Kategorie: Allgemein

Riesling-Collective at Work: 2021er Lese im Steilen Süden, Neefer Frauenberg

Das Ergebnis der Lese im Vorjahr war mager: Svenja und ich drehten jedes Blatt um und nahmen sogar die grünen Geiztrauben mit. Nach zwei Stunden Rumgekraxel im Steilen Süden fuhren wir mit zweieinhalb Eimern Rieslingtrauben nach Lieser zu Hermann Grumbach. Nach Pressen und Trubabzug blieben uns knapp fünf Liter, also sechs Schlegelflaschen und ein bisschen. Das war auch okay. Wir hatten auf Anraten von Hermann Grumbach nach Inaugenscheinnahme in Neef beschlossen, auf Holzaufbau der Reben zu schneiden und auf Ertrag zu verzichten. Trotzdem waren wir extrem neugierig, was der Steile Süden mit seinem radikalen Schieferskelett und seinen wurzelechten Rebstöcken zustande bringen würde. Und so hatteen wir die karge Ausbeute eingesammelt. Wir haben den Steilen Süden mit dem Grumbach’schen Riesling, der bereits gärte, geimpft, weil unser mit 72 Öchsle nicht gerade opulenter Most nicht so recht mit der Gärung loslegen wollte.

2020 – sechs Flaschen aus 800 Stöcken

Schließlich hatten wir sechs Flaschen abgefüllt: ohne Schönung, ohne Chaptalisierung, ohne Filtrierung, ohne Schwefelzusatz. Ziemlich puristisch. Die malolaktische Gärung oder BSA (biologische Säureabbau), bei der Apfelsäure in Milchsäure unter Freisetzung von CO2 umgewandelt wird, machte der 2020er ohne unser Zutun in der Flasche. Die empfundene Säure wurde dadurch abgemildert, das in der Flasche gefangene CO2 unterstrich die Mineralität und die Frische. Der 2020er “Steile Süden” war, ohne dass wir das beabsichtigt hatten, zu einer Art “Riesling Verde” oder einem “Pet Nat” geworden. Und alle fanden’s geil – die sechs Flaschen halt.

Auf ein Neues: Undine, Svenja, Thomas und der Fotograf an einem sonnigen Wintertag 2021 im Steilen Süden. Was wir da angeschnitten haben, war maßgebend für die Qualität und den Ertrag im Oktober. Die Reben hatten unsere Vorjahresschnitte gut überstanden, es war kaum zu Stockausfällen gekommen. Wir waren also bereit, diesmal auf Ertrag zu schneiden, auf gemäßigten Ertrag.

2021 – viel Geschein, viel Regen und Pilzdruck …

Die Freude, die sich zwischenzeitlich – nach dem durch den langen Winter verzögerten Austrieb – angesichts der sich üppig entwickelnden Blütenansätze einstellte, hielt nicht lange. Auf das kalte Frühjahr folgte ein verregneter Sommer, und das Risiko eines massiven Pilzbefalls stieg. Der Steile Süden wird zwar gegen Pilzbefall (echter und falscher Mehltau) gespritzt (und sonst gegen nichts), aber all das erledigt der Hubschrauber, und die Wirkstoffe erreichen aufgrund des Abstands seiner Spritzdüsen zu den Reben nicht die Traubenzone. Die meisten Weinbaubetriebe spritzen von Hand nach. Wir nicht. Und jetzt dieses Pilzwetter! Sollten wir also schon wieder kaum etwas ernten?

Der Steile Süden ist in der Bütte, und die Bütte ist einigermaßen voll, das Lesegut gesund.

… aber am Ende gesundes Lesegut!

Um so größer war die Freude, als wir sahen, dass der magere, ungedüngte Boden, der die Reben nicht gerade mit Nährstoffen mästet, die Beeren relativ klein bleiben ließ, so dass Wind und Sonne nach den Regenfällen die Blütenstände und Beeren wieder trocknen konnten. Wir legten eine Zusatzschicht ein, um Blätter zu entfernen und den Trocknungsprozess zu unterstützen. Das Ergebnis: gesundes Lesegut, so gut wie kaum falscher Mehltau und kein Fäulnis-Befall.

Riesling-Lese-Kollektiv Steiler Süden am 10. 10. 2021: Hannah, Peter, Max, Svenja, Martin, Ute, Tatjana, Undine, Heiko, Emilie, Lino: l’affaire est dans le sac. Und das nach nur fünf Stunden!

Brigadistinnen und Brigadisten im Steilhang

Wir waren dieses Jahr international: Deutschland, Frankreich, Kolumbien, Kuba! Die Lese war einfach, weil es kaum Fäulnis, Sonnenbrand oder Peronospora (“falscher Mehltaus”) aus den Trauben herauszulesen gab. Die Lese war beschwerlich, weil sie im Steilen Süden stattfand, mit an den steilsten Passagen 65 Grad Neigung. Dank des tapferen Einsatzes unserer Leser:innen waren wir in fünf Stunden fertig. Zwei Eimer machten einen steilen Abgang – einer davon schwimmt jetzt in der Mosel, oder auch schon im Rhein, eine Schnittwunde musste versorgt werden, es ist niemand verhungert und schon gar niemand verdurstet – wir hatten Wein von Hermann Grumbach und den Utopia von Sonja Geoffray dabei. Nur die von mir angekündigte Sternegastronomie konnte dieses Jahr nicht mit von der Partie sein. Wir übern eben noch – und werden nächstes Jahr besser. Vielen Dank an euch alle – und natürlich auch an die, die das Jahr über geschnitten, Dornen gehackt, ausgegeizt, gegipfelt und entblättert hatten. Ohne euch, wären wir in diesem Jahr nicht zu diesem Ergebnis gekommen.

