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Weinlese am Grenzfluss

Fritz Kurtz ist Winzer am Ritthof. Sein Anwesen umfasst mehrere Hektar Magerwiesen mit Kalkunterlage. Die Hänge fallen direkt nach Süden ab, hinunter zur Blies, dem wichtigsten Zufluss der Saar. Hinter der Blies liegt das Département Moselle. Dort war ab 1914 im damals deutschen Saargemünd der expressionistische Schriftsteller Alfred Döblin als Militärarzt stationiert. Er soll auf Spaziergängen rund um den Ritthof die Aussicht und auch die Weine von dort genossen haben. Damals war der Ritthof der größte Weinerzeuger in der Gegend. Laut blies-wein.de sind 40.000 Liter Wein für den Jahrgang 1897 aktenkundig. Heute hat Fritz Kurtz ca. 300 Stöcke der Rotweinsorte Regent gepflanzt. Je nach Jahrgangsqualität macht er daraus Rotwein oder Rosé, den er ab Hof verkauft. Mitte September steigt das Refraktometer schon auf 78 Grad Oechsle, und die folgende Woche soll es trocken bleiben. Ergebnis: Lesegut gesund, reif und reichlich.

Erntehelfer am Ritthof zwischen Bliesmengen-Bolchen und Bliesransbach mit dem tiefroten Regent 2020 und ein paar weißen Tafeltrauben.

Stahltank, Barrique oder Glasballon

Verarbeitet wird vor Ort. Mit dem Trecker fährt der Bruder des Winzers die Traubenbottiche den Steilhang hoch. Im alten Hofgebäude werden sie entrappt und eingemaischt – oder abgepresst, falls der Regent zu Rosé verarbeitet wird. Alles läuft routiniert ab, nicht anders als in einem großen Betrieb. Nur die Gebinde sind kleiner und von anderem Material. Statt Gärtanks aus Beton oder Edelstahl, wie man sie aus den großen Weinbauregionen kennt, kommt man am Ritthof mit Glasballons und Korbflaschen aus.

Die Küche des Alchimisten. Fritz Kurtz bei der Kontrolle des Mostgewichts

Weitere Lagen an Saar und Blies …

An Oberer Saar und Blies, im Grenzland zwischen Saarland und Lothringen, gibt es seit ein paar Jahren wieder einige kleinere Wingerte. Viele sind es nicht, und man kann sie an einem schönen Herbsttag wie heute alle mit dem Rad abfahren. In Kleinblittersdorf gab es früher ein bedeutendes Weingut namens Heckel. Davon sind noch ein paar Hundert Weinstöcke in Bewirtschaftung. Aber sehen kann man sie nur vom französischen Ufer der Saar, am besten von der Schnellstraße, von Sarreguemines kommend Richtung Forbach, kurz vor der Abfahrt nach Saarbrücken. Auch der Wald östlich der Rebenstraße in Kleinblittersdorf war früher ein großer Wingert. Heute steht dort ein Laubwald – auf den von Natursteinmäuerchen gehaltenen ehemaligen Weinbergterrassen. Im unteren Teil hat die Gemeinde ein paar Schmuckreben gepflanzt – als Erinnerung an den kommerziellen Weinbau, der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Montanboom zu Ende ging.

Bodenhorizont an der Blies: Kalkbrocken in der Humusauflage, gefolgt von einer massiven Schicht Muschelkalk.

Garage Wine from Saar

Mit meinem neu gekauften Refraktometer fahre ich alle mir bekannten Rebanlagen ab und messe Grad Öchsle. Der Klimawandel muss der Oberen Saar und dem Bliesgau zugutekommen. Die Südhänge, die geschützten Lagen, die mageren Kalkböden. Das alles zusammen müssten ideale Voraussetzungen sein für qualitativ hochwertigen Wein. Und das will ich in Zahlen ausdrücken können. Wintringer Hof. Bliesransbach. Haus Lochfeld. Reinheim. Ich messe und messe. Und bin ganz zufrieden. Je nach Rebsorte liegen die Werte knapp unter 80, zum Teil aber auch schon bei 100 Grad Öchsle, was einem durchgegoren Alkoholwert von 10,5% bis knapp 14% entspricht. “Anreichern”, also Zucker zum Most tun, braucht man im Bliesgau nicht mehr.

Garage Wine Productions in Bliesransbach, Saarland. Familie Bubel beim Abpressen der Weißwein-Lese 2020.

Zum Heurigen in die alten Reben

In den aufgegebenen Rebanlagen, von denen noch immer die Terrassen und zum Teil die Natursteinmauern zu erkennen sind wie beispielsweise rund um das Haus Lochfeld bei Wittersheim sieht man auch immer wieder Weinblätter – Austriebe von Reben, die das Ausstocken vor hundert Jahren überlebt haben. Aber man findet im Bliesgau auch eine Rebanlage, die es damals schon gab und die es noch immer gibt. In Bliesransbach, im alten Weinviertel, in dem die Straßen der urbanen Ausdehnungsgebiete der Siebziger Jahre “In den großen Reben” und ähnlich heißen, stehen ein paar Hundert Weinstöcke, vor Blicken und Wildschweinen durch eine Hecke geschützt. Ihr Besitzer, Herr Bubel, hat den Wingert von seinem Vater übernommen, wie dieser schon von seinem Vater. Die Vielzahl an unterschiedlichen Rebsorten hat er von einem Fachmann ampelographisch bestimmen lassen. Ich hatte das Glück, eingeladen zu sein – auf einen gemischten Satz Weißwein, Jahrgang 2018. Gekeltert und ausgebaut in der Garage. Ohne Zuckerzusatz und ohne Schnickschnack. 10,5 % Alkohol. Bliesransbacher Sommerberg oder so. Ich bin begeistert. Dem Bliesgau-Wein gehört die Zukunft!

In velo veritas

Aufs Rad steigen und losfahren. Ziel: Marseille. Ideallinie Südsüdwesten. Genau von da kommt leider auch der Wind. Kommt er sonst nie. Durch Lothringen, vorbei an Mirabellenhainen, Weizenfeldern, Viehweiden. Durchs krumme Elsass, eigentlich auch noch Lothringen. Nur die Störche scheinen das Geheimnis der Grenze zwischen den Départements “Bas Rhin” und “Moselle” zu kennen. Auf der lothringischen Seite sieht man sie nie. Hügel hoch und wieder runter oder entlang des Canal des houillères de la Sarre und des Canal de l’est. Durch Gegenden, wo es nicht einmal mehr eine Boulangerie gibt. Auf grob asphaltierten Autostraßen, über Waldwege oder quer durch die Wiese (laut Fahrrad-Navi bin ich richtig). Begleitet von Schwalben und satten Wespen – das üppige Obstjahr hat sie friedlich gestimmt. Spätsommer. Lange Schatten, die so gut zu Lothringen passen. Und darüber der große Himmel, als schwappe darunter noch immer das alte Meer – das hier zu Beginn des Mesozoikums alles bedeckte – gegen die größeren Hügel, die damals als Insel herausragten.

Canal de l’Est, zwischen Mosel und Saône. Là, ca roule …

Chardonnay von der Saône

Ich verfluche das Fahrradnavi, das mich schon wieder auf eine Seitenstraße gelockt hat, die zu Beginn asphaltiert war, nun aber aus spitzen Steinbrocken besteht und steil nach oben führt. Immer wieder dreht das Hinterrad durch. Irgendwann ist der Anstieg aber doch vorbei, und die Abfahrt führt durch Rebhänge, die ich hier nicht erwartet hätte. Entlang der Saône in der Franche-Comté? Käse, klar, aber Wein? Ich bin den Monts de Gy, und der nächste Ort ist Charcenne, Sitz einer der größten Rebzuchtanlagen des “Hexagons”, wie die Franzosen in geometrischer Aufklärertradition ihr Territoire nennen. Hätte ich hier jetzt nicht erwartet.

