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„Erliege der Versuchung!“ – Naturwein im Elsass

Nach der Weinverkostung bei Schliff / Schoettel drängt Olivier auf Fortsetzung des Programms. Wir sind ja schließlich wegen der Naturweine hier. Und so machen wir uns auf zu Kumpf und Meyer. Das Motto des Weinguts: „Erliege der Versuchung, sonst wirst du’s bereuen!“ Angeblich stammt das Zitat von Epikur. Kann sein. Kein Zweifel besteht darüber, wo wir jetzt sind: im Reich der Naturweine. Die Weine heißen standesgemäß „anarchiste“, „hédoniste“ oder auch „utopiste“. Winzerin Sophie Kumpf hat ordentlich zu tun. Eine Gruppe Belgier und zwei hipsterbärtige Craftbier-Brauer laden Kombi und Kleinbus voll. Dann sind wir dran und probieren freudig alles, was das Haus (noch) zu bieten hat. Sophie Kumpf kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn sie sagt, dieser Wein sei leider schon ausverkauft und von jenem habe sie nur noch zwei Kisten. Als sie vor knapp zehn Jahren den Schwefel aus dem Keller austrieben, veränderte sich der Geschmack ihrer Weine grundlegend. Das war auch für Sophie Kumpf eine Herausforderung. Sie musste, wie sie sagt, neu schmecken lernen. Ihr ist das gelungen, ihren alten Kunden nicht. Die kehrten ihr den Rücken, und die Umstellung war sicher keine leichte Zeit. Heute läuft es dafür umso besser: Der Umsatz ist zurück; die Kundschaft ist jünger; und vermutlich ist sie auch ausgabefreudiger.

Motto-Wein bei Kumpf & Meyer: „Erliege der Versuchung, sonst wirst du’s bereuen!“

Der Anarchist als Muskateller

Den Riesling von Kumpf und Meyer habe ich schon an anderer Stelle gepriesen. Hervorheben möchte ich deshalb den „anarchiste“ – nicht nur wegen seinem Namen. Dufttechnisch ein lupenreiner Muskateller, ein Bouquetwein eben, der einem die Aromen in die Nase ballert wie ein Gang durch die Obst- und Gewürzmärkte von Marrakesch. Sofort entspannen sich die Geschmacksknospen in Erwartung milder Süße. Aber dann knallen einem Säure und Mineralität gegen den Gaumen und hauen einen um wie eine Monsterwelle. Ein Kontrast wie Stirner und Kropotkin. Empfehlung: Am besten selbst der Versuchung erliegen!

Naturwein-Skeptikerin Julie umrahmt von Geoffroy und Olivier. Davor eine Flasche „Pétillant Naturel Fumé“ von Christian Stahl, Franken. An der ist vor allem das Aussehen und der Name Natur. Christina Stahl ist Rationalist und macht phantastisch klarsinnige Weine!

Nach der Weinprobe ist vor der Weinprobe

Als wir im verwinkelten Fachwerkhaus von Olivier und Julie ankommen, setzen wir uns in die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres und hauen einer Flasche Pétillant Naturel Fumé den Kopf ab. Ich habe sie vom Winzerhof Stahl in Auernhofen, Franken, mitgebracht. Trüb wie ein Schleusenbecken in der Dämmerung, aber geschmacklich klar und frisch wie ein Bergsee-Champagner. Danach sind wir wieder fit. Weiter geht’s mit einem Lindenlaub, Pinot Auxerrois 2017 (der mit dem schönen Elefantenetikett ganz oben auf der Seite). Zum Tajine, den wir am Abend essen, serviert Olivier einen trockenen Gewürztraminer von Rietsch. Hammer! Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal für einen orangen Wein begeistern würde! Aber vermutlich finden alle NovizInnen einfacher Zugang zu Naturweinen aus Rebsorten, die man leicht wiedererkennen kann wie etwa Gewürztraminer oder Muskateller. Deren üppige Duftnoten bleiben auch ohne Schwefel erhalten und erlauben es einem so, sich anhand der gewohnten Geschmackskategorien zu orientieren.

Naturwein links und Mitte, Tradition rechts. Die Mischung macht’s!