Ich nach der Lese, ein happy MF!
[alle Fotos copyright Undine, Svenja oder Martin]

Clos de Rochebonne: ein Weinberg, ein Wein

Theizé, 25. Februar 2021. Morgens um halb neun treffe ich hier Sonja Geoffray vom Weingut Thivin und ihre beiden Kollegen Aurélien und Yohan. Theizé ist ein kleiner Ort in den Pierres Dorées, der Gegend der goldschimmernden Steine nordwestlich von Lyon. Das Zentrum des Orts bildet ein altes Schloss, das Château de Rochebonne. Im 17. Jahrhundert ließen die Adligen, die dort wohnten, direkt neben dem Schloss einen Wingert anlegen, einen “Clos”, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer. Sie dient als Wärmespeicher und schützt die Reben vor hungrigen Wildtieren und anderen Traubendieben. Schloss, Häuser des Ortes, die Mauern des Wingerts und der Boden, auf dem der Wein wächst, sind geprägt von den goldenen Steinen: eisenhaltigen Kalksteinbrocken, die aufgrund der Oxidation diese einzigartige Farbe entwickelt und ein besonderes Terroir geschaffen haben. In dieser Monopol-Lage, umgeben von Wald und Wiesen, und mit einem weitschweifenden Blick über das Tal der Saône erzeugt die Familie Geoffray die Grundlage für einen magischen Weißwein: den Clos de Rochebonne.

Château Rochebonne in Theizé, Pierres dorées. Die goldenen Steine dieser Region bestehen aus Kalk mit Eiseneinschlüssen. Die Oxidation ruft die gelbe Färbung hervor.

Rebschnitt

Die 1,2 Hektar des Clos de Rochebonne sind mit Chardonnay-Reben bepflanzt, die aktuelle Anlage ist zwölf Jahre alt. Die Reben wachsen im Drahtrahmen, und jedes Jahr wird ein Bogen mit circa sieben Augen angeschnitten. Im Château Thivin beschäftigt man sich schon lange mit den Prinzipien des sanften Rebschnitts, insbesondere mit dem Anschneiden von Zapfen und dem Stehenlassen von “Respektholz”, damit die Austrocknung der frischen Schnittstelle außerhalb des Altholzes stattfindet. So verringert sich das Risiko von Infektionen. Das alte Holz werfen wir in die Gasse, es wird später gemulcht. Der Bewuchs aus Gras und Kräutern zwischen und unter den Reben wird von bretonischen Zwergschafen niedrig gehalten. Vor der Weinlese im Spätsommer führen die Geoffrays einen Grünschnitt durch. Das reduziert die Traubenlast für die Rebe, fördert die Qualität und macht es für die Erntehelfer*innen leichter, nur gesundes und vollreifes Lesegut einzusammeln.

Sonja Geoffray, Winzerin des Château Thivin und Schöpferin des UTOPIA, einer Rotweincuvée aus pilzresistenten Rebsorten, die sie ganz ohne Pestizide in einem Wingert am Mont Brouilly kultiviert. Hier legt sie durch den Rebschnitt fest, wie der 2021er Clos de Rochebonne wachsen wird.

Casse-croute in den Reben

Zum Mittag grillen wir Paprika und Pilze und Steaks. Dazu gibt’s Salat und Baguette. Sonja hat auch einen gekühlten Clos de Rochebonne 2019 dabei, und als wir den geleert haben, geht es inspiriert mit einem Cuvée Zaccharie weiter, einem roten Gamay, ebenfalls von Château Thivin. Es ist genau so ein Tag, wie ich ihn mir in meinem Träumen von meinem Sabbatical immer vorgestellt hatte – lange bevor ich überhaupt etwas von dem Clos de Rochebonne, Wein oder Lage, wusste, geschweige denn von den Menschen, mit denen ich jetzt diesen Tag verbringe. Wir reden über pilzresistente Rebsorten, Erziehungsformen und Schnitttechnik, aber auch über die Musik von George Brassens, loben das tolle Essen und das prächtige Leben an diesem einzigartigen Flecken Erde. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir danach weiter geschnitten haben … Auf jeden Fall habe ich vergessen, ein Foto von unserem Picknick zu machen. Das ist wohl ein gutes Zeichen.

Kaffeepause im Clos de Rochebonne. Sonja, Yohan. Und Aurélien: “Mach kein Foto von der Kaffeepause, zeig uns lieber beim Arbeiten!”

Wie entsteht ein großer Wein?

“Ich mag Ostlagen”, erklärt mir Claude Geoffray, Sonjas Schwiegervater, als wir am Abend wieder im Weingut sind. “Die Weinberge, die nach Osten ausgerichtet sind, produzieren mehr Frische und ein komplexeres Fruchtaroma als die mit West- oder Südlage.” Sobald die geernteten Trauben aus Theizé im Weingut ankommen, werden sie unter eine Co2-Atmosphäre gesetzt. Nach dem Abpressen bleibt der Most zwei Tage gekühlt stehen, wobei sich unerwünschte Schwebstoffe nach unten absetzen. Anschließend wird der so durch Schwerkraft geklärte Most direkt auf Eichenholzfässer im Burgunderformat verteilt. Die Gärung beginnt spontan, und die Hefen werden nicht abgestochen. Sie bleiben im Fass bis zur Abfüllung. Das regelmäßige Aufrühren hält die Hefen frisch, und beim Abfüllen bleibt nur ein geringer Rest an Feinhefe im Fass zurück.