Monts de Gy – Trockenwiesen, Weiden – und an geeigneter Stelle auch mal ein Rebberg

Ein Schild neben der Straße: “Pizza – Flamme”. Ein Plastiktisch, zwei Stühle. Ein Typ mit gelbem Radlerkäppi schaut aus dem alten Renault Transporter raus, in dem er die Teiglinge platt macht, belegt und in den Ofen schiebt. Während ich auf meine Bestellung warte, suche ich mit dem Handynetz nach Bio-Produzenten in dieser Weinregion, von deren Existenz ich bis eben noch gar nichts wusste. Acht Kilometer von Charcenne Richtung Saône liegt Motey-Besuche, und dort gibt es die Domaine Lahaye. Mist, da bin ich jetzt schon dran vorbei, und Umwege geben meine Beine heute nicht mehr her. Monsieur Lahaye verrät mir aber am Telefon, dass ich seinen Wein im “Coin bio” in Dôle finde.

Dôle. Blick auf den Doubs. Flussabwärts kommt schon bald die Mündung in die Saône, die in Lyon in die Rhône mündet, die schließlich in der Camargue ins Mittelmeer mündet …

Dôle

Die Neugier auf den Chardonnay der Lahayes motiviert mich. Ich trete in die Pedale und stelle mir die Strecke bis zum Mittelmeer vor. Saône, Doubs. Dann wieder die Saône, Rast in Lyon, und: rollen lassen, das Rhône-Tal hinunter … So zumindest der Plan. Aber ich komme mit einem Plattfuß in Dôle an. Der Gegenwind aus Südsüdwest lässt nicht nach. Schwerer Regen ist für Lyon angekündigt. Und in Marseille, liest man, steigen schon wieder die COVID-Zahlen. Ich stelle das Rad im Hotel ab, besorge mir den Chardonnay im Bioladen und beschließe, einen Ruhetag einzulegen. Den Wein verwahrt die freundliche Rezeptionistin in der Truhe mit dem Langnese-Eis. Später serviert sie ihn mir – und sich – an der Hotelbar im edlen Glas. Der Chardonnay ist frisch und klar, mit einem Hauch Eichenholz. Ich will ihn sofort einkaufen für den Shop. Aber ich krieg den Winzer nicht mehr ans Telefon.

Ein Chardonnay aus der Franche-Comté, den ich gerne im Programm des crusauvage-Shops hätte … vielleicht wirds ja irgendwas was …

Jura statt Mittelmeer

Nach dem Ruhetag entscheide ich mich gegen die Flachetappen entlang der Flüsse und biege ab in den Jura. Lieber Berge als Gegenwind. Lieber schweizer Gutturallaute als pausenlose COVID-Warnungen. Mein neues Ziel heißt jetzt Yvoire, Küstenstädtchen auf der französischen Seite des Genfer Sees, zu erreichen mit der Fähre von Lausanne. Auf der direkten Radroute liegt Arbois, die Weinhauptstadt des Jura. Hier kultivieren sie eine eigenwillige Variante des Chardonnay, außerdem den “Vin de Paille”, einen Süßwein, dessen Trauben nach der Lese auf Strohmatten getrocknet werden, um den Zuckergehalt zu steigern. Und natürlich den legendären Vin Jaune, noch viel eigentümlicher als die anderen Weine von hier, stark oxidativ und an Sherry erinnernd.

Arbois, Hauptstadt des Jura-Weins, der in den letzten Jahren Kultstatus erlangt hat und für den zum Teil abenteuerliche Preise gezahlt werden.

Bei Pierre Overnoy

Von Arbois führt eine kleine, steil ansteigende Straße in den Ort Pupillin, Weltzentrum der Ploussard-Herstellung, neben dem Trousseau die wichtigste Rotweintraube im Jura. Mitten in Pupillin liegt das Weingut von Pierre Overnoy, dem Vordenker und Vormacher in Sachen Naturwein. In den 70er Jahren verbannte er alle chemischen Hilfsmittel aus dem Keller und verzichtete selbst auf den Schwefel bei der Flaschenabfüllung. Die Tür zum Schuppen steht offen. Ich rufe hinein und bekomme Antwort aus der Küche, wo Pierre Overnoy gerade den Sauerteig bearbeitet. In wenigen Tagen beginnt die Weinlese, und die Helfer müssen mit gutem Brot versorgt werden.

Pierre Overnoy in seiner Küche in Arbois-Pupillin. Bald beginnt auch im Jura die Weinlese, fast zwei Monate früher als im letzten Jahr. Mit 83 mag er selbst nicht mehr in die steilen Wingerte steigen. Die Verantwortung für die Domaine hat er schon vor zwanzig Jahren an Emmanuel Houillon abgegeben. Heute kümmert er sich um die Verpflegung der Erntehelfer mit Sauerteig-Brot.

Kein Neubau aus Glas, Holz und Sichtbeton wie so oft bei den neuen Stars der Weinszene mit ihren horrenden Preisen. Gebrauchte Gerätschaften, Möbel, die hier schon sehr lange stehen. Ein Schäferhund, der unter dem Tisch döst. Kein Firlefanz, kein Blendwerk. Weniger ist hier scheinbar immer noch mehr. So wie in den Anfangsjahren des Naturweins. Pierre Overnoy betrachtet seine Arbeit als eine Rückkehr zu den Verarbeitungsmethoden seiner Vorfahren, als die Pharmakonzerne den Weinbau noch nicht als lukrativen Absatzmarkt für sich entdeckt hatten. Ich habe Glück, er hat Zeit für ein Schwätzchen, Wein gibt’s aber nicht. In den letzten Jahren waren die Erträge gering. Wenn es dieses Jahr besser wird, kriegen wir was ab. Vielleicht. Er gibt mir Emmanuels Handynummer. Ich soll nach der Maischegärung mal anrufen. Kupfer? Nun ja, Kupfer spritzen sie auch. Geht nicht ohne. Ploussard oder Poulsard ist nicht gerade berühmt für seine Pilzresistenz. Aber: Seit Jahrzehnten verwenden sie nur 400g pro Hektar und nicht die 6 kg, die erlaubt sind. Und im Keller nach wie vor keine Chemie!

Letzte Kilometer

Von Pupillin geht’s über ein paar Pässe in immer menschenverlassenere Gegenden des Jura. Bis zum Abend schaffe ich es nur noch bis zum Lac de Saint Point, so einer Art Wiederbeginn der Zivilisation. Im Hotelrestaurant probiere ich diverse Ploussards, von denen mich keiner umhaut. Früh am nächsten Morgen radle ich über den letzten Pass und fahre dann fünfzig Kilometer am Stück talwärts, von der Skistation Métabief bis zum Neuenburger See, wo mich endlich der Regen einholt. In Yverdon-Les-Bains steige ich in den Zug und bin am Abend wieder zu Hause. Auch ohne Wein von Overnoy oder Lahaye bin ich ganz zufrieden. Schließlich geht an der Mosel bald die Weinlese los.

72 Grad Oechsle im Steilen Süden

Sonntag, 6. September 2020. Auf meiner Radtour durch Nordostfrankreich Ende August waren selbst die Weingüter an der Saône und teilweise sogar schon im Jura in der Weinlese. Wie sah’s an der Mosel aus? Im Steilen Süden? War unser Riesling am Neefer Frauenberg eventuell schon überfällig für die Presse? Also fahren Svenja und ich gleich am Sonntag hin, vorbei an kopfschüttelnden Spaziergängern (Auto im Weinberg – unerhört!). Wir inspizieren den Gesamtzustand des Hangs und mischen eine Probe aus den verschiedenen Terrassen zusammen. Ich zermatsche alle Beeren vorbildlich in einem Einmachglas, bis sich genügend Saft gebildet hat, und lasse zwei Tropfen aus der Pipette auf das Prisma des Refraktometers fallen. Das Gerät überträgt die Veränderung der Lichtbrechung durch den aufgetragenen Stoff, in unserem Fall Traubensaft, auf eine Skala, an der ich jetzt das Mostgewicht ablesen kann. In Deutschland wird es in “Grad Oechsle” angegeben. “72” lese ich ab. Das entspricht auch dem Geschmackstest. Die Riesling-Beeren sind noch kratzig. Sie müssen noch hängen bleiben und “Photo-Zucker” aufbauen. So weit also alles okay: Wir sind auf keinen Fall zu spät dran.

In den Sternen steht eine Zahl: “72”. Einheit: Grad Oechsle. Das ist für den 6. September ganz in Ordnung, wenn man das mit den publizierten Zahlen der Vorjahre vergleicht. 80 plus X sollten es aber schon noch werden. (Foto: Svenja Becker)

Und die Öchsle der Nachbarn?