Elsass : unverkitschte Rotwein-Verkostung mit sentimentalen Noten

Sonntagnachmittag Anfang Oktober bei Geoffroy und Elodie im lothringischen Sarreguemines. Zwischen den Resten vom Dessert steht eine Batterie Naturwein-Flaschen. Olivier hat sie aus dem Elsass mitgebracht. Jetzt sind sie leer. In unserer Begeisterung und Gier beschließen wir, die Naturweinszene im Elsass zu erkunden. Drei Wochen später sitzen Geoffroy, Elodie und ich im Auto. Richtung Elsass, nicht buckliges Elsass, sondern richtiges, also Rheintal-Elsass: Kitschlandschaft par excellence: Geranien, Fachwerk, goldige Weine mit Kostüm-Etiketten, Speisekarten mit Sauerkraut, dazu Front National-Bürgermeister, anthroposophisch werkelnde Winzer und dazwischen Bustouristen, denen vor Verzauberung der Mund offensteht. Das Elsass ist ein Horror, egal von wo man kommt. Aber wenn man aus dem verlotterten und belächelten postindustriellen Lothringen oder von der Saar kommt – Gegenden, für die sich keine Sau interessiert – geht einem der elsässische Modelleisenbahn-Look schon bei der Abfahrt von den Vogesen runter nach Saverne mächtig auf den Sack. Zum Glück haben wir nicht vergessen, warum wir hierherfahren. Olivier hat uns eingeladen! Also: Alles wird gut!

Unsere Vorbilder: Mimi, Fifi, und Glouglou. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen mit geschwärzter Augenpartie. Gezeichnet von Michel Tolmer (glouguele.fr)
Und wir: Geoffroy, Martin, Olivier. Rollenzuordnung und Farbanpassung der Kostüme noch nicht ganz abgeschlossen. (Foto:Julie)

Der „Rouge d’Ottrott“

Kaum haben wir das Haus von Olivier und Julie gefunden, gehts auch schon weiter. Es sind nur paar Kilometer bis Ottrott, einem kleinen Ort, geschützt gelegen am Fuß des Mont Sainte Odile, berühmt für seine von Eisenadern durchzogenen schweren Böden und für seinen Rotwein, den Rouge d’Ottrott. Um uns den zu erarbeiten sind wir schließlich hier – nicht etwa zum Vergnügen! Olivier hat uns zur Weinprobe im Restaurant Schliff angemeldet. Hier ist auch das Weingut von Maire-Hélène Schoettel zuhause.
Die Chefin der Domaine fängt sofort an, Rotweine aufzuziehen (Weißen führt das Haus gar nicht). Circa zwölf Flaschen sind es, die am Ende vor uns stehen, und sogar eine Magnum ist dabei. Von einem einfachen „Rouge d’Ottrott“ steigen wir qualitativ und preislich in sanften Serpentinen hoch bis zu einer Flasche, die eine „36“ auf dem Etikett trägt – das ist die Anzahl der Monate im Fass.
„Sie kommen klar?“, fragte die Chefin, kennt aber schon die Antwort. „Das ist die Trinkrichtung! Viel Spaß!“ Dann ist sie weg und unterstützt den Service im sehr vollen Restaurant.

Sentimental Journey

Flashback in die Siebziger: Mein Vater gießt mir einen „Schluck“ von seinem Rotwein in das Mineralwasser, das ich als Kind immer zu trinken bekam. Limonaden galten bei uns zuhause als imperiale Lebensmittelgifte, die die Geschmacksnerven, die Gesundheit und am Ende die gesamte Kultur ruinieren würden. Durch den „Schluck“ wurde aus meinem faden Sprudelzeug eine tiefrot gefärbte säuerlich-fruchtige Brause. Und da ich nun Alkohol im Glas hatte, durfte ich auch anstoßen – wie ein Großer. Aber das tollste war: Auch in meiner dünnen Rotwein-Schorle enfalteten die Weine ihre unterschiedlichen Aromen. Die Pinot Noirs aus dem Elsass, wo meine Eltern sich sonntags mit Freunden zum Mittagessen trafen, schmeckten anders als die Chiantis und Beaujolais‘, die sie zu Hause tranken. Und nur die aus dem Elsass machten meinen Sprudel so schauerlich sauer und bitter. Ich fands toll.