Nach Osten ausgerichtet ist die im 17. Jahrhundert angelegte Parzelle des Clos de Rochebonne, oben links im Bild. Sie ist vollständig ummauert. Ein einzigartiges Terroir, umgeben von Wald und Wiesen. Mit einem phantastischen Blick Richtung Tal der Saône.

Im Weißweinkeller

Die burgundischen, 225 Liter fassenden, Holzfässer, liegen in einer langen Reihe in einem Keller, an dessen Stirnseite eine Quelle gefasst ist, die Feuchtigkeit und Temperatur des Kellers auf natürliche Weise reguliert. Die Fässer sind bis zu zehn Jahre alt, und Claude macht eines nach dem anderen auf. Deutlich kann ich den unterschiedlichen Einfluss des Holzes schmecken, je nach Alter des Fasses und Häufigkeit der Belegung. Aber auch die unterschiedliche Herkunft der Fässer führt zu erkennbaren Geschmacksnuancen. Gemeinsam ist ihnen eines: Der Wein aus keinem der Fässer schmeckt vordergründig oder aufdringlich nach Eiche – nicht einmal der Wein aus dem neuen Fass vom letzten Jahr. Es kommt darauf an, wie lange das Holz ausgebrannt wurde, aber auch auf die Herkunft des Holzes. Es kommt auf das Klima im Keller an, in dem die Fässer lagern, und auf die Holzaufnahmefähigkeit der Parzelle, aus der die Trauben stammen. Es kommt auf die Erfahrung des Winzers an, auf das Vertrauen in die alten Verfahren und das Vertrauen in die Zeit, die der Wein zum Reifen braucht. Es kommt sicher auch noch auf vieles mehr an, damit ein großartiger Wein wie dieser entstehen kann. Mein Sabbatical neigt sich dem Ende zu, und ich werde nicht mehr alle Geheimnisse erkunden können. Aber heute bin ich glücklich und dankbar für diese Einblicke und einen unvergesslichen 25. Februar!

Château Thivin mit Weingutshund, Eingang zum Keller und meinem abfahrbereiten Transporter, beladen mit Clos de Rochebonne.

Riesling-Kollektiv: Steiler Süden in der Flasche!

Zweieinhalb Eimer Trauben aus eintausend Riesling-Stöcken. Eine so geringe Ausbeute macht uns so schnell keiner nach. Nicht einmal die radikalsten Ertragsbegrenzer. Im Sommer 2019 hatten wir den Steilen Süden aus seiner mehrjährigen Verwilderung freigeschnitten. 2020 waren wir froh, dass fast alle Stöcke diese krasse Maßnahme überlebt hatten. Und so ging es uns beim Rebschnitt im letzten Jahr um die Stärkung der über hundert Jahre alten wurzelechten Reben – und nicht darum, Ertrag zu erzielen. Hermann Grumbach hatte uns bei einer gemeinsamen Begehung des Steilen Süden dazu geraten.

Svenja im Steilen Süden bei der Lese 2020. Im Eimer zu sehen: 20 Prozent der Gesamternte.

Knapp drei Eimer aus 1000 Stöcken …

Mit der spärlichen Ernte auf dem Rücksitz des Weinbau-Skoda tuckern wir von Neef nach Lieser, zum Winzer unseres Vertrauens: Hermann Grumbach. Der hat seine Rieslinglagen noch nicht gelesen. Wie die meisten Weingüter in Lieser lässt er seine Trauben noch hängen – trotz angekündigtem Regen, denn das Mostgewicht entspricht nicht seinen Erwartungen. Florian, einer der Grumbach-Söhne, baut die Presse für Kleinmengen auf: einen perforierten Edelstahlzylinder, in dem sich ein Kunststoffballon befindet. Wir füllen die Trauben ein, anschließend wird der Ballon mit Wasser gefüllt und presst die Trauben gegen die Siebstruktur. Der Saft beginnt zu laufen. Ein Stahleimer mit knapp sieben Litern ist das Ergebnis. Wir ziehen den Trub, also den Schmodder, ab. Jetzt sind es eher noch so 5 Liter …

Florian Grumbach beim Abpressen in Lieser. Im Vordergrund die gesamte Ernte. Abgefüllt waren es schließlich 6 x 0,75 l und ein großer Schluck.

Keine Schönung, keine Filterung, keine Schwefelung

Der steile Süden 2020 darf in Ruhe gären, im Tiefkeller des Weinguts Grumbach, umgeben von raren Jahrgängen und ein paar Experimenten der Grumbach-Söhne Florian und Peter wie “macération carbonique” (Kohlensäuremaischung) und Maischegärung mit weißen Trauben. Nach etwa einem Monat wird ihm die grobe Hefe entnommen, die sich am Boden abgesetzt hat, danach bleibt der Wein noch auf der Feinhefe liegen, bis er abgefüllt wird. “Der hat knackige Säure”, sagte Peter Grumbach. “So stelle ich mir die Rieslinge aus den kalten Siebziger Jahren vor.” Er studiert Önologie in Geisenheim und schaut regelmäßig nach dem Glasballon mit dem Steilen Süden-Riesling. Vielleicht hätten wir die Trauben bei gemessenen 72 Grad Öchsle doch noch ein oder zwei Wochen hängen lassen sollen.

Gärtank Steiler Süden – zum Größenvergleich: ein Schuh, ein Koffer, ein paar Schrauben

72 Grad Öchsle: trocken bei 9,5% Alkohol

Ich habe noch eine intensive Erinnerung an den Mosel-Riesling der frühen 80er. Mein Vater ließ sie im Keller meines Onkels Hans-Klaus in Mehring gegen dessen Empfehlung “durchgären”. Anschließend kaufte er den ganzen Tank für seinen Freundeskreis auf. Es war eine Zeit, in der man als Connaisseur galt, wenn man “trockene” Weine trank – auch wenn trocken nur ein Synonym für sauer war. Der Steile Süden ist anders. Er ist hat einen Anflug von Zitrusfrucht in der Nase, er hat jede Menge Gärkohlensäure, die die Frische unterstreicht, und er hat eine Säure, die ihres Gleichen sucht. Etwas scharf, und sicher nichts für empfindliche Mägen. Aber: Keine Fehltöne, keine Bitterkeit im Abgang. Unser erster Wein! So wie er aus dem Weinberg kam, gepresst, vergoren, auf die Flasche gezogen. Auf die 72 Grad Öchsle wurde nichts aufgezuckert. Und deswegen hat der trockene Steile Süden heute einen Alkoholwert wie so mancher Süßwein: so um die 9,5 % Alkohol. Da könnte man sich schon ein paar Flaschen in den Hals schütten, ohne dass es einen umhaut. Es sind aber leider nur sechs Flaschen geworden.

Welch schöner Kontrast: Mosel in überbordender Fülle am 6. Februar, dem Tag der Abfüllung eines ultraschlanken Steilen Süden.

72 Grad Oechsle im Steilen Süden

Sonntag, 6. September 2020. Auf meiner Radtour durch Nordostfrankreich Ende August waren selbst die Weingüter an der Saône und teilweise sogar schon im Jura in der Weinlese. Wie sah’s an der Mosel aus? Im Steilen Süden? War unser Riesling am Neefer Frauenberg eventuell schon überfällig für die Presse? Also fahren Svenja und ich gleich am Sonntag hin, vorbei an kopfschüttelnden Spaziergängern (Auto im Weinberg – unerhört!). Wir inspizieren den Gesamtzustand des Hangs und mischen eine Probe aus den verschiedenen Terrassen zusammen. Ich zermatsche alle Beeren vorbildlich in einem Einmachglas, bis sich genügend Saft gebildet hat, und lasse zwei Tropfen aus der Pipette auf das Prisma des Refraktometers fallen. Das Gerät überträgt die Veränderung der Lichtbrechung durch den aufgetragenen Stoff, in unserem Fall Traubensaft, auf eine Skala, an der ich jetzt das Mostgewicht ablesen kann. In Deutschland wird es in “Grad Oechsle” angegeben. “72” lese ich ab. Das entspricht auch dem Geschmackstest. Die Riesling-Beeren sind noch kratzig. Sie müssen noch hängen bleiben und “Photo-Zucker” aufbauen. So weit also alles okay: Wir sind auf keinen Fall zu spät dran.

In den Sternen steht eine Zahl: “72”. Einheit: Grad Oechsle. Das ist für den 6. September ganz in Ordnung, wenn man das mit den publizierten Zahlen der Vorjahre vergleicht. 80 plus X sollten es aber schon noch werden. (Foto: Svenja Becker)

Und die Öchsle der Nachbarn?

72 Grad Oechsle, das ergäbe so knapp 9,5% Alkohol. “Salattunke” könnte die Einschätzung Hermann Grumbachs dazu lauten, würde man ihn fragen. Das wissen wir aber auch selber und fragen ihn erst gar nicht. Also hängen lassen! Aber wie lange? Wir testen bei den Nachbarn: Auf 71 kommt der eine Wingert, auf 74 der andere. Wir liegen in der Mitte und sind erleichtert. Hätte ja auch sein können, dass der Steile Süden in Sachen Mostgewicht so eine Art Spätentwickler ist. Ist er aber zum Glück nicht, und das ist nun mit einem geeichten Spezialisten-Instrument bewiesen! Aber wieso ist an der Mosel alles so spät dran? Ich rufe Christine Chaussy in Orange an der südlichen Rhône an. Bei denen ist auch noch nichts reif, sagt sie. Also, alles in Ordnung in der (meiner) Welt des Weins. Nur im Beaujolais, Burgund und Jura war alles viel zu früh dran. “Zwei Monate früher”, meinte Pierre Overnoy sogar, als ich ihn in Arbois traf. Svenja und ich beschließen jedenfalls, den Riesling mindestens bis Ende September, Anfang Oktober hängen zu lassen. “80 Grad Oechsle plus x” lautet jetzt das Ziel. Bei einem Zuwachs von 1,5 Grad Oechsle pro Tag – wenn die Sonnen mitspielt – sollte das erreichbar sein. Bei 85 Grad Öchsle käme der Wein, wenn alles durchgärt, auf ungefähr 11,5%. Ahoi Steiler Süden! Bis die Oechsle erreicht sind, halten wir uns und den Rieslinggott bei Laune mit Hermann Grumbachs Devonschiefer aus Lieser.

Halbzeitstand im Sabbatical: Realität schlägt Traum

Vor fast einem Jahr begann mein Sabbatical, mein Weinbau-Sabbatical. Ich wollte mich dafür einsetzen, dass an der Oberen Saar zu beiden Seiten der französisch-deutschen Grenze wieder kommerzieller Weinbau betrieben wird. Ich sah mich auf dem Moped durch Frankreich fahren (und weiter bis Georgien), auf Weingütern arbeiten und darüber bloggen. Vielleicht würde ich unterwegs sogar Partner finden für die Wiederbelebung des Weinbaus an der Oberen Saar. Im Hintergrund schwang noch eine romantische Vorstellung von der Entdeckung des ultimativen Naturweins mit. Aber als das Sabbatical im Juli 2019 anfing, hatte die neue Realität schon begonnen: Ich kümmerte mich um einen aufgegebenen Weinberg in Neef, an der Terrassenmosel, buchte einen Rebschnitt-Kurs an der Hochschule Geisenheim, lernte den Moselwinzer Hermann Grumbach kennen und zerbrach mir den Kopf darüber, wie aus meinen Rieslingtrauben des Jahres 2020 („vin vin“) ein vorzeigbarer Wein werden könnte. Die Lernkurve war steil wie der Steilhang in Neef, und sie ist es immer noch. Und die Realität war viel besser als alles, was ich mir erträumt hatte …

Der “Steile Süden” (mit orangenen Punkten markiert) am Frauenberg in Neef. Der Bergrücken dahinter links ist der Calmont, der steilste Weinberg Europas. Das Foto habe ich vom Ortseingang Bremm aufgenommen. Der “Steile Süden” hat Sonne, Gefälle und ein tolles Schieferskelett. Aber er sieht verdammt mager aus im Vergleich zu den anderen Parzellen. Vermutlich, weil er vier Jahre brach gelegen hatte. Dieses Jahr gibt es, wenn es “gut” geht, ein Dutzend Flaschen, 2021 wird’s hoffentlich besser.

Naturwein

Geoffroy, der beste Wirt im Pariser Becken, macht im Terminus in Saarbrücken eine Mischung aus Live-Konzerten, moderner französischer Küche und Weinbar. Er gab mir vor ein paar Jahren das Buch von Sébastien Lapaque Chez Marcel Lapierre, ein Buch über den Naturwein-Pionier aus Villié-Morgon, eine der Top-Adressen im Beaujolais. Mitten in den Siebzigern, als die chemische Vergiftung der Weinberge, Weinbauern und Weintrinker einen ersten Höhepunkt erlebte, gingen Lapierre und Pierre Overnoy (Jura) neue Wege: Sie setzten auf lebendige Böden und Biodiversität statt auf den Einsatz chemischer Produkte. Sie vertrauten auf die Natur, anstatt sie mit der Chemiekeule in Schach zu halten. Ihre Devise: Im Keller kann man keinen Wein verbessern. Bestenfalls kann man die Qualität, die man aus dem Wingert mitgebracht hat, erhalten. Lapierre achtete auf jede Kleinigkeit, um die Natur so weit wie möglich für seine Zwecke zu nutzen. Und dann als letzten Schritt – aber nur wenn es der Jahrgang zuließ – verzichtete er sogar auf das Zusetzen von Schwefel, um die Weinqualität für die Lagerung in der Flasche zu stabilisieren. Heute wird vin nature, Naturwein oft auf diesen letzten Schritt reduziert. Aber das ist falsch. So verstanden ist Naturwein nichts weiter als ein Modefirlefanz, ein Aufmerksamkeitstreiber für den Umsatz. Naturwein ist weder ein geschützter Begriff, noch bestehen irgendwelche Anforderungen an reduzierten Gifteinsatz wie etwa im Bio-Anbau. Solange kein Schwefel im Keller zugesetzt wird – egal wieviel davor im Weinberg verspritzt wurde, schmückt sich, wer Lust drauf hat, mit dem Naturwein-Label. Das Hauptproblem ist dabei aber nicht die Irreführung des Marktes. Unerfreulicher ist, was für einen meist hohen Preise Nase und Gaumen zugemutet wird. Insbesondere Weißweine stabilisieren sich kaum von selbst und schmecken als “Naturwein” oft nicht anders als hessischer „Ebbelwoi“. Das kann weder der Weg noch das Ziel sein. Ich schiebe also die Naturwein-Idee beiseite und mache mich auf die Suche nach einem Weinbau ohne Einsatz von Pestiziden. Dabei folge ich meinem Weingeschmack und keiner Naturwein-Ideologie. Um das konsequent zu machen und auch mit anderen Weinliebhaberinnen zu teilen, gründe ich zusammen mit meinem Freund Stefan im Februar 2020 die Crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH.

Geoffroy neben der Tageskarte seines Terminus Saarbrücken. Bei Geoffroy gibt es crusauvage-Weine, unter anderem einen hervorragenden roten Naturwein, den “Gam’ Nature”, ein Gamay aus dem Hause Prappin (Bio und ohne Schwefelzusatz!). Bei crusauvage ist der ausverkauft, aber im Terminus noch zu bekommen. (Foto: René Lortat (Grand merci!))

Abrakadabra: Homöopathie im Weinberg

Einmaischen ganzer Trauben, also Beeren und Rappen, in Amphoren. Düngen mit den Ausscheidungen der Fledermaus, die im Kuhhorn vergraben und später verdünnt werden – wobei das je doller wirken soll, je verwässerter die Lösung ist. Je nach Mondphase dieses tun und jenes lassen. Derlei Aktivitäten zwischen Vormoderne und Homöopathie werden als Biodynamik im Weinberg gelabelt, suggerieren Exklusivität und sollen hohe Preise rechtfertigen. Die Methode findet immer noch neue Anhänger – zumindest auf den Websites der Betriebe. Was der Hokuspokus mit Fledermäusen und Mondphasen kaschieren hilft: Auch die Biodynamiker dürfen im Weinberg Kupfer und Netzschwefel einsetzen. Und im Keller dürfen sie tun, was jeder konventionelle Winzer auch tut. Aufzuckern, Schönen, Klären und Filtern. Das tun nicht alle. Aber wer’s tut, befindet sich nicht im Widerspruch zum anthroposophischen Oberguru Steiner.