72 Grad Oechsle, das ergäbe so knapp 9,5% Alkohol. “Salattunke” könnte die Einschätzung Hermann Grumbachs dazu lauten, würde man ihn fragen. Das wissen wir aber auch selber und fragen ihn erst gar nicht. Also hängen lassen! Aber wie lange? Wir testen bei den Nachbarn: Auf 71 kommt der eine Wingert, auf 74 der andere. Wir liegen in der Mitte und sind erleichtert. Hätte ja auch sein können, dass der Steile Süden in Sachen Mostgewicht so eine Art Spätentwickler ist. Ist er aber zum Glück nicht, und das ist nun mit einem geeichten Spezialisten-Instrument bewiesen! Aber wieso ist an der Mosel alles so spät dran? Ich rufe Christine Chaussy in Orange an der südlichen Rhône an. Bei denen ist auch noch nichts reif, sagt sie. Also, alles in Ordnung in der (meiner) Welt des Weins. Nur im Beaujolais, Burgund und Jura war alles viel zu früh dran. “Zwei Monate früher”, meinte Pierre Overnoy sogar, als ich ihn in Arbois traf. Svenja und ich beschließen jedenfalls, den Riesling mindestens bis Ende September, Anfang Oktober hängen zu lassen. “80 Grad Oechsle plus x” lautet jetzt das Ziel. Bei einem Zuwachs von 1,5 Grad Oechsle pro Tag – wenn die Sonnen mitspielt – sollte das erreichbar sein. Bei 85 Grad Öchsle käme der Wein, wenn alles durchgärt, auf ungefähr 11,5%. Ahoi Steiler Süden! Bis die Oechsle erreicht sind, halten wir uns und den Rieslinggott bei Laune mit Hermann Grumbachs Devonschiefer aus Lieser.

Halbzeitstand im Sabbatical: Realität schlägt Traum

Vor fast einem Jahr begann mein Sabbatical, mein Weinbau-Sabbatical. Ich wollte mich dafür einsetzen, dass an der Oberen Saar zu beiden Seiten der französisch-deutschen Grenze wieder kommerzieller Weinbau betrieben wird. Ich sah mich auf dem Moped durch Frankreich fahren (und weiter bis Georgien), auf Weingütern arbeiten und darüber bloggen. Vielleicht würde ich unterwegs sogar Partner finden für die Wiederbelebung des Weinbaus an der Oberen Saar. Im Hintergrund schwang noch eine romantische Vorstellung von der Entdeckung des ultimativen Naturweins mit. Aber als das Sabbatical im Juli 2019 anfing, hatte die neue Realität schon begonnen: Ich kümmerte mich um einen aufgegebenen Weinberg in Neef, an der Terrassenmosel, buchte einen Rebschnitt-Kurs an der Hochschule Geisenheim, lernte den Moselwinzer Hermann Grumbach kennen und zerbrach mir den Kopf darüber, wie aus meinen Rieslingtrauben des Jahres 2020 („vin vin“) ein vorzeigbarer Wein werden könnte. Die Lernkurve war steil wie der Steilhang in Neef, und sie ist es immer noch. Und die Realität war viel besser als alles, was ich mir erträumt hatte …

Der “Steile Süden” (mit orangenen Punkten markiert) am Frauenberg in Neef. Der Bergrücken dahinter links ist der Calmont, der steilste Weinberg Europas. Das Foto habe ich vom Ortseingang Bremm aufgenommen. Der “Steile Süden” hat Sonne, Gefälle und ein tolles Schieferskelett. Aber er sieht verdammt mager aus im Vergleich zu den anderen Parzellen. Vermutlich, weil er vier Jahre brach gelegen hatte. Dieses Jahr gibt es, wenn es “gut” geht, ein Dutzend Flaschen, 2021 wird’s hoffentlich besser.

Naturwein

Geoffroy, der beste Wirt im Pariser Becken, macht im Terminus in Saarbrücken eine Mischung aus Live-Konzerten, moderner französischer Küche und Weinbar. Er gab mir vor ein paar Jahren das Buch von Sébastien Lapaque Chez Marcel Lapierre, ein Buch über den Naturwein-Pionier aus Villié-Morgon, eine der Top-Adressen im Beaujolais. Mitten in den Siebzigern, als die chemische Vergiftung der Weinberge, Weinbauern und Weintrinker einen ersten Höhepunkt erlebte, gingen Lapierre und Pierre Overnoy (Jura) neue Wege: Sie setzten auf lebendige Böden und Biodiversität statt auf den Einsatz chemischer Produkte. Sie vertrauten auf die Natur, anstatt sie mit der Chemiekeule in Schach zu halten. Ihre Devise: Im Keller kann man keinen Wein verbessern. Bestenfalls kann man die Qualität, die man aus dem Wingert mitgebracht hat, erhalten. Lapierre achtete auf jede Kleinigkeit, um die Natur so weit wie möglich für seine Zwecke zu nutzen. Und dann als letzten Schritt – aber nur wenn es der Jahrgang zuließ – verzichtete er sogar auf das Zusetzen von Schwefel, um die Weinqualität für die Lagerung in der Flasche zu stabilisieren. Heute wird vin nature, Naturwein oft auf diesen letzten Schritt reduziert. Aber das ist falsch. So verstanden ist Naturwein nichts weiter als ein Modefirlefanz, ein Aufmerksamkeitstreiber für den Umsatz. Naturwein ist weder ein geschützter Begriff, noch bestehen irgendwelche Anforderungen an reduzierten Gifteinsatz wie etwa im Bio-Anbau. Solange kein Schwefel im Keller zugesetzt wird – egal wieviel davor im Weinberg verspritzt wurde, schmückt sich, wer Lust drauf hat, mit dem Naturwein-Label. Das Hauptproblem ist dabei aber nicht die Irreführung des Marktes. Unerfreulicher ist, was für einen meist hohen Preise Nase und Gaumen zugemutet wird. Insbesondere Weißweine stabilisieren sich kaum von selbst und schmecken als “Naturwein” oft nicht anders als hessischer „Ebbelwoi“. Das kann weder der Weg noch das Ziel sein. Ich schiebe also die Naturwein-Idee beiseite und mache mich auf die Suche nach einem Weinbau ohne Einsatz von Pestiziden. Dabei folge ich meinem Weingeschmack und keiner Naturwein-Ideologie. Um das konsequent zu machen und auch mit anderen Weinliebhaberinnen zu teilen, gründe ich zusammen mit meinem Freund Stefan im Februar 2020 die Crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH.

Geoffroy neben der Tageskarte seines Terminus Saarbrücken. Bei Geoffroy gibt es crusauvage-Weine, unter anderem einen hervorragenden roten Naturwein, den “Gam’ Nature”, ein Gamay aus dem Hause Prappin (Bio und ohne Schwefelzusatz!). Bei crusauvage ist der ausverkauft, aber im Terminus noch zu bekommen. (Foto: René Lortat (Grand merci!))

Abrakadabra: Homöopathie im Weinberg

Einmaischen ganzer Trauben, also Beeren und Rappen, in Amphoren. Düngen mit den Ausscheidungen der Fledermaus, die im Kuhhorn vergraben und später verdünnt werden – wobei das je doller wirken soll, je verwässerter die Lösung ist. Je nach Mondphase dieses tun und jenes lassen. Derlei Aktivitäten zwischen Vormoderne und Homöopathie werden als Biodynamik im Weinberg gelabelt, suggerieren Exklusivität und sollen hohe Preise rechtfertigen. Die Methode findet immer noch neue Anhänger – zumindest auf den Websites der Betriebe. Was der Hokuspokus mit Fledermäusen und Mondphasen kaschieren hilft: Auch die Biodynamiker dürfen im Weinberg Kupfer und Netzschwefel einsetzen. Und im Keller dürfen sie tun, was jeder konventionelle Winzer auch tut. Aufzuckern, Schönen, Klären und Filtern. Das tun nicht alle. Aber wer’s tut, befindet sich nicht im Widerspruch zum anthroposophischen Oberguru Steiner.

Die beiden Gründer und Geschäftsführer der Weinimports und -vertriebsgesellschaft crusuavage-Weine: Stefan und Martin. Bei der Auswahl unserer Weine leiten uns * Geschmacksqualität * respektvoller Umgang mit Mensch und Natur * ein fairer Preis für Hersteller und Verbraucher. Wir beziehen die Weine direkt von kleinen Weingütern aus Deutschland und Frankreich, oft aus weniger bekannten Anbaugebieten. Die meisten sind Bio-zertifiziert.

Bio’s und das Schwermetall Kupfer

Als die Reblaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Reben in ganz Europa kahlfraß – übrigens ein Früheffekt der wirtschaftlichen Globalisierung, denn sie wurde aus den USA eingeschleppt – fand man die Lösung an der Quelle des Übels: Man importierte Wildreben aus dem USA, die an den Wurzeln Korkringe ausbilden, die der Reblaus den Appetit verderben, und pfropfte auf diese so genannten „Unterlagen“ die Edelreben wie Riesling oder Merlot auf. Aber wie so oft: Mit der Lösung eines Problems schuf man ein neues. Die Reben wurden anfällig gegen den „falschen Mehltau“ (Peronospora). Mit Schwefel und Kupfer – ein Schwermetall, das sich im Boden anreichert – ging man durch prophylaktische Spritzungen gegen den Pilzbefall vor. Berühmt berüchtigt: die Bouillie bordelaise, die Bordeauxbrühe, eine Mischung aus beiden Giften. Dann kamen synthetische Fungizide (meist zusammen mit Kupfer), die nach einander erst eine steile Karriere machten, dann aber verboten wurden. In der Bio-Landwirtschaft sind diese Mittel nicht zulässig. Der Einsatz von Kupferprodukten ist im Biolandbau aber weiterhin erlaubt. Und zwar bis zu vier Kilogramm Kuper pro Hektar. Man weiß um die Probleme (Anreicherung des Schwermetalls im Boden, Ausschwemmung in Gewässer, Abtötung von Mikroorganismen), aber man weiß nicht, wie man vom Kupfer loskommt. Zu groß ist die Nachfrage nach Bio-Produkten, und die Produktion darf nicht stocken. Es lohnt sich also immer zu fragen, wieviel Kupfer und in welcher Form ein Bio-Weingut einsetzt. Nur einmal erhielt ich die Antwort: gar keinen …

Auch wenn der Steile Süden mit seinen alten Rieslingreben nicht ohne “Pflanzenschutz” aus dem Spritzhubschrauber auskommt: Das meiste ist Bearbeitung von Hand wie etwa hier das Aushacken des gewaltigen Wurzelwerks der Brombeere. (Foto: Undine Löhfelm, Februar 2020. Steiler Süden, Neefer Frauenberg)

Neue, resistente Rebsorten

… Das war, als ich Sonja Geoffray kennen lernte. Sie kommt aus dem Wallis und lebt auf dem Chateau Thivin am Mont Brouilly. Ihre Schwiegereltern machen dort hoch angesehene Bio-Weine, seit Jahrzehnten. Sie hat eine Parzelle mit pilzwiderständigen Rebsorten bepflanzt: Sie heißen Prior, Chambourcin und Souvignier Gris und stammen alle aus den Zuchtbemühungen Norbert Beckers am Weinbauinstituts Freiburg. Die Reben zeichnen sich durch eine erhöhte Resistenz gegen Pilzbefall aus, aber sie sind nicht völlig resistent. Um den Pilzbefall zu verringern, lässt sie die Reben höher wachsen, als das in der Region üblich ist. Das geht, weil es durch Klimawandel so warm ist, dass zum Ausreifen der Beeren die Wärmereflexion aus dem Boden keine Rolle mehr spielt. Je weiter das untere Ende der Laubwand vom Boden entfernt ist, desto besser sind die Reben vor den sich im Boden befindenden Pilzsporen geschützt. Die Reben höher wachsen zu lassen, hat außerdem den Vorteil, dass Schafe zwischen den Reben weiden können, ohne die Reben abzufressen. Schafe halten das Grünzeug kurz, das zwischen den Reben wächst, und sie düngen den Boden. Und sie tun eins nicht: Sie verdichten den Boden nicht (wie etwa der Traktor), und erlauben so den Mikroorganismen, den Boden locker und lebendig zu halten.

Utopia: Rotwein-Cuvée ohne Pestizide der Winzerin Sonja Geoffray, Château Thivin, Mont de Brouilly

„Was passiert, wenn du doch mal Mehltau in Weinberg hast?“, frage ich.
„Ich schneide die befallenen Pflanzenteile ab und nehme sie aus dem Weinberg raus.“
Manchmal macht sie auch Pflanzensud aus Brennnessel oder Schafgarbe. Das hilft. Aber das vernichtet nicht alles. Sonja Geoffray lebt mit diesen Beeinträchtigungen und mit einem geringeren Ertrag. Und sie erzeugt aus diesen Reben mit indigenen Hefen, also ohne Zusatz von Reinzuchthefen, im Holzfass eine Cuvée namens “Utopia”. Für den 2018er bekam sie die Goldmedaille des Vereins der Winzer, die pilzwiderständige Rebsorten einsetzen. Von wem auch sonst? Prior und Co. sind nicht vergleichbar mit Gamay, Pinot Noir oder Cabernet Sauvignon. Sie sind anders. Aber sie verfügen über alles, was man für einen komplexen Wein braucht: Vollmundigkeit, Tannine, Säure, Fruchtaromen, eine tiefe, ins Bläuliche gehende Farbe. Und der Wein von Sonja Geoffray ist das beste Beispiel für Verbindung aus respektvollem Umgang mit der Natur und höchtem Anspruch an Qualität.
Stand Mitte des Sabbaticals bin ich überzeugt: Die gegen Pilzerkrankungen resistenten Neuzüchtungen sind zusammen mit neuen Anbauformen, den sogenannten “Erziehungssystemen” die Zukunft des Weinbaus. Und das wird Auswirkungen auf meine Pläne bei der Wiederbelebung des Weinbaus an der Oberen Saar haben … (Fortsetzungt folgt)

Reblandschaft bei Brouilly, Beaujolais, Juli 2020

Abfüllung bei Hermann Grumbach, Lieser, Mosel

5. Juni. Lieser. “Abfüllung Grumbach” steht in meinem Kalender. Der 2019 geerntete Wein muss in die Flasche: zwei Weiße, ein Rosé und der Rote. Ich bin spät dran und jage den alten Skoda über die A1 Richtung Wittlich. Der graue Himmel küsst den grauen Asphalt, auf den Moselbrücken reißen Windböen an der Lenkung. Nach Wochen intensiver Sonneneinstrahlung, die sich wie ein vorgezogener Sommer angefühlt haben, kommt mir das jetzt wie November vor. Hermann Grumbach und sein Team sind schon bei der Arbeit, als ich endlich den Motor abstelle. Im Hof des Weinguts ist eine vollautomatische Abfüllanlage aufgebaut. Flaschen, Korken und selbstverständlich der Wein kommen vom Weingut. Das Einrichten, Bedienen und anschließende Säubern und Abbauen der Maschine macht der Lohnabfüller, dem die Anlage gehört. Die Maschine zieht die gespülten und getrockneten Leerflaschen ins System, befüllt sie vorsichtig und gleichmäßig, verkorkt sie und schiebt sie dann nach hinten raus. Dort nehmen der Rumäne Vasili und ich sie entgegen und stapeln sie in Stahlgitterboxen. Hermann Grumbach fährt die vollen Boxen anschließend in den Keller. Ende der Abfüllung.

“Aura Aestiva”, 2019, der Grumbach’sche Rosé aus Spätburgundertrauben – abgefüllt, aber noch ohne Etikett. Jetzt muss er erst mal ruhen. Denn Abfüllen ist vor allem für den Wein anstrengend.

Nach der Abfüllung: zwei Wochen Ruhe

Während Vasili und ich Flaschen stapeln, kümmern sich Hermann Grumbach und sein Sohn Peter um die Koordination der Abläufe: Sie koppeln Schläuche, Filter und Abfüllanlage, stellen sicher, dass die richtigen Flaschen in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Ebenso die passenden Korken. Schließlich müssen nach Beenden der Abfüllung sofort die leeren Tanks gespült werden. Das macht ordentlich Arbeit, denn oft ist der Weinstein an den Innenwänden festgepackt und lässt sich nur mit dynamischen Temperaturwechseln ablösen. Da sich Stahl schneller zusammenzieht und ausdehnt als der Weinstein, platzt bei den Temperaturwechseln der Weinstein von den Innenwänden. Zu guter Letzt werden die nicht ganz voll gewordenen Flaschen, die beim Wechseln der zu füllenden Weine immer anfallen, eingesammelt und kommen zusammen mit heißer Lyoner, Brot und Senf auf den Tisch. Nach der Freude bei der gemeinsamen Arbeit nun der gemeinsame Genuss! Die meisten, die hier mithelfen kennen sich seit Jahrzehnten und freuen sich auf jeden Arbeitsschritt, bei dem das Weingut Unterstützung braucht.

Winzer Hermann Grumbach erläutert die Besonderheiten des Jahrgangs 2019: Durch Trockenperioden und eine kompromisslose Selektion bei der Lese liegt die Erntemenge 2019 deutlich unter der von 2018. Qualitativ schätzt er die Weine aber ähnlich hoch ein wie die Weine des herausragenden Jahrgangs 2018. Stilistische Unterschiede zwischen den beiden Jahrgängen werden vor allem aufgrund des langen Hefelagers des 2019ers zu erkennen sein.

Bis die Weine ernsthaft verkostet werden können, dauert es noch eine Weile. Durch Pumpen und Filtern (beim Weißwein) werden die Weine aufgewirbelt und zeigen wie zum Beispiel der Riesling dominante Fruchtnoten wie etwa Aprikose. Diese aufgeregt wirkenden Düfte waren vor der Füllung nicht da. Aber keine Sorge: Sie beruhigen sich wieder im Verlauf der Lagerung und fügen sich innerhalb von ein paar Wochen ins Geschmacksbild ein. Dann verkosten auch Stefan und ich alle vier Weine: die Rieslinge “Devonschiefer” und “Saxigenum”, den Rosé “Aura Aestiva” und den 2019er Spätburgunder “Schwarzlay”, um zu entschieden, welche dieser vier Weine wir gerne ins Sortiment nehmen würden.
Hier geht es unterdessen zu den derzeit und hoffentlich auch noch eine Weile lieferbaren Grumbach-Weinen des Ausnahmejahrgangs 2018:
Devonschiefer Riesling, 2018
Spätburgunder Schwarzlay, 2018

Schwarzlay (Spätburgunder, rot), Devonschiefer (Riesling, weiß), Saxigenum der Rosé “Aura Aestiva” der 2019er Lese. Noch nicht etikettiert, dafür handsigniert vom Winzer Hermann Grumbach. Verkosten werden wir voraussichtlich Ende Juni, denn direkt nach dem Füllen kann man dem Wein bei einer Verkostung nicht gerecht werden. Er ist aufgesprudelt und muss in der Flasche erst einmal seine Identität wiederfinden … das dauert. In den Handel kommen die 2019er noch viel später.

Geschein, das [Botanik]: Blütenstand der Weinrebe

Sein Vokabular erweitert man nicht nur, wenn man neue Sprachen lernt. Man erweitert es auch, wenn man sich sonst wie mit neuem Wissen anreichert. So wie ich in Sachen Weinbau. Das Wort “Geschein” hätte ich früher verächtlich als Kirchenvokabular abgetan, irgendwo zwischen “Geldschrein” und “Heiligenschein”. Dank Svenja weiß ich es nun besser, denn das “Geschein” ist für die Wandlung von Grundwasser zu Wein essentiell. Das Foto oben zeigt das Geschein im Steilen Süden: den Blütenansatz des Rieslings, also das, woraus die Blüten und dann später die Trauben werden (sollen). Nicht gerade üppig, was hier entsteht, aber zu viel, um die Hacke gleich in die Dornen zu schmeißen. Wenn nicht noch der Frost über die Blüte kommt, oder die Juli-Sonne die Beeren verbrennt. Wenn nicht Wühlmäuse und Rebläuse die Wurzeln abfressen. Wenn nicht Wildschweine und Vögel aus den Büschen hervorbrechen und alles niederreißen oder aufpicken. Wenn nicht, wenn nicht, wenn nicht … dann gibt es 2021 einen “Steilen Süden”, einen Riesling aus einer Extremlage am Neefer Frauenberg! Auch wenn’s nur 70 Liter werden (wie beim Château d’Yquem haha). Lang lebe das Riesling-Kollektiv!

Svenja im Steilen Süden beim Ausbrechen. Immer darauf bedacht, das scheue Geschein nicht zu erschrecken.

Hacke(l)n, hacke(l)n, hacke(l)n

Mit Andreas, meinem Vater, war ich oft in den Weinbergen unserer Verwandten in Mehring an der Obermosel. Hans-Klaus, der Winzer, brachte mir auf dem roten Traktor das Autofahren bei, da war ich acht. Ich mag den Sing-Sang des Moselfränkischen, die Herzlichkeit der Leute hier. Ich mag auch die steilen Hänge und die Arbeit darin. Aber den grünen Winzer-Daumen kriegt man davon nicht. Der Kalk, den Undine und ich zur Verbesserung des pH-Werts ausgebracht haben, hat sich in der Oberfläche verbacken, statt sich, wie gewünscht, aufzulösen, in den Boden einzudringen und die Nährstoffaufnahme der Reben zu verbessern. Jetzt gibts rund um die Reben betonartige Flecken: Parkplätze für Matchboxautos …

Und immer wieder die Hacke. Gegen das Massiv-Wurzelwerk von Brombeere, Waldrebe und Schlehe. Und zum Nachzerkleinern des verbackenen Kalks.

Die drei Plagen des Weinbergs

Ich kaufe nicht nur aus Faulheit alles im Wintringer Hof, dem ambitioniert arbeitenden BIO-Hof der Lebenshilfe Obere Saar. Die Qualität der Produkte überzeugt mich. Aber vor allem wohne ich neben den Äckern, Feldern und Obstanlagen und freue mich, dass hier kein Chemiekrieg tobt. Ich selbst setze auch keine Pesti- und Sonstwie-Zide im Garten ein. Aber in den Reben des Steilen Südens, die inmitten einer Monokulturlandschaft stehen, die vom Dreiländereck im luxemburgischen Schengen bis in die “Bundesstadt” Bonn reicht, herrscht bisweilen Not: Nach über 100 Jahren können die Böden nicht immer weiter dasselbe liefern, was die Rebe für ihre monotone Diät benötigt. Eigentlich müsste man düngen … mache ich aber nicht. Dazu kommt die Anfälligkeit der Monokulturen gegen hoch spezialisierte Invasoren: Tiere. Pflanzen. Pilze. Dagegen gibt es: Insektizide, Herbizide und Fungizide. Statt Insektiziden nutzen heute alle Sexualduftstoffe, mit denen die Insekten in die Irre geleitet werden. Statt Herbiziden wird zumindest im Steilen Süden dauernd gehackt: damit die Wurzeln der Reben Platz haben, und keine anderen Pflanzen ihnen die ohnehin spärlichen Nährstoffe und das Licht (und damit ihre Energiequellen) streitig machen.

Undine beim Botanisieren mit dem Smartphone. Hier grünschimmernde Käferchen, anderswo Walderdbeeren.

“Dat kannse trinke”

Es bleiben die Fungizide. Gespritzt wird auch im Bio-Weinbau mit Schwefel und Kupfer – eine unbefriedigende Dauerausnahme, da Kupfer ein Schwermetall ist, das sich im Boden anreichert und in die Wasserläufe ausgespült wird. Eingesetzt wird Kupfer gegen Oidium (echter Mehltau) und Peronospora (falscher Mehltau). Wenn eine der beiden Pilzsorten die Rebanlagen bei feuchtwarmem Wetter befällt, ist die ganze Ernte futsch. Daher wird an den Steillagen der Mosel mit dem Hubschrauber gespritzt: Kupfer und Schwefel (wie im Bio-Weinbau), aber auch ein paar andere Produkte der großen Pharmakonzerne mit Namen wie “Profiler”,”Viavando” und “Delan Pro”. Was genau wann und wo in welcher Menge gespritzt wird, steht auf der Seite der Landesregierung von Rheinland-Pfalz.

Markierung für die Hubschrauberspritzung in der Form eines “!” am Einstieg in den Steilen Süden. Ich verstehe das Ausrufezeichen als Appell an mich: Ich muss im nächsten Jahr deutlich weiter sein, wenn ich eigenen BIO-Wein ohne Kupferspritzung erzeugen will!

“Wat die heut spritze, dat kannse uch trinke”, sagt einer der Winzer, der den Hubschrauber für einen Brauseverteiler vom Sozialamt hält und lieber hinterher noch mal mit dem Bulli durch die Gassen fährt und das richtige Zeug nachspritzt. Bei den Hubschrauberspritzungen wird auch der Steile Süden abgedeckt. Damit wird dieser Riesling-Collective 2020 kein Bio-Erzeugnis. Nicht in diesem Jahr. Nicht an diesem Ort. Bin ich schon so schnell an meine Grenze gestoßen? Hab’ ich schon nach kaum einem Jahr klein beigegeben? Nein! Aber ich kümmere mich hier mit Freunden um einen alten Rebberg, der mit Riesling bepflanzt ist und in Pfahlerziehung angelegt wurde, umgeben von Weingütern, die von ihrer Arbeit leben müssen. Alles Gründe, warum es nicht ganz ohne den so genannten “Pflanzenschutz” der IG Farben-Nachfolger geht. Also lasse ich den Hubschrauber auch über den Steilen Süden fliegen. Aber das Ziel bleibt natürlich weiterhin: Ohne Fungizide zu arbeiten. So wie Sonja Geoffray.

Mal wieder geschafft: Brombeere, Waldrebe und Schlehe wissen, wo die Hacke hängt (zumindest für ein paar Wochen), und wir sind völlig im Arsch (aber glücklich).

Unser erster Wein ist da!

Im Frühjahr hat sich einiges getan: Ich habe mit Stefan eine GmbH gegründet, die Weine importiert und vertreibt. Unsere Auswahl verläuft streng nach der Devise meines Blogs “Weinbau, der sich was traut”. Wir beziehen die Weine nur von kleinen Weingütern, die ihre eigenen Trauben verarbeiten, die wir persönlich kennen, zum Teil auch vom Mitarbeiten im Weingut. Wir besuchen vor allem Anbauregionen in Frankreich, die in Deutschland nicht so bekannt sind wie z.B. die Côteaux du Lyonnais. So können wir hochwertige Produkte zu einem (meist) erschwinglichen Preis anbieten. Idealerweise sind unsere Weingüter BIO-zertifiziert (ist aber kein Muss!). Aber vor allem: Der Wein, den wir anbieten, schmeckt uns (das ist ein Muss!), denn wenn er sich nicht verkauft, müssen wir ihn selbst trinken wollen!

Stefan bei der Einlagerung der ersten Paletten aus Südfrankreich

La Garrigue

Mittlerweile ist die crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH im Handelsregister und beim Gewerbeamt eingetragen, vom Zoll haben wir die notwendigen Genehmigungen, und die Shop-Seite läuft! Daher gibt es jetzt auch unseren ersten Wein: Er ist „rouge“ und er heißt LA  GARRIGUE, wie die Landschaft der Region, aus der er stammt, der Provence. Dieser Wein ist etwas Besonderes im deutschen Markt, denn er bietet etwas, wonach alle suchen: Wein eines Premiumherstellers zum Supermarktpreis. Wie kann das sein? Da mit Herkunftsbezeichnung auf dem Etikett nur knapp vierzig Hektoliter pro bestocktem Hektar vermarktet werden dürfen, kommt alles, was mehr produziert wird, als Zweitwein auf den Markt, zu einem deutlich günstigeren Preis …

Kein Kompromiss!

LA GARRIGUE ist solch ein Wein. Er wurde nach denselben Kriterien erzeugt wie sein „großes Geschwisterchen“: Zertifizierter BIO-Anbau mit minimalem Pflanzenschutz-Einsatz gegen Pilzbefall. Das ist möglich wegen des einzigartigen Klimas (Wind- und Sonnenexposition, Kieselböden im alten Flussbett der Rhône). Lese von Hand. Ausbau im Weingut ausschließlich mit den traubeneigenen Hefen, kein Chaptalisieren, kein Schönen, keine Klärung, keine Filterung. La Garrigue wurde exklusiv für crusauvage abgefüllt, etikettiert und liegt zur Auslieferung bereit in unserem deutschen Auslieferungslager.

La Garrigue
La Garrigue 2018, der erste “eigene” Wein der crusauvage-Weine Gramer & Baltes GmbH

Steiler Süden: Riesling-Kollektiv 2020!

Mitte März 2020. Es gibt nur noch ein Thema. Weltweit: Sars-Cov2. Und es kann sich nur noch um Stunden, maximal Tage handeln, bevor wir in unseren vier Wänden festsitzen werden – sofern wir welche haben – und darauf warten, dass sich das Internet vor lauter Serien-Streaming und Videokonferenzen zusammenfaltet. So einem Virenangriff ist keine Firewall gewachsen. Der Steile Süden ist ein Weinberg, und wenn er nicht geschnitten wird, gibt er keinen Ertrag. Er ist Teil einer Jahrhunderte alten Kulturlandschaft an den extrem steilen Hängen der Terrassenmosel. Kulturlandschaften gehen zu Grunde, wenn der Mensch sie nicht erhält. Und für den Steilen Süden bin ich jetzt seit einem Jahr “sein Mensch”. Unseren letzten Versuch, die Reben im Hang zu schneiden, hatten Svenja und ich wegen drohender Unterkühlung abgebrochen. Das war in der Karnevalswoche. Und als wir vorzeitig abzogen, hatten wir höchstens ein Drittel so getrimmt, wie wir es haben wollten.

Svenja, von Kälte und Wind gebeutelt, aber noch sehr vergnügt beim Rebschnitt im Steilen Süden, mitten in der Karnevalswoche. Aus dem Tal bumst der Kirmestechno hoch, und man weiß nicht: Kommt’s von den holländischen Frachtschiffen auf der Mosel oder aus den Kaschemmen in den Dörfern Bremm und Neef.

Mit der Wärme steigen die Säfte, und die Reben “bluten”, wenn sie geschnitten werden …

Jetzt ist es zum Glück wärmer. Aber damit steigt der Zeitdruck – nicht nur wegen der bevorstehenden Bewegungseinschränkung, sondern auch wegen der steigenden Vegetationsaktivität. Mein Freund und Geschäftspartner Stefan fährt mit in den Steilen Süden. Mit dem Auto brauchen wir fast zwei Stunden von Saarbrücken nach Neef. Wir brechen früh auf, sonst lohnt sich das nicht. Und wir haben schweres Gerät dabei, um nach erledigtem Rebschnitt noch den Dornen das Handwerk zu legen. Mechanisch versteht sich. Insbesondere Brombeeren haben die fiese Angewohnheit, sich an der Wurzel der Rebe zu schaffen zu machen und sich entweder neben der Wurzel oder direkt durch die Rebenwurzel mit Nährstoffen und Wasser zu versorgen. So genau weiß ich das nicht. Dreckszeug, teuflisches! Wer da nicht früh handelt, wird von einem exponentiellen Wachstum überrollt. Also im Weinberg gilt bezüglich Brombeere: Zero tolerance! Und das erinnert mich schon wieder an das Virus … oder heißt es den? Aber das ist im Moment, glaube ich, egal.

Stefan und Martin Mitte März 2020 im Steilen Süden nach erfolgreichem Rebschnitt; es fehlt nur noch die unterste Terrasse. Bald geht die Sonne unter, und kurz danach die Welt – “as we knew it” (Michael Stipe)

Kulturrevolution: Steiler Süden, ein Reben-Umerziehungs-Lager

Der Rebschnitt steht am Anfang des Zyklus im Weinberg, die Weinlese an dessen Ende. Der Rebschnitt erfolgt idealerweise kurz vor dem Einsetzen der Vegetationsphase. Kurz bevor die Pflanze aus ihren Wurzeln die Kraft zieht, um auszuschlagen und Blätter auszutreiben, um sich dann mittels Photosynthese mit Energie versorgen zu können. Die neue gewonnene Energie kann sie teilweise wieder in ihre Wurzeln einlagern – für den Austrieb im nächsten Jahr. Aber damit sie das tun kann, darf man sie bei der Traubenproduktion nicht überfordern. Der Steile Süden ist geschwächt durch die Jahre der Nichtbewirtschaftung, und daher gilt: nicht auf Ertrag schneiden, sondern auf Erhalt. Früher war man auch im Steilen Süden auf Ertrag aus gewesen. Das erkennt man daran, dass, wie so oft in den Steilhängen der Mosel, zwei Fruchtruten geschnitten und die Enden nach unten zusammengebunden wurden. Ein Rebschnitt, dessen Ergebnis aussieht wie ein Herz, ein “Moselherzchen”. Hübsch, aber leider zu viele Austriebe und viel zu viel Ertrag. Deswegen heißt es jetzt Kulturrevolution: Wir erziehen die Reben auf eine einzelne Fruchtroute um.

Bis die Moselherzchen weinen

Die Reben “weinen” schon stark bei jedem Schnitt. In den nächsten Tagen sollte möglichst kein Frost kommen. Dafür lässt sich das Holz schon prima biegen, und die “Umerziehung” nimmt Formen an. Wir drücken aufs Tempo. Wenn die Ausgangssperre kommt, muss dieser Arbeitsschritt abgeschlossen sein. Der Kampf gegen die Dornen, das Kalken des leicht sauren Schieferbodens, der Austausch der morschen und gebrochenen Pfähle, all das kann warten oder muss notfalls ausfallen. Wir schneiden und binden und binden und schneiden. Dann machen wir Pause, trinken ein paar alkfreie Biere, teilen uns die Essensreste vom Vortrag und blinzeln in die Sonne Richtung Mosel. Irgendwann ist die zweite Terrasse fertig, und der Rücken – vom Im-Hang-Stehen – auch. Wir packen das schwere Gerät unbenutzt wieder zusammen, machen ein Foto von uns – das Foto mit dem Sonnenstrahl, der sich im Rebenblutstropfen auf der frischen Schnittfläche bricht, habe ich leider versaut. Dann fahren wir zurück in die schaurige Realität der Virus-Sondersendungen auf allen Kanälen.

18. März 14h10: Der Steile Süden ist geschnitten. Für die beiden letzten Stöcke reicht der Bindedraht nicht. Ich muss mit Bast aufbinden und Knoten schlingen. Die unterste Terrasse habe ich alleine geschnitten. In diesen Zeiten fährt man nicht mal mehr mit Freunden zusammen im Auto … Im Hintergrund links: die Verlängerung der Lage “Neefer Frauenberg”, eine der besten im Moseltal; unten der Weinort Neef. Der idyllische Eindruck wächst mit der Distanz des Betrachters zum Objekt.

Riesling-Kollektiv

Ich würde gerne ein Foto posten mit allen, die in irgendeiner Form dazu beigetragen haben, dass der Steile Süden wiederauflebt. Aber diese viralen Zeiten lassen ein Gruppenfoto nicht zu. Irgendwann holen wir das nach – bei der Weinlese vielleicht. Dafür brauchen wir auch noch mehr Leute – sonst kriegen wir die Ernte nie den Berg hochgeschleppt – und sie muss hoch, denn zum unteren Ende des Hangs führt kein Weg. Nach all dem “social distancing”, durch das wir nun paradoxerweise unsere Solidarität zum Ausdruck bringen, wird der Steile Süden 2020 hoffentlich der erste Jahrgang unseres Riesling-Kollektivs. Ausdruck der gemeinsamen Anstregung von Hannah, Mika, Undine, Svenja, Rolf, Martin (aus Neef), Stefan, Hermann (Grumbach), mir und denen, die noch zu uns stoßen …

Willkommen in der Zukunft!

28. Februar. Rückfahrt von der Camargue über Châteauneuf-du-Pape durch das Tal der Rhône. Hinter Lyon fahre ich von der A6 ab. Weiter geht’s über die Sträßchen des Beaujolais. Beladen mit 12 Kisten Vorablieferung des ersten crusauvage-Weins (dazu sehr bald hier mehr!) schaffen es die tief eingetauchten Stoßdämpfer des alten Skoda kaum, die Schlaglöcher ausgleichen, über die mich das Navi lotst. Der kürzeste Weg ist leider auch der räudigste. Mein Ziel: das Dörfchen Odenas in der Côte de Brouilly, eine der zehn “Cru”-Lagen des Beaujolais, neben Morgon, Saint-Amour, Chiroubles und so weiter – und die letzte Station auf meiner Tour, vor der Rückkehr in den Saarbrücker Dauerregen. In der Côte de Brouilly wird wie überall im Beaujolais Weißwein reinsortig aus der Chardonnay-Traube und Rotwein aus Gamay erzeugt. Aber ich bin wegen etwas ganz anderem hier. Ich will wissen, wie die Zukunft aussieht. Ich komme wegen einem Wein namens “Utopia”. Gepflanzt, bewirtschaftet, ausgebaut von Sonja Geoffray, Winzerin des Château Thivin.

Frisch aus dem Keller: der Siegerwein der Verkostung für pilzwiderstandsfähige Rebsorten (“PiWi”): “Utopia” von Sonja Geoffray. Konkrete Utopie definierte Ernst Bloch einst als das ” Noch-Nicht-Sein erwartbarer Art”. Und Sonja Geoffray tut in Brouilly genau das: Sie macht schon heute etwas, von dem alle behaupten, dass es nicht geht, von dem wir aber alle wissen, dass nur das die Zukunft sein kann: Sie macht einen phantastischen Rotwein ohne Spritzmittel (Ohne Spritzmittel heißt auch ohne die im BIO-Weinbau zulässigen Substanzen Kupfer und Schwefel!).

Passion PiWi

Eine Frau steht hinter der Theke der Probierstube des Château Thivin, schenkt Besuchern Kostproben aus und erklärt Rebsorten, Bodenbeschaffenheit und die Arbeitsweise des Hauses. “Ich habe wegen der PiWi’s angerufen”, sage ich, “und soll mich an Sonja wenden.” “C’est moi”, sagte sie und strahlt übers ganze Gesicht. Der auf Granit gewachsene Gamay, den sie mir zum Einstieg in die Weinprobe vorsetzt, ist überzeugend, trotzdem lasse ich die folgenden Weine aus und warte, bis zum Schluss der “Utopia” verkostet wird. Ich weiß, dass der Utopia eine Rotwein-Cuvée aus den Rebsorten Prior, Chambourcin und Souvignier Gris ist, alles so genannte PiWi’s, also auf Pilzresistenz gezüchtete Rebsorten, die deutlich weniger Spritzmittel brauchen als die Reben, die wir sonst so kennen. Ich weiß auch, dass Sonja mit ihrem Utopia einen Preis gewonnen hat – sonst weiß ich nichts.

In diesen Betonbehältern wird ein Großteil der Weine des Château Thivin vergoren. Beschickt werden die Behälter im Stockwerk darüber. Hier im Keller sind die Ablassklappen – im Moment der Aufnahme leer. So kann die Maische schonend, nur mit Schwerkraft, in die Presse (Bildmitte) gelangen.

Fassprobe

Der Utopia lässt sich kaum unter Bezugnahme auf vertraute Geschmackserfahrungen beschreiben. Dass ich die Eigenschaften der darin enthaltenen Rebsorten nicht kenne, macht es auch nicht leichter! Nur eines entgeht mir nicht: Der Wein ist extraktreich, lebendig und hat eine kräftige Säure. Kurz darauf geht’s mit Probiergläsern in den Keller. Hier stehen in verschiedenen Dreihundert-Liter-Eichenfässern die PiWi’s des Jahrgangs 2019, noch reinsortig und voll damit beschäftigt, zu dem zu werden, was Sonja im letzten Jahr die PiWi-Goldmedaille eingetragen hat. Der Chambourcin ist phantastisch: dicht, würzig, mit überwältigen Frucht- und Gewürznoten. Der Prior hat nicht seinen besten Tag und gibt in der Nase nicht viel mehr her als rote Beete. “Kein Problem”, sagt Sonja. Wir reden jetzt Deutsch, sie stammt aus der Schweiz, aus dem Wallis. “Früher hätte ich mir in so einem Moment Sorgen gemacht. Heute weiß ich, man braucht einfach Geduld. Das meiste macht der Wein von alleine.”

Sonja Geoffray in ihrem PiWi-Wingert mit den frisch gepflanzten Reben. (Foto: Sonja Geoffray)

Im Keller kann man aus einem guten Wein einen schlechten machen. Umgekehrt geht das nicht.

Im Keller kann man maximal die Qualität erhalten, die man aus den Weingärten mitgebracht hat. Nach der Fassprobe zeigt Sonja mir ihren PiWi-Wingert. Wir fahren durch konventionellen Weinbau. Die meisten Bauern in der Gegend spritzen immer noch mit Herbiziden den Boden ab. Und da die niederwüchsig gehaltenen Reben ihre Trauben fast am Boden tragen, muss das ganze Jahr über weiter gespritzt werden. Sonst befallen Fäulnis und Pilzerkrankungen die Reben und bedrohen die Ernte, vor allem, wenn es gleichzeitig nass und warm ist – was im Beaujolais durchaus vorkommt. Und mit den heißen Sommern der letzten Jahre ist eine weitere Gefahr hinzugekommen: Die Trauben können durch die vom nackten Boden reflektierten Sonnenstrahlen verbrennen. “Mal sehen, wie lange das noch so weitergeht”, meint Sonja.

Die Utopie: Weinbau ohne Gift

Ihren PiWi-Wingert hat Sonja terrassiert. Das schützt vor Bodenerosion, verbessert die Nährstoffversorgung der Reben und macht das mechanische Arbeiten (von Hand) leichter. Ein wichtiges Argument in einem Weinberg, der ohne Gift auskommt oder ohne “Pflanzenschutz”, wie die chemische Industrie das nennt. Sonjas Reben wachsen höher, als das hier üblich ist. So haben die Blätter mehr Abstand zu den Pilzsporen im Boden. Sonja zeigt auf einen Stock, dessen Holz von Pilz befallen ist. “Das ist nicht schlimm, das geht nicht weiter”, sagt sie. “Wenn ich merke, dass eine Pflanze schwächelt, mache ich einen Kräuteraufguss. Davon geht die Krankheit zwar nicht weg, aber sie geht zurück. Das reicht mir.”

Sonja Geoffray, Autorin des herrlichen “Utopia”. Die tausend Stöcke, die die Trauben für diesen Wein liefern, wachsen auf den von ihr angelegten Terrassen, auf dem Foto direkt hinter ihr. Die Namen der Reben: Prior, Chambourcin, Souvignier Gris. Ihnen allen gemeinsam: hybride Neuzüchtungen mit hoher Resistenz gegen Pilzbefall (echten und falschen Mehltau). Zusammen mit der Arbeitsweise von Sonja Geoffray führt das zum Einsatz von nullkommanull Spritzmittel. Im Gegensatz dazu, im Bild hinten links: ein Weinberg, wie er leider noch immer das Erscheinungsbild des Beaujolais prägt. Die Böden sind mit Herbiziden abgespritzt. Eine tote Monotonie, die nach immer mehr Chemie verlangt.

Here Comes the Rain Again!

Wieder im Auto, setzt beim Plateau de Langres der Regen ein, von dem ich weiß, dass er mich begleiten wird, bis ich in Saarbrücken den Motor abstelle. Aber der Regen kann meiner Laune heute nichts anhaben: Ich habe endlich gefunden, wonach ich so lange gesucht habe: ein Mensch, der einen tollen Wein macht und dabei komplett auf die Helferlein aus der Chemieindustrie verzichtet. Sonja Geoffray lässt sich keine Angst machen. Sie trifft rationale Entscheidungen und hält sich konsequent daran. Eine Weile dachte ich schon, ich würde nie so jemanden kennen lernen. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass ich dazu nach Brouilly in die Zukunft fahren musste!

Und hier gehts zur Bestellung des Utopia

Vins de sable – Weine aus der Camargue!

Ende Februar bin ich in der Camargue. Ich übernachte in einem dieser nahezu fensterlosen Hotels in Saintes-Maries-de-la-Mer, die dem übermächtigen Schimmel mit Unmengen Eau de Javel zu Leibe rücken. Am Morgen weiß man nicht, ob die Atemwege voller Schlaglöcher sind, weil die Schimmelsporen eingeschlagen haben oder ob die Art ihrer Bekämpfung sie reingeätzt hat. In jedem Fall: genug Chemie für die ganze Woche! Also nichts wie raus und auf ins BIO-Weingut! Draußen scheint die Sonne, und das Meer ist um die Ecke. Hinterm Parkplatz lassen sich die Flamingos vom Mistral das Gefieder aufplustern, während sie auf der Suche nach Plankton die Mischwasser aus Rhône und Mittelmeer durch ihre Barten filtern. Um acht Uhr habe ich schon einen Termin in Le Grau-du-Roi. Jungwinzer Charles Saumade wartet auf mich vor einem Einkaufzentrum, das “Casino” heißt. Zwischen Gewerbegebiet und Vergnügungspark führt eine Straße zum Meer, die schnell zum Feldweg wird und vor einem Tor endet.

Mit Charles Saumade am Strand der Domaine Figueirasse in Le Grau-du-Roi. Die Düne schützt die Rebpflanzung vor dem offenen Meer. Irgendwo links außerhalb des Bilds liegt dann Algerien …

Das Salz des Weins

Hinter dem Tor, das vor irrlaufenden Touristen schützt, liegen mehrere Weingüter, Sumpflandschaften mit Mustangs und Stieren, Mischwassertümpel voller Flamingos, und am Ende des Wegs steht ein altes Gehöft, die Domaine Figueirasse, seit fünfzehn Jahren bio-zertifiziert. Die Weine wachsen im Sandstrand. Weil die Reblaus im Sand nicht vorkommt, konnten hier wurzelechte Reben überleben. “Aber wurzelechte Reben sind aus Qualitätsgründen nicht immer die richtige Entscheidung”, sagt Charles Saumade, in der fünften Generation Winzer in diesem einzigartigen Terroir.

Die Reben der “vins de sable” wurzeln im Strand. Über die gut erkennbaren schwarzen Schläuche wird ihnen im Verfahren der Tröpfchenbewässerung Süßwasser zugeführt. Zwischen den Reihen wächst Korn, um die Verwehung zu verringern und den Boden mit Nährstoff zu versorgen.

Ich sehe zu, wie drei Hektar Rosé neu eingepflanzt werden, mit Hilfe eines GPS-gesteuerten Traktors. Hier gelten andere Gesetze. Da nach anderthalb Metern unterhalb der dünnen Grasnarbe das Meer ansteht, wurzeln die Reben flach. Die Bio-Winzer pflanzen Gerste und andere Getreide zwischen den Reben, um die Bodenerosion durch den Wind zu verlangsamen und durch das Unterpflügen des Getreides den kargen Boden mit Nährstoffen anzureichern. Der Vorteil dieses Terroir: Durch den Sand ist der Boden immer trocken, und Pilzkrankheiten haben so kaum eine Chance. Und noch ein Vorteil: Das Gelände ist flach wie ein Bolzplatz; die drei Hektar sind in einem Tag gepflanzt.

Flach wie ein Bolzplatz. Der GPS-gesteuerte Traktor pflanzt die drei Hektar in nicht mal einem Tag neu ein. Ab dem vierten Jahr sind die Reben voll leistungsfähig.

Rot. Weiß. Rosé!

Auf den Sandböden, unter den salzigen Böen, die das Meer über die Rebanlagen treibt, entstehen Weine mit einem besonderen Charakter. “Frische” beschreibt ganz gut den Sachverhalt, dass hier keine Alkoholmonster entstehen. 12,5% Alkohol kommen im Durchschnitt raus. Wegen der frühen Lese (meist am 15. August – und zwar nachts), aber auch wegen des kühlenden Einfluss’ des Mittelmeers. Ideale Weine – nicht nur für den Sommer und das in allen Farben. Gemeinsam ist ihnen eine salzige Note und diese Unbeschwertheit, auf die die Winzer Charles und Michel Saumade zurecht stolz sind. 98% von dem, was sie hier produzieren ist reinsortiger Rosé der Rebsorte Grenache gris. Aber es gibt auch einen weißen aus den Rebsorten Marsanne und Roussanne und einen roten aus Syrah und Cabernet Sauvignon. Und wir haben sie alle probiert!

Weinverkostung mit Michel und Charles Saumade, vor einem der großen Betontanks, in denen die Vergärung stattfindet. Im Februar sind die meisten Tanks leer, denn beim Rosé dreht sich alles um Frische – und die wird schon im November in die Flasche gebannt.

Und hier gibts den Rosé de Sable …