Blick in die nahe Zukunft, Samstag, 26. Oktober, 12h30: Weinprobe des Weinguts Marie-Hélène Schoettel als Weinbegleitung im Restaurant Schliff, Otrott.

Seither ist viel passiert.

Olivier, Geoffroy und ich sind uns einig. Der Wein mit der fetten 24 auf dem Etikett und einer namens „Romy“, beide aus dem Jahr 2017, sind unsere Favoriten. Ausgeprägte Fruchtnoten, domestiziertes Tannin, harmonisierend eingesetztes Eichenfass. Aber auch etwas Säure! Die Weine des Weinguts Schoettel – allesamt Spätburgunder (Pinot noir) – werden im Weinberg chemisch maximal mit der „Bouille Bordelaise“ (Bio-zulässiger Mix aus Kupfer und Schwefel) behandelt. Im Wesentlichen setzt das Weingut auf mechanische oder manuelle Bodenbearbeitung. Im Keller erhält das fertige Produkt eine Schwefelimpfung zur Stabilisierung. Das war’s. Keine Aufzuckerung, keine Geschmeidigmacher, keine Filtrierung, kein Quatsch! Aber auch kein Naturwein – der steht für den Nachmittag auf dem Programm.
„Sie kommen noch klar?“ Die Chefin ist wieder da und redet uns reihum mit „jeune homme“ an. Sie bringt die Karte, damit wir schon mal das Essen aussuchen können und hat die glänzende Idee, dass wir einfach in der Probierstube essen sollen. Wein brauchen wir keinen zu bestellen, den haben wir ja schon in dutzendfacher Ausführung vor uns stehen. Die Speisekarte ist so schnörkellos wie die Vinifizierung: Zwei Seiten. Basta. Und was dann auf den Tisch kommt, ist frisch zubereitet und auf den Punkt gewürzt. Wir probieren beim Essen weiter, und das Crachoir ist das einzige, was an diesem Mittag trocken bleibt.
Dank Olivier, Schliff und Schoettel hatten wir einen völlig unverkitschten Ausflug mit sentimentalen Noten (bei mir) und einem feuchten Abgang. Elsass à l’ancienne und at its best!
PS: Zu den elsässischen Naturweinen, kamen wir am Nachmittag auch noch. Aber das steht in Teil zwei …

Elsass im Herbst. Reben und Vogesen.
Mehr über den Wein mit diesem schönen Etikett und weitere Naturweine aus dem Elsass in Teil zwei …

Naturwein zwischen Oh là là und Oh My God

Als ich das Buch von Sebastien Lapaque über den Naturweinpionier Marcel Lapierre ausgelesen habe, ist mein Durst sehr groß. Am liebsten würde ich sofort eine Flasche von seinem Morgon trinken. Aber das Beaujolais ist weit weg, und außerdem ist Marcel 2010 gestorben. Immerhin führen seine Kinder Camille und Mathieu das Weingut weiter. Und siehe da, den Wein gibt’s sogar in Berlin, in einer Spezial-Weinhandlung für Naturwein. Draußen ist es 30 Grad plus x. Dank meines frisch erworbenen Wissens über Naturweine schwant mir nichts Gutes. Lapierre lieferte seine jungen schwefelfreien Weine in einer ununterbrochenen Kühlkette an ein paar ausgewählte Restaurants in Paris. Die kühlten sie dort weiter, bis sie auf dem Tisch der Gäste landeten. Wie die Preußen das wohl so halten?
Die Luft in der Weinhandlung fühlt sich frisch an. Es sind keine 8 Grad, auch keine 14, aber es wird gehen.
„Ich hatte wegen dem Lapierre angerufen.“
„Ja, den haben wir.“
„Und? Muss ich was beachten?“
„Nein. Einfach aufmachen, und der ist sofort toll!“
Ich weiß, dass das nicht stimmt. „Vierundzwanzig Stunden vorher öffnen!“, schreibt Lapaque. Ich nehme also zwei Flaschen, und, weil ich nicht so oft nach Charlottenburg fahren will, nehme ich auch noch einen Cabernet Franc mit und irgendwas aus dem Süden. So schlimm wie die „orange wines“, die ich bisher getrunken habe, werden sie nicht sein!
Zu Hause in Neukölln packe ich erst mal alles in den Kühlschrank. Am nächsten Abend ziehe ich einer der Lapierre-Flaschen den Korken und schenke mir ein Glas voll. Autsch! Sauer, adstringierend, Fehltongewimmel, dass es in der Nase juckt. Gut, so kenne ich die Naturweine. Und so stands im Buch. Also Mullverband drauf und zurück in den Kühler.