Die beiden Gründer und Geschäftsführer der Weinimports und -vertriebsgesellschaft crusuavage-Weine: Stefan und Martin. Bei der Auswahl unserer Weine leiten uns * Geschmacksqualität * respektvoller Umgang mit Mensch und Natur * ein fairer Preis für Hersteller und Verbraucher. Wir beziehen die Weine direkt von kleinen Weingütern aus Deutschland und Frankreich, oft aus weniger bekannten Anbaugebieten. Die meisten sind Bio-zertifiziert.

Bio’s und das Schwermetall Kupfer

Als die Reblaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Reben in ganz Europa kahlfraß – übrigens ein Früheffekt der wirtschaftlichen Globalisierung, denn sie wurde aus den USA eingeschleppt – fand man die Lösung an der Quelle des Übels: Man importierte Wildreben aus dem USA, die an den Wurzeln Korkringe ausbilden, die der Reblaus den Appetit verderben, und pfropfte auf diese so genannten „Unterlagen“ die Edelreben wie Riesling oder Merlot auf. Aber wie so oft: Mit der Lösung eines Problems schuf man ein neues. Die Reben wurden anfällig gegen den „falschen Mehltau“ (Peronospora). Mit Schwefel und Kupfer – ein Schwermetall, das sich im Boden anreichert – ging man durch prophylaktische Spritzungen gegen den Pilzbefall vor. Berühmt berüchtigt: die Bouillie bordelaise, die Bordeauxbrühe, eine Mischung aus beiden Giften. Dann kamen synthetische Fungizide (meist zusammen mit Kupfer), die nach einander erst eine steile Karriere machten, dann aber verboten wurden. In der Bio-Landwirtschaft sind diese Mittel nicht zulässig. Der Einsatz von Kupferprodukten ist im Biolandbau aber weiterhin erlaubt. Und zwar bis zu vier Kilogramm Kuper pro Hektar. Man weiß um die Probleme (Anreicherung des Schwermetalls im Boden, Ausschwemmung in Gewässer, Abtötung von Mikroorganismen), aber man weiß nicht, wie man vom Kupfer loskommt. Zu groß ist die Nachfrage nach Bio-Produkten, und die Produktion darf nicht stocken. Es lohnt sich also immer zu fragen, wieviel Kupfer und in welcher Form ein Bio-Weingut einsetzt. Nur einmal erhielt ich die Antwort: gar keinen …

Auch wenn der Steile Süden mit seinen alten Rieslingreben nicht ohne “Pflanzenschutz” aus dem Spritzhubschrauber auskommt: Das meiste ist Bearbeitung von Hand wie etwa hier das Aushacken des gewaltigen Wurzelwerks der Brombeere. (Foto: Undine Löhfelm, Februar 2020. Steiler Süden, Neefer Frauenberg)

Neue, resistente Rebsorten

… Das war, als ich Sonja Geoffray kennen lernte. Sie kommt aus dem Wallis und lebt auf dem Chateau Thivin am Mont Brouilly. Ihre Schwiegereltern machen dort hoch angesehene Bio-Weine, seit Jahrzehnten. Sie hat eine Parzelle mit pilzwiderständigen Rebsorten bepflanzt: Sie heißen Prior, Chambourcin und Souvignier Gris und stammen alle aus den Zuchtbemühungen Norbert Beckers am Weinbauinstituts Freiburg. Die Reben zeichnen sich durch eine erhöhte Resistenz gegen Pilzbefall aus, aber sie sind nicht völlig resistent. Um den Pilzbefall zu verringern, lässt sie die Reben höher wachsen, als das in der Region üblich ist. Das geht, weil es durch Klimawandel so warm ist, dass zum Ausreifen der Beeren die Wärmereflexion aus dem Boden keine Rolle mehr spielt. Je weiter das untere Ende der Laubwand vom Boden entfernt ist, desto besser sind die Reben vor den sich im Boden befindenden Pilzsporen geschützt. Die Reben höher wachsen zu lassen, hat außerdem den Vorteil, dass Schafe zwischen den Reben weiden können, ohne die Reben abzufressen. Schafe halten das Grünzeug kurz, das zwischen den Reben wächst, und sie düngen den Boden. Und sie tun eins nicht: Sie verdichten den Boden nicht (wie etwa der Traktor), und erlauben so den Mikroorganismen, den Boden locker und lebendig zu halten.

Utopia: Rotwein-Cuvée ohne Pestizide der Winzerin Sonja Geoffray, Château Thivin, Mont de Brouilly

„Was passiert, wenn du doch mal Mehltau in Weinberg hast?“, frage ich.
„Ich schneide die befallenen Pflanzenteile ab und nehme sie aus dem Weinberg raus.“
Manchmal macht sie auch Pflanzensud aus Brennnessel oder Schafgarbe. Das hilft. Aber das vernichtet nicht alles. Sonja Geoffray lebt mit diesen Beeinträchtigungen und mit einem geringeren Ertrag. Und sie erzeugt aus diesen Reben mit indigenen Hefen, also ohne Zusatz von Reinzuchthefen, im Holzfass eine Cuvée namens “Utopia”. Für den 2018er bekam sie die Goldmedaille des Vereins der Winzer, die pilzwiderständige Rebsorten einsetzen. Von wem auch sonst? Prior und Co. sind nicht vergleichbar mit Gamay, Pinot Noir oder Cabernet Sauvignon. Sie sind anders. Aber sie verfügen über alles, was man für einen komplexen Wein braucht: Vollmundigkeit, Tannine, Säure, Fruchtaromen, eine tiefe, ins Bläuliche gehende Farbe. Und der Wein von Sonja Geoffray ist das beste Beispiel für Verbindung aus respektvollem Umgang mit der Natur und höchtem Anspruch an Qualität.
Stand Mitte des Sabbaticals bin ich überzeugt: Die gegen Pilzerkrankungen resistenten Neuzüchtungen sind zusammen mit neuen Anbauformen, den sogenannten “Erziehungssystemen” die Zukunft des Weinbaus. Und das wird Auswirkungen auf meine Pläne bei der Wiederbelebung des Weinbaus an der Oberen Saar haben … (Fortsetzungt folgt)

Reblandschaft bei Brouilly, Beaujolais, Juli 2020

Unser erster Wein ist da!

Im Frühjahr hat sich einiges getan: Ich habe mit Stefan eine GmbH gegründet, die Weine importiert und vertreibt. Unsere Auswahl verläuft streng nach der Devise meines Blogs “Weinbau, der sich was traut”. Wir beziehen die Weine nur von kleinen Weingütern, die ihre eigenen Trauben verarbeiten, die wir persönlich kennen, zum Teil auch vom Mitarbeiten im Weingut. Wir besuchen vor allem Anbauregionen in Frankreich, die in Deutschland nicht so bekannt sind wie z.B. die Côteaux du Lyonnais. So können wir hochwertige Produkte zu einem (meist) erschwinglichen Preis anbieten. Idealerweise sind unsere Weingüter BIO-zertifiziert (ist aber kein Muss!). Aber vor allem: Der Wein, den wir anbieten, schmeckt uns (das ist ein Muss!), denn wenn er sich nicht verkauft, müssen wir ihn selbst trinken wollen!

Stefan bei der Einlagerung der ersten Paletten aus Südfrankreich

La Garrigue

Mittlerweile ist die crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH im Handelsregister und beim Gewerbeamt eingetragen, vom Zoll haben wir die notwendigen Genehmigungen, und die Shop-Seite läuft! Daher gibt es jetzt auch unseren ersten Wein: Er ist „rouge“ und er heißt LA  GARRIGUE, wie die Landschaft der Region, aus der er stammt, der Provence. Dieser Wein ist etwas Besonderes im deutschen Markt, denn er bietet etwas, wonach alle suchen: Wein eines Premiumherstellers zum Supermarktpreis. Wie kann das sein? Da mit Herkunftsbezeichnung auf dem Etikett nur knapp vierzig Hektoliter pro bestocktem Hektar vermarktet werden dürfen, kommt alles, was mehr produziert wird, als Zweitwein auf den Markt, zu einem deutlich günstigeren Preis …

Kein Kompromiss!

LA GARRIGUE ist solch ein Wein. Er wurde nach denselben Kriterien erzeugt wie sein „großes Geschwisterchen“: Zertifizierter BIO-Anbau mit minimalem Pflanzenschutz-Einsatz gegen Pilzbefall. Das ist möglich wegen des einzigartigen Klimas (Wind- und Sonnenexposition, Kieselböden im alten Flussbett der Rhône). Lese von Hand. Ausbau im Weingut ausschließlich mit den traubeneigenen Hefen, kein Chaptalisieren, kein Schönen, keine Klärung, keine Filterung. La Garrigue wurde exklusiv für crusauvage abgefüllt, etikettiert und liegt zur Auslieferung bereit in unserem deutschen Auslieferungslager.

La Garrigue
La Garrigue 2018, der erste “eigene” Wein der crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH

Weinrebellen

Weinbau am Alpenrand im südlichen Département Isère

Ich hole Bruno in Chambéry ab. Wir kennen uns seit über zehn Jahren aus den “Erneuerbaren Energien”, wie man so sagt. Als ich ihm Anfang Oktober von meinem Sabbatical und den Weinprojekten erzähle, schlägt er mir sofort vor, nach Prébois ins Trièves zu fahren. Dort im Alpenvorland hat sein Kumpel Yvan eine alte Mühle hergerichtet und macht neben Konzerten und Partys auch Wein. “Durchaus trinkbaren Wein”, wie Bruno meint, “pas de la piquette” . Prébois liegt im äußersten Süden des Département Isère. Noch weiter südlich liegt der Col de la Croix Haute, dahinter die Provence, und zweieinhalb Stunden später ist man in Marseille. Als wir in Prébois ankommen, ist es fast Mittag, und es liegt Schnee. Unter dem Vordach der Mühle spalten zwei junge Bretonen Holz. Sie kommen aus dem Protestcamp in Bure, dem Ort im Nordwesten, wo der französische Atomstaat sein Endlager plant. Als Yvan auftaucht, erzählt er von seiner Begegnung mit dem Chef der lokalen Jägervereinigung. Der hatte eine von Yvans Überwachungskameras abgebaut. Jetzt hat er sie ihm zurückgegeben. Und ihn zur Jagd eingeladen. Gut so, aber auch irritierend, findet Yvan.

Wolf auf der Pirsch. Ertappt von Yvans Waldkamera, Trièves, Département Isère.

Altes Weinland

Yvan hat ein strammes Programm für Bruno und mich zusammengestellt. Winzer, Weinberge, Weinkeller. Aber da wir ja in der Energie arbeiten und Yvan jetzt eine Mühle besitzt und vermutlich auch das Wasserrecht miterworben hat, fahren wir erst zu einem Nachbarn, der seine Mühle wieder in Gang gesetzt hat und mittlerweile sogar den produzierten Strom ins Netz einspeist. Mit den Mühlen ist es wie mit dem Weinbau. Der war auch einmal fast vollständig aufgegeben. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Trièves 300 Hektar Rebfläche, vor allem im bäuerlichen Nebenerwerb. Aber es war wie überall: Anfang des 20. Jahrhunderts fraß die Reblaus die Reben auf, Schiene und Straße machten Weine aus anderen Regionen verfügbar, und die staatlichen Auflagen erledigten den Rest. Der Weinbau schnurrte zusammen, Zielpunkt Null. Genau wie im an Saar und Blies.

Umkehr der Entwicklung

Auch die Mühlen an den Flussläufen im Trièves waren Jahrzehnte lang aufgegeben – der Strom kam ja aus der (atomaren) Steckdose. Doch der Trend hat sich umgekehrt. Lokales Produzieren ist wieder “en vogue”, bei der Energie wie in der Landwirtschaft. Seit 2008 gibt es den Verein “Vignes et vignerons du Trièves.” Die Mitglieder investierten in eine hydraulische Presse, eine Abbeermaschine und richteten ein Fasslager ein. Hier werkeln seither ambitionierte Amateure und angehende Weinbau-Profis neben- und miteinander. Auch Yvan ist mit dabei. Er hat einen verwilderten Acker mit uralten Reben übernommen und überhaupt keine Ahnung, welche Sorten da wachsen. Da gibt es Gamay, Grolleau und vielleicht auch Onchette, eine autochthone Weinsorte, die dank des Vereins wiederentdeckt wurde. So genau weiß das keiner. Außerdem gibt so genannte Hybride.

vignes àu lieu dit Chantemerle, Prébois; Reben in Prébois, Lage: Chantemerle
Ivan, der Weinwolf, in der Hand seinen 2019er Rotwein aus unbekannten Trauben. Duft nach Walderdbeere! Wir sind gespannt, was am Ende rauskommt. Im März werde ich zum Rebschnitt wieder nach Prébois fahren, dann werd’ ich’s wissen. Im Hintergrund die Fässer der Winzer*innen von Prébois. Nur zwei betreiben das hier geschäftlich (einer davon: Samuel Delus), dafür gibt es umso mehr Produzent*innen für den Eigenbedarf, und jede*r arbeitet nach seiner oder ihrer Façon: Fiberglasbottiche stehen neben Edelstahl und Barrique (nicht im Bild).

Die Lösung von heute ist das Problem von morgen

Als die Reblaus Europa heimsuchte, fand man nur ein einziges probates Mittel, um den Weinbau fortzuführen: Man importierte aus dem Heimatland der Reblaus, den USA, resistente Reben und pfropfte auf diese die europäischen Weinsorten Riesling, Grenache, Cabernet Sauvignon … Bis auf ganz wenige Ausnahmen wächst alles, was wir heute konsumieren, auf einer Unterlage aus amerikanischen Wildreben. Mit den Reblaus-resistenten Unterlagen kamen aber auch neue Krankheiten nach Europa, vor allem der “falsche Mehltau” auch Peronospora oder “Mildiou” genannt. Zusammen mit dem echten Mehltau ist diese Pilzerkrankung der Hauptgrund für den Einsatz von Spritzmitteln im Weinbau. Wer heute in den Dauerkulturen der Weinberge nicht spritzt, wird nichts ernten. Das gilt für konventionelle und Bio-Weingüter gleichermaßen. Natürlich kann man auch chemiefrei etwas gegen den Pilzbefall tun: Man kann in trockeneren Lagen pflanzen, man kann sich für lockerbeerige Sorten entscheiden, man kann durch Entblättern für mehr Durchlüftung der Rebe sorgen. Durch diese Maßnahmen wird man den Einsatz der Spritzmittel reduzieren, aber ganz auf sie verzichten kann man dadurch nicht.

DJ Max aka Maxime Poulat, an den ungewöhnlichen Slipmats. Er ist einer von zwei kommerziell arbeitenden Winzern in Prébois . Aber keine Sorge, er mixt seine Weine nicht. Er zappelt bei der Weinprobe nur aufgeregt mit den Flaschen herum. Und er macht einen außergewöhnlichen orange wine: “Altitude 828 – vin sans trucage” (828 m über dem Meer – Wein ohne Beschiss)!

Legal. Illegal. Genial.

Zu Beginn des 20.Jahrunderts entstanden durch Kreuzung von amerikanischen Wildreben und europäischen Weinreben viele neue Sorten, sogenannte Hybride. Nicht alle bekamen einen Namen, so viele waren es. Allen gemeinsam ist ein unschlagbarer Vorteil: Sie sind resistent(er) gegen Pilzbefall und brauchen deutlich weniger Chemikalien, um gesunde Trauben zu produzieren. Geschmacklich sind sie nicht alle gleich interessant. Aber das weiß ja jeder selbst am besten, was ihm schmeckt und was nicht. Warum wurden sie also verboten? Stéphan Balay geht dieser Frage nach in seinem Dokumentarfilm Vitis prohibita. Auch im Trièves findet man Hybride, die nicht für den Warenverkehr zugelassen sind. Illegale Reben? Wahrscheinlich. Und das ist ein Glück! Denn irgendwo muss man anfangen, Erfahrungen zu sammeln, will man den Einsatz von systemischen Chemikalien im konventionellen Weinbau und von Kupfer bei den Bio-Betrieben überwinden.

Englisch untertitelter Trailer des Films Vitis Prohibita über verbotene Rebsorten von Stéphan Balay.

Prébois ist aber nicht nur in Hinsicht Umweltschutz und Biodiversität ein Wegweiser Richtung Zukunft: Hier werden alte Kulturlandschaften wieder flott gemacht, seien es Mühlbäche oder Rebberge. Und in diesen Projekten finden die Bewohner von Prébois zusammen, alte und junge. Und manche wie Max oder Samuel finden darin sogar ihr Auskommen. Als Bruno und ich wieder Richtung Chambéry fahren, haben wir orange-Wines aus Hybriden ohne Schwefelzusatz im Kofferraum und den Kopf voll realer Utopien!