht am Anfang des Zyklus im Weinberg, die Weinlese an dessen Ende. Der Rebschnitt erfolgt idealerweise kurz vor dem Einsetzen der Vegetationsphase. Kurz bevor die Pflanze aus ihren Wurzeln die Kraft zieht, um auszuschlagen und Blätter auszutreiben, um sich dann mittels Photosynthese mit Energie versorgen zu können. Die neue gewonnene Energie kann sie teilweise wieder in ihre Wurzeln einlagern – für den Austrieb im nächsten Jahr. Aber damit sie das tun kann, darf man sie bei der Traubenproduktion nicht überfordern. Der Steile Süden ist geschwächt durch die Jahre der Nichtbewirtschaftung, und daher gilt: nicht auf Ertrag schneiden, sondern auf Erhalt. Früher war man auch im Steilen Süden auf Ertrag aus gewesen. Das erkennt man daran, dass, wie so oft in den Steilhängen der Mosel, zwei Fruchtruten geschnitten und die Enden nach unten zusammengebunden wurden. Ein Rebschnitt, dessen Ergebnis aussieht wie ein Herz, ein “Moselherzchen”. Hübsch, aber leider zu viele Austriebe und viel zu viel Ertrag. Deswegen heißt es jetzt Kulturrevolution: Wir erziehen die Reben auf eine einzelne Fruchtroute um.

Bis die Moselherzchen weinen

Die Reben “weinen” schon stark bei jedem Schnitt. In den nächsten Tagen sollte möglichst kein Frost kommen. Dafür lässt sich das Holz schon prima biegen, und die “Umerziehung” nimmt Formen an. Wir drücken aufs Tempo. Wenn die Ausgangssperre kommt, muss dieser Arbeitsschritt abgeschlossen sein. Der Kampf gegen die Dornen, das Kalken des leicht sauren Schieferbodens, der Austausch der morschen und gebrochenen Pfähle, all das kann warten oder muss notfalls ausfallen. Wir schneiden und binden und binden und schneiden. Dann machen wir Pause, trinken ein paar alkfreie Biere, teilen uns die Essensreste vom Vortrag und blinzeln in die Sonne Richtung Mosel. Irgendwann ist die zweite Terrasse fertig, und der Rücken – vom Im-Hang-Stehen – auch. Wir packen das schwere Gerät unbenutzt wieder zusammen, machen ein Foto von uns – das Foto mit dem Sonnenstrahl, der sich im Rebenblutstropfen auf der frischen Schnittfläche bricht, habe ich leider versaut. Dann fahren wir zurück in die schaurige Realität der Virus-Sondersendungen auf allen Kanälen.

18. März 14h10: Der Steile Süden ist geschnitten. Für die beiden letzten Stöcke reicht der Bindedraht nicht. Ich muss mit Bast aufbinden und Knoten schlingen. Die unterste Terrasse habe ich alleine geschnitten. In diesen Zeiten fährt man nicht mal mehr mit Freunden zusammen im Auto … Im Hintergrund links: die Verlängerung der Lage “Neefer Frauenberg”, eine der besten im Moseltal; unten der Weinort Neef. Der idyllische Eindruck wächst mit der Distanz des Betrachters zum Objekt.

Riesling-Kollektiv

Ich würde gerne ein Foto posten mit allen, die in irgendeiner Form dazu beigetragen haben, dass der Steile Süden wiederauflebt. Aber diese viralen Zeiten lassen ein Gruppenfoto nicht zu. Irgendwann holen wir das nach – bei der Weinlese vielleicht. Dafür brauchen wir auch noch mehr Leute – sonst kriegen wir die Ernte nie den Berg hochgeschleppt – und sie muss hoch, denn zum unteren Ende des Hangs führt kein Weg. Nach all dem “social distancing”, durch das wir nun paradoxerweise unsere Solidarität zum Ausdruck bringen, wird der Steile Süden 2020 hoffentlich der erste Jahrgang unseres Riesling-Kollektivs. Ausdruck der gemeinsamen Anstregung von Hannah, Mika, Undine, Svenja, Rolf, Martin (aus Neef), Stefan, Hermann (Grumbach), mir und denen, die noch zu uns stoßen …

Die Rebe ist eine Liane

Rüdesheim am Rhein. Hotel zur Traube oder so, die wesentliche Deko: Weinlaub aus lackiertem Metall. Ausgebucht mit chinesischen Touristen, die früh morgens von Bussen abgeholt werden. Am nächsten Morgen wird schon die nächste Gruppe Chinesen abgeholt. Vom Hotelzimmer habe ich einen unverbaubaren Blick auf die B42, auf die dahinterliegende Güterbahnlinie, den Rhein mit vertäuten Kreuzfahrtschiffen und vorbeiziehenden Öltankern. Und schließlich auf Bingen, den Ort auf der gegenüberliegenden, pfälzischen Rheinseite. Im Sträßchen-Gewirr rund um die Drosselgass’ stehen rustikale Holzbuden. Rüdesheim atmet noch immer die Sehnsucht der Adenauer-Republik nach Aufbruch, Wohlstand, und einem unbeschwertem Geschichtsvergessen, beflügelt durch klebrig-goldige Rieslinge mit schrulligen Etiketten. Dass mitten durchs Weinidyll die Heilige Dreifaltigkeit des Rekord-Export-Meisters aus Güterzugtrasse, Flussautobahn und Bundesstraße donnert und stinkt, stört die Chinesen nicht. Aber mich auch nicht. Ich habe einen Schlaf, so eisern wie das Rebendekor im Treppenhaus.

Die Infrastruktur immer fest im Blick: Rheinromantik zwischen Bingen und Rüdesheim 2019

“Die Rebe ist eine Liane.”

“Die Rebe ist eine Liane.” Das ist das erste, was ich lerne im Rebschnittkurs von Simonit und Sirch, der an der Hochschule in Geisenheim stattfindet. Die Rebenliane rankt sich an allem hoch, was in ihrer Nähe steht: einem Pfahl, einem Draht, einem Baum, einer anderen Rebe. Ich weiß, wie das nach ein paar Jahren aussieht, wenn man nicht eingreift: Myriaden in sich verschlungener Tentakel – wie im steilen Süden.
Um im Wettbewerb um das Sonnenlicht zu bestehen, verfügen Lianen über einen großen Vorteil gegenüber ihren Wettbewerber*innen: Der Austrieb, der am weitesten von Wurzel und Stamm entfernt ist, treibt am stärksten aus. Im Kurs nennen wir das “apikale Dominanz”. So gelangt die Pflanze am schnellsten in die Krone der Bäume und kann dort ungetrübt Photosynthese betreiben. Wenn man aber Trauben ohne Leiter ernten möchte, muss man hier einschreiten. Also schneiden. Aber wie?

Lese in Kampagnien: Die Rebenlianen wachsen traditionell hoch in die Bäume (Quelle: http://www.rivistadiagraria.org).

“Follow the flow”, lautet die Devise

Jeder Schnitt an der Pflanze ist ein lautloses “Autsch”. Wir spüren ihn nicht, aber der Pflanze fügen wir eine Wunde zu, wie ein Schnitt in die Fingerkuppe bei der Weinlese. Über Wunden können Krankheiten in den Organismen eindringen, bei der Pflanze nicht anders als beim Menschen. Die Konsequenz daraus heißt: So früh wie möglich schneiden und so kleine Schnitte wie möglich machen! Außerdem: Wenn wir falsch schneiden, vollzieht sich die Vernarbung der Wunde so, dass der Narbenwulst nach innen wächst. Dann wird der Saftfluss der Pflanze von den Wurzelspitzen in die Blätter und Trauben gestört. Das geht zu Lasten von Quantität und Qualität. Außerdem ist das sich dabei bildende Totholz ein idealer Nistplatz für Holzkrankheiten wie der Holzfäule Esca. Damit das Eintrocknen nicht im Altholz passiert, schneiden wir im Winter das zweijährige Holz nicht auf den Stamm zurück, sondern lassen ein Stück stehen, das so genannte “Respektholz”. Im Folgejahr können wir das dann abgetrocknete Respektholz entfernen. Der Vorteil. Die Austrocknung findet außerhalb des Altholzes statt, das Altholz wird nicht belastet.

Zwei Wochen nach dem Kurs in Geisenheim besuche ich zwei Bio-Weingüter im Lyonnais, südwestlich von Lyon. Ich schaue jetzt anders auf die Reben – und entdecke überall Respektholz aus dem letzten Jahr. Der Altwinzer Robert, sagt, dass er sich die neue Methode nicht mehr aneignen könne. Eine Rebe, bei der “so Stummel” stehenblieben, sehe für ihn nicht richtig aus. Aber sein Sohn, der heute das Weingut führt, ist überzeugt von der neuen Schnittmethode. Und da er nicht genug Leute findet, die wissen, wie das geht, bekomme ich gleich eine Einladung zum Rebenschneiden …

Die Rebe ist eine Liane. Sie rankt an allem hoch, auch an Menschen, die zu lange tatenlos rumstehen. Damit wir nicht verschlungen werden, setzt der Kurs auf praktische Anwendung. Nach der Theorie sind die ersten Versuche im Weinberg allerdings etwas zögerlich. Bei mir, bei allen. So müsste sich ein Chirurg fühlen, wenn er das erste Mal im OP nach einem Organ sucht, ohne zuvor an einer Leiche experimentiert zu haben. Aber ein paar Tage und ein paar verschnittene Stöcke später läufts!

Steiler Süden: Nachkontrolle

Es ist Anfang September, als Svenja und ich uns ins Auto setzen und nach Neef düsen. Zwei Stunden hin, zwei Stunden dort, zwei Stunden zurück. Die Mission: Nachsehen, wie es dem Patienten, dem Wingert “Steiler Süden“, geht, nachdem wir ihn im Juli (fast) kahl geschoren hatten. Wir haben ordentlich Sorge im Gepäck, was die Hitzewellen angerichtet haben könnten. Als wir ankommen, schauen wir uns daher erst lieber mal die Weinberge von Hannah an, die über die Jahre bearbeitet worden waren, den Punk und den Y. Um eine Referenz zu haben.

“Allet schnieke, allet schick” bei Punk und Y

Was haben wir erreicht?

Der Rasur des Steilen Südens im Juli waren einige Gespräche vorausgegangen. Die einen sagten: Die Reben haben sich ausgeblutet und werden nicht überleben. Also spart euch die Arbeit, reißt alles aus und pflanzt neu! Andere meinten, wir sollten massiv runterschneiden, vor allem die Trauben, damit die Reben sich aufs Überleben konzentrieren können. Und dann gab es auch welche, die meinten, dass wir im Herbst 800 Liter ernten könnten. Für uns war klar. Reben retten hatte oberste Priorität. Aber etwas Wein im ersten Jahr wäre auch nicht schlecht. Also haben wir so viel weggeschnitten wie ging – und doch noch was hängen lassen. Die Reben sollten schließlich nicht vergessen, wofür wir sie weiterleben ließen. Dann kam die große Hitze …

Neefer Frauenberg: Steiler Süden: von der grünen Hölle zur braunen Wüste

Die Reben sehen mickrig aus, aber sie leben. Und man kann jetzt gut durch die Reihen laufen bis auf die unteren Terrassen. Auch das ist ein Vorteil. Und schließlich: Trotz Nullkommanull-Chemie-Einsatz sind kaum Krankheiten im Hang – das verdanken wir der Trockenheit. Andererseits haben die Hitzewellen die ohnehin schon wenigen Trauben in Teilen verbrannt. Das ist auch anderen passiert, die die Traubenzone in diesem Jahr zu früh entblättert hatten. Die Ernte im Steilen Süden wird also sehr gering ausfallen, wenn es denn überhaupt eine gibt. Und ob die sich dann als einzelne Lage ausbauen lässt, ist äußerst fraglich. Wir werden sehen. Übernächste Woche schaue ich wieder nach – mit Refraktometer, einem optischen Gerät zur Bestimmung des Mostgewichts. Svenja und ich haben erst mal die kräftig nachgewachsenen Brombeerhecken ausgerissen, so gut es ging . Und dann waren die 2h auch schon wieder vorbei.

Nicht lehrbuchmäßig, aber noch hängt was dran – Vögel, Rehe und Wildschweine liegen zusammen mit uns auf der Lauer. Wer wird als erstes im Hang sein, wenn die Trauben reif sind? To be continued

PPT im Steilen Süden

Der Steile Süden ist eine Parzelle im Neefer Frauenberg. Der sehr steile Wingert besteht aus Schiefer und bietet damit eigentlich beste Voraussetzungen für einen mineralischen Riesling mit typischem “Terroir”. Früher hat der Steile Süden auch tatsächlich einen tollen Wein abgegeben. Jetzt ist er seit drei Jahren verwildert. Dornenhecken wurzeln zwischen den Reben und nehmen ihnen, was sie zum Leben brauchen: Wasser, Nährstoffe, Licht. Die Reben treiben tief im Stamm aus, schieben ihre Ranken über den Boden, verschlingen sich mit den Ranken anderer Reben und erwürgen sich gegenseitig. Sie produzieren entsetzlich viele, meist krüpplige Trauben und noch viel mehr Blätter. Von der Traumlage ist nichts mehr zu sehen.

Ein Zeuge besserer Tage, der letzte Jahrgang des Steilen Süden : 2015. Mit exakter Geo-Location und stilisiertem Steilhang

Wir sind entschlossen, den Steilen Süden zu retten: Wir, das sind Hannah, die Eigentümerin, Svenja, die passionierte Gärtnerin, und Undine, die am Steilhang ihre “Komfortzone verlässt”. Sie arbeiten sich vom Fahrweg nach unten vor und drängen erst einmal die Dornen zurück. Das Gerät, das man dazu braucht, kann ich mit gebrochenem Arm gar nicht bedienen. Ich werde mich um die Reben auf der untersten von drei Terrassen kümmern und rutsche dazu den blanken Schiefer auf dem Nachbargrundstück hinunter. Hier steht außer den Pfählen, an denen einst der Wein hochrankte, gar nichts mehr. Der Nachbar hat in der extremen Steillage, in der alle Arbeit von Hand erledigt werden muss, kapituliert.

Undine, glücklich in der grünen Hölle.

Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Sicher, die Rebe braucht Wasser. Aber Feuchtigkeit schafft ideale Bedingungen für Pilzkrankheiten. Und hier gibt es eh schon zu viel Laub, so dass die Sonne die Feuchtigkeit nicht schnell abtrocknen kann. Außerdem liegen die Reben auf dem Boden. Ein Horror! Ich schneide mich mit der Gartenschere durch den Wildwuchs. Von unten nach oben, das heißt: Ich sehe mir das alte Rebholz an. Alles, was hier seitlich herauswächst, muss weg. Besonders achtgeben muss man auf die Ranken, die ganz unten ansetzen, unterhalb der Pfropfung. Was da herauswächst, sind keine Riesling-Ranken, sondern die Triebe der amerikanische Unterlagsrebe. Da sie resistent gegen die Reblaus ist, wird sie über 100 Jahren europaweit eingesetzt. Aber sie wächst auch wie der Teufel. Zudem ist sie näher an der Wurzel und sitzt damit an der Quelle der Versorgung mit Mineralien und Wasser. Und da wir Riesling haben wollen, muss das alles weg.

Sonntag 15h, der Steile Süden ist geschoren. Mit Svenja und Hannah.

Erst schneide ich ab, dann schneide ich klein, damit das Grünzeug auf dem Schiefer trocknen und verrotten kann, ohne dass der nächste, der hier arbeitet, sich darin verheddert und den Berg hinunterstürzt. Zum Schluss hebe ich die auf dem Boden liegenden Riesling-Ranken, an denen gesund ausgebildete Trauben hängen, auf und wickele sie um den Holzstab, an dem sie hochwachsen sollen. Wir wollen ja im Oktober wenigstens symbolisch ernten! Blöderweise habe ich nichts zum Festbinden dabei, und der Weg zum Auto ist zu weit und zu steil. Ich biege vorsichtig die Ranken um den Holzpflock und spüre, wie sie geschmeidig werden, sich führen lassen und sich anschließend selbst wieder ineinander verhaken. Ob das auf Dauer hält, weiß ich nicht. Aber es macht Spaß und fühlt sich gut an, und ich komme mir vor wie ein Krankengymnast für Pflanzen, ein PPT, ein Physio-Phyto-Therapeut!

Steiler Süden nach Radikalschur: wieder bereit für mineralische Riesling-Produktion

Martins Weinbau-Sabbatical!

Heute ist der erste Tag meines Sabbaticals. Ich habe mich zwei Jahre beurlauben lassen, um im Weinbau mitzuarbeiten, in verschiedenen Regionen, vor allem in Europa, mit einem Schwerpunkt in Frankreich. Ich werde dabei nicht nur Trauben ausquetschen, sonden auch Winzerinnen und Winzern Frage stellen: Was tut ihr, damit euer Wein am Ende im Glas so phantastisch schmeckt? Wie geht ihr mit Dürren, Überschwemmungen und dem Klimawandel um? Wie könnt ihr von eurer Arbeit leben? Und wie diejenigen, die für euch arbeiten?

Was ist das Geheimnis, um herausragenden Wein herzustellen? Wie anders sieht die tägliche Routine aus, wenn man ganz auf Chemie im Weinberg und im Keller verzichtet? Und wie arbeiten die, die aus dem Weinbau ein soziales Projket gemacht haben – ja auch die gibts!

Ich werde mein neu erworbenes Wissen hier aktuell teilen, mit Texten, Bildern, Interviews. Und ich werde auch Weinpakete zusammenstellen, gemeinsam mit den Betrieben, bei denen ich gerade arbeite. Diese Weinpakete gibt es – hoffentlich bald – exklusiv hier im Shop. Dann könnt ihr mit euren Freunden nicht nur mit-lesen, sondern auch mit-trinken. Mit-reden könnt ihr natürlich auch.

Auf dem Bild oben seht ihr den “steilen Süden”, eine Steilstlage an der Mosel, genauer am Frauenberg in Neef. Der “steile Süden” is so steil, dass man sich am besten abseilt, wenn da drin arbeitet. Mit der Maschine geht da nichts. Der Wingert ist verwildert, die Rieslingreben sind über zwanzig Jahre alt. “Bloß 500 bis 700 Liter” bringt der noch, sagt der Fachmann und will am liebsten neu pflanzen. Ich hingegen bin begeistert. Wenn ich ihn von Dornen befreie und, viel zu spät im Jahr, hochbinde, gehört die Ernte mir, sagt die Eigentümerin. Wenn es klappt, wird es mein erster cru sauvage

Punk, Y und Steiler Süden

Ich erzähle Yasmina von meinem Wein-Sabbatical – und sie wählt sofort die Nummer von Hannah, die angeblich einen Weinberg südlich von Hamburg besitzt. Südlich von Hamburg? Das kann alles sein, vom Rhein über die Rhone bis nach Stellenbosch. Hannah wohnt in Hamburg, das stimmt, und sie hat Weinberge südlich von Hamburg, nämlich an der Mosel: Rieslinghänge mit tollen Namen: PunkY und Steiler Süden. Da wir uns an Yasminas Telefon nichts weiter zu sagen haben, verabreden wir uns gleich vor Ort, in Neef.

NEEF

Von einem Ort namens Neef habe ich noch nie gehört. Als Kind habe ich an der südlichen Mosel bei Verwandten in der Lese geholfen und auf einem uralten Trecker in den steilen Wegen der Weinhänge von Mehring Autofahren gelernt. Ich hatte die Leute geliebt, die Landschaft, den Dialekt-Singsang. Aber mit dem Wein hatte ich auch später nie etwas anfangen können. Wenn schon Riesling, dann mineralisch und knackig und so unweinig, wie es irgendwie ging.

Ich packe den Rucksack mit Ersatzklamotten, Handschuhen, Rebenschere – und Zahnbürste. Man weiß ja nie, wie so ein Abend in der Weinregion ausgeht. Und fahre mit der Bahn die Saar entlang. Stahlruinen im Abbau begriffen, Stahlruinen musealisiert, Stahlruinen wieder in Betrieb genommen. Und so weiter. Erst weit hinter Dillingen sieht man Natur. Sandsteinfelsen, Nebel, der auf dem Fluss steht, und die ersten Weinberge der Saar. Dann das enge Moseltal mit seinen Steilhängen. Und Ausstieg in … äh, Blick auf die Fahrkarte … Neef. Ich bin der einzige, der aussteigt. Der Bahnsteig ist ein halb zugewachsener Sandweg. Eine Frau steht auf der einzigen Straße ins Dorf. Hannah? Ja. Martin? Ja. Es gibt noch einen Kaffee in der Pension, in der sie mit ihrer Tochter Mika abgestiegen ist, dann laufen wir los, die Mosel runter.

Spritzhubschrauber als bestäubende Hummel getarnt; im Hintergrund derer Calmont in Bremm, der steilste Weinberg Europas

Noch ein Martin

Wo die Brennnesseln höher wachsen als die Austriebe der Reben, bleibt Hannah stehen und zündet sich eine Zigarette an: „Das ist einer von meinen“. Durch die Brennnesseln schimmert der Schieferboden. Ich folge mit den Augen den Pflanzreihen. Erst geht es zehn Meter flach weiter, dann schlägt mein Blick am Horizont an, denn der Weinberg steigt jetzt an, steil wie eine Parabel. Ein „Steilsthang“, wie der Moselaner sagt: der Frauenberg. Steil, Süden, Schiefer: Riesling. Da muss man keine ampelographischen Kenntnisse mitbringen, ja nicht einmal die Blätter des Rebstocks und der gemeinen Brennnessel auseinanderhalten können, um zu wissen, dass hier nur Riesling stehen kann. „Das ist der Ypsilon, aber darum kümmern wir uns später.“ 

Wir laufen ein paar Meter auf der Straße weiter und biegen in einen überwachsenen Pfad ein. Plötzlich laufen überall Hühner und Küken rum. Am Ende steht eine Weinberghütte, ein Stachelbeerstrauch, groß und stark wie ein Apfelbaum, und mehrere Pfirsichbäume. Hier lebt ein Hühnerretter, Kanufahrer und Fotograf. Aber er ist Moselaner, also hat er auch was mit Weinbau zu tun. Und wortkarg ist er nur zu Anfang. „Martin, tach.“ – „Ja, ich auch.“ Nach Smalltalk geht’s weiter zu Fuß zu einem Rotweinacker, in dem kreuz und quer Lemberger und Spätburgunder stehen. Warum? Weiß keiner. Ich bin vor allem froh, dass wir nicht mit den Brennnessel-Reihen anfangen und versuche, den Spritzhubschrauber mit der Smartphone-Kamera zu erwischen.

Aufbinden, wegschneiden, in der Sonne schmoren

Der andere Martin kommt mit dem Moped hinter uns her und zeigt uns, was zu tun ist: Stamm sauber machen. „Alle Triebe müssen weg, und zwar so eng am Stamm abschneiden, wie es geht, sonst wächst da gleich wieder was raus.“ Gräser und was noch so dazwischen wächst sollen am besten mit der Wurzel rausgezogen werden. „Jetzt sind die Trauben schon da, und die Pflanze braucht alle Nahrung, die sie kriegen kann, um sie gesund reifen zu lassen.“  Wir binden die Austriebe hoch, klemmen sie zwischen die gespannten Drähte, damit der Trecker durchkommt, um zu mähen oder zu pflügen, ohne sie abzureißen. Und wir binden die zu locker sitzenden Drähte zusammen, damit die vom Hubschrauber ausgelösten Sturmböen die Austriebe nicht wieder aus der Führung wehen.

Mika und Hannah mit Foto- statt mit Sonnenschutz

Die Sonne sticht vom Himmel, es sind nur noch Minuten bis zum Sonnenbrand im Nacken. Martin kommt noch einmal vorbei, um uns was zu trinken zu bringen: Regenwasser – er trinkt nur das – mit Saftkonzentrat und Vitamin-C-Tabletten gegen die Entmineralisierung und fürs sprudelnde Gefühl. Kein großes Gewächs, aber genau das Richtige in diesem Moment.

Plötzlich mittendrin im Wein-Sabbatical

Zum Abschluss zeigt mir Hannah noch den “Steilen Süden”. Ein kleiner Steilsthang auf dem Frauenberg, angeblich eine der zehn besten Lagen an der ganzen Mosel. Disteln sind im Weinberg drin, auch Brombeeren, die Triebe des Rieslings schieben über den Boden, die Holzstangen, an denen sie hochranken sollten, sind morsch. Der Berg ist so steil, dass man sich anseilen möchte. Hannah kann sich inzwischen vorstellen, diesen Hang aufzugeben. Zuviel Arbeit, wenn man so weit weg lebt wie sie. Die Gemeinde will, dass sie „ausstockt“, der Nachbar hat’s vorgemacht. Mich wundert es, dass noch heute die besten Lagen aufgegeben werden. Ich dachte, die Entwicklung hätte sich längst umgekehrt, und man würde auf Lage, Terroir, Handarbeit setzen. Aber nein.

Hannah, Mika und in der Mitte 2x Martin vor “Steilem Süden”

Nun sagt Martin auch noch, die Stöcke sollten ersetzt werden, die brächten nach 20 Jahren keinen Ertrag mehr. Ich sage, das ist mir egal, ich brauche keinen Ertrag. Den Berg mag ich so, wie er ist: ungeschnitten, ungespritzt, verwildert. Der Versuch von Didier Dagueneau kommt mir in den Sinn, der seinen Sauvignon blanc direkt in den Boden pflanzte, ohne amerikanische Unterlagsrebe, um zu sehen, wie sich der Reblausbefall auf den Wein auswirkt. Ich verspreche Hannah, bei der Lese zu helfen. Dafür gibt sie mir den Ertrag vom Steilen Süden. Ich werde ein Fass kaufen müssen, einen Winzer finden, bei dem ich es aufstellen kann. Ich brauche Werkzeug, jetzt sofort. Schlagartig bin ich mittendrin im Wein-Sabbatical.