Der Morgon der Lapierres: Nicht jedes Jahr ohne Sulfite, aber jedes Jahr ohne Fehler!

Vierundzwanzig Stunden später …

Sensationell ist das, was ich jetzt schmecke. Das kann doch nicht derselbe Wein sein, denke ich. So lebendig, mit versteckten Aromen, die nach und nach zum Vorschein kommen (und wieder verschwinden) mit der steigenden Temperatur. Alle Fehltöne sind verschwunden. Die Oberfläche des Roten swingt im Glas und schimmert wie Kupfer und Samt. Begeisterung ist natürlich nie das Ergebnis objektiver Sinneseindrücke – im Wein stecken dafür zu viele euphorisierende Prozente. Aber dieser Wein ist wirklich „toll“, und mir tun die leid, die ihn gleich nach dem Öffnen trinken sollten, wie im Laden empfohlen. Ich war bisher weder ein Fan der Rebsorte Gamay, noch des Anbaugebiets Beaujolais. Aber das wird jetzt mit jedem Schluck anders. Ich lerne zum ersten Mal, was hier entstehen kann, wenn die richtigen Hände am Werk sind. Oder liegt es daran, dass der Wein ein Naturwein ist?

Was ist Naturwein? Matthieu Lapierre, Sohn von Pionier Marcel, gibt eine plausible Antwort. Mais c’est en français, putain! Daher hier die Crux:
Mathieu Lapierre bringt es auf den Punkt: „Schwefel ist fast nie hilfreich, aber manchmal ist er unerlässlich“. Bei Lapierre wird er verwendet wie ein Feuerlöscher. Einen Wein, der aus Gründen der Geschmacksqualität etwas Schwefel enthält, nicht mehr als Naturwein zu bezeichnen, obwohl sonst auf alle Zusätze im Weinberg und im Keller verzichtet wird, ist fragwürdig. Andererseits jeden Wein als Naturwein zu bezeichnen, nur weil ihm kein Schwefel zugesetzt wurde, ist Unsinn, weil die Gesamtbetrachtung der Arbeit damit in den Hintergrund gerückt wird.

Bio? Biodynamie? Naturwein?

Bio heißt, man schießt im Weinberg nicht mit Pestiziden auf alles, was einen stört: Tiere, Pflanzen und Pilze. Bio heißt, man arbeitet mit dem Verwirren von Tieren durch z.B. Pheromone (oder früher Vogelscheuchen), dem manuellen Ausreißen von Pflanzen (wie Brombeerhecken) und dem Spritzen von z.B. Schwefel, Kupfer oder Backpulver. Was dann im Keller geschieht, ist weniger streng geregelt. Aufzuckern, Stabilisieren, Klären („Gommage“), das ist alles grundsätzlich erlaubt.
Bei den Biodynamikern sind die Bio-Auflagen graduell strikter als beim Bio allein. Dafür kommt bei Biodynamisch noch eine ordentliche Dosis Rudolf-Steiner-Hokus-Pokus mit ins Spiel. „Wenn die Mühen der Ebenen zu beschwerlich werden, knipst der eine oder andere schon mal das Licht der Mystiker an“, meinte Hermann Grumbach zu diesem Thema.
Der Ansatz der Naturwinzer dagegen ist radikal: Keine Chemie im Weinberg und keine Chemie im Keller! Was den Zusatz von Schwefel angeht, scheiden sich die Geister. Man begegnet gelegentlich der Ansicht, dass Naturwein immer komplett frei davon sein muss. Ja sogar die Definition Naturwein = schwefelfrei, egal was sonst so in der Produktion passiert, kann man antreffen. Im folgenden Video erklärt Pierre Overnoy den Zusammenhang zwischen einer biologischen Arbeitsweise im Weinberg und dem Weglassen von Schwefel. Nur die Trauben, die noch den vollen Satz an natürlicher Chemie mit in den Keller bringen, können sich seiner Auffassung nach später als Wein auch selbst stabilisieren. Alle anderen nicht. Unnötig zu sagen, dass bei Overnoy radikal selektiert wird! Die Erträge sind minimal. Und die Preise entsprechend.

Pierre Overnoy, Naturwinzer der ersten Stunde aus dem Jura, der mittlerweile sein Weingut in die Hände von Emmanuel Houillon gelegt hat. Er spricht über die Anfänge der Naturwein-Bewegung in den späten Sechzigern, die eigentlich nichts anderes war als die Fortführung eines natürlichen Vinifizierungsprozesses, wie ihn Generationen vor ihm praktiziert hatten – nur dass sie nun wissenschaftlich untermauert waren durch die Forschungen von Jules Chauvet. Overnoy erklärt auch, warum man den Schwefel nicht ohne Weiteres völlig weglassen kann. Das hat was mit den ph-Werten im Jura zu tun … Wer wissen will, was mit jemandem passiert, der das Glück hat, einen Wein von Overnoy / Houillon in die Hände zu bekommen, dem empfehle ich die Beschreibung einer Verkostung auf Drunken Monday. Ich selbst hatte das Glück (noch) nicht.

Unterdessen in Berlin: Oh my God

Ich war bester Laune, nachdem ich den Morgon von Lapierre geleert hatte, und beschloss die zweite Flasche meinem Freund Geoffroy nach Lothringen mitzunehmen, der mir das Buch über Lapierre geliehen hatte. Dann machte ich den Cabernet Franc auf. Jetzt ist es allerdings so: Im Unterschied zur Rebsorte Gamay stehe ich total auf die Rebsorte Cabernet Franc und bilde mir ein, sie sofort an ihrer typischen Nase zu erkennen, sobald die erste Duftwolke zu mir herüberweht. Da ich mir direkt nach dem Öffnen nicht viel erwarte, nehme ich nur einen kleinen Schluck und schiebe die mit Mullverband verschlossene Bottle zurück in den Kühler. Mit der aus Südfrankreich mache ich dasselbe. Vierundzwanzig Stunden später ist das Problem immer noch da. Der Cabernet Franc ist geruchlich gar nicht als solcher zu erkennen. Auf der Zunge blubbernde Salatsoße, denn der Wein gärt offensichtlich immer weiter, und dazu eine Bitterkeit, als wäre das Holzfass mit ausgepresst worden. Mit dem Südfranzosen ist es nicht besser. Gut, denke ich. Es sind ja nicht alle Lapierres. Ich gebe denen also noch mal einen ganzen Tag im Kühler. Und dann noch mal einen. Aber nach einer Woche reicht’s. Ich gebe auf und kippe die Weine, die immerhin zwischen zwanzig und dreißig Euro gekostet hatten, ins Berliner Abwasser.

Naturwein-Etikett aus der Weinhandlung „Étiquette“. Typisch Naturwein ist die auffällige Abweichung von Standardetiketten und der bildliche Hinweis auf das, worauf es ankommt: die riesige Wurzel, die nur gedeihen kann, wo der Boden manuell oder mechanisch bearbeitet wird. Auf der Rückseite der Flasche sehen wir neben einer Reihe von Informationen auch: Bio-Zertifizierungen, einen Hinweis auf den Verzicht von Schwefel-Zusatz und die Klassifizierung „Vin de France“. Das ist die Klassifizierung mit dem geringsten Prestige im französischen Weinrecht. Oft findet sich diese Benennung auf den Etiketten von Naturweinen, weil zum Beispiel die Prüfkommission den Geschmack der Weine untypisch findet oder die Betriebe ihre Weine erst gar nicht mehr zur Verkostung einreichen. Aber Naturwein-Kunden stört das nicht. Sie zahlen den Preis nicht mehr für ein obsolet gewordenes Klassifizierungssystem von Grand Crus und AOC’s sondern für die naturnahe Arbeitsweise und den Qualitätsanspruch einzelner Weingüter.

„Étiquette“: Etikett und Etikette

Auf der Pariser Île Saint Louis gibt es einen Weinhändler („caviste“) namens Etiquette. Ein Abstecher dorthin lohnt sich. Der Chef Hervé ist schön schrullig, und sein Laden liegt so, dass man das Notre Dame-Wrack auf der Nachbarinsel gleich mitbestaunen kann. Bei Hervé findet man nicht nur tolle Weinetiketten – auf die legt er besonderen Wert – sondern auch Inhalte, die sich zu entdecken lohnen, selbst wenn man die Einkäufe danach stundenlang durch Paris schleppen muss. Dabei sind seine Weine allesamt Weine, die sich nicht an der herkömmlichen Weinbau-Etikette orientieren, sondern Naturweine ohne oder mit sehr geringer Schwefeldosierung. Dass er seinen Laden „Etiquette“ nannte, ist auch in dieser Hinsicht kein Zufall. Sicher, auch bei einem konventionellen Wein ist das Etikett das stärkste Verkaufsargument am POS (Point of Sale). In der Kombination mit Naturwein ist es dies aber umso mehr, da hier andere Qualitäten zählen als das feudal anmutende Drei-Klassen-System der Weinklassifizierung aus Grand Cru, AOP, Vin de France. Beim Naturwein ist die gute Story (fast) alles: das Pferd, das den Boden zwischen den Reben aufreißt, die Reifung des Weins in der grobporigen Tonamphore, das hinter sich gelassene Leben als Werbetexterin in Paris. Aber Vorsicht: Naturwein ist mehr als eine Modeerscheinung und Storytelling. Die Herausforderung besteht darin, die guten Hersteller zu finden, und das ist hier noch schwieriger als bei den konventionellen. Deshalb hier noch eine Empfehlung:

Oh là là. Das ist kein typischer Elsässer Riesling. Was für ein Glück! So lebendig wie diesen gibt es die nämlich sonst nicht: Bio-Riesling ohne zugesetzte Sulfite von Kumpf & Meyer. Olivier hat den gestiftet zur Bruschetta mit Sardinen à la Geoffroy – die wiederum gabs und gibts nicht im Handel, sondern nur bei ihm zu Hause oder vielleicht bald im TerminÜs in Saarbrücken.

Spätburgunder-Ernte in Lieser, Mosel

Im Juli 2019 hatte der Himmel geglüht, dass der Feigenbaum meiner Mutter die Früchte von sich warf, um zu überleben. Und an der Mosel bekamen die Trauben Sonnenbrand. Aber nun, in den letzten Septembertagen, da wir die gesunden, konzentrierten Früchte unter Dach und Fach bringen wollen, kommt der Regen. Bei Niederschlag Trauben ernten, geht einfach nicht, weil man Wasser miternten würde. Also kann man nur abwarten und hoffen, dass zum Regen nicht auch noch Wärme dazukommt. Sonst kommt die Fäulnis, der Essig, die ganze Hatz. Hermann Grumbach, Winzer in Lieser an der Mosel, hatte mich schon zweimal angerufen, um zu verschieben. Aber heute geht’s endlich los.

Glück gehabt! Vollreife und gesunde Spätburgunder-Traube aus der Lage Schwarzlay in Lieser, Mosel, Ende September 2019

Als ich bei Grumbachs in Lieser ankomme, ist die Stimmung bestens. Freunde der Familie sind zur Lese gekommen, die Söhne aus ihren Studienstädten angereist. Hermann Grumbach finde ich im Keller. Er bewegt mit einem Riesenholzstampfer die Maische in einem Tausendliter-Bottich. Oben auf schwimmen die dunkelroten Häute der Spätburgunderbeeren. Sie müssen immer wieder untergetaucht werden, damit Flüssigkeit, Hefen und der sich bildende Alkohol Aromen und Farbe aus den Schalen ziehen können. „Remontage“ nennen das die Franzosen und machen das in größeren Betrieben mit Hilfe einer Pumpe. Schon gestern hat Hermann Grumbach direkt nach dem Abbeeren der Trauben 30% des (noch hellen) Mosts abgezogen, also in ein anderes Fass gepumpt, um das Verhältnis der Häute zur Flüssigkeit zu verbessern. Das tut er, damit sein Rotwein mehr Struktur bekommt. Unter anderem das machte den Unterschied in der Qualität, die man später sieht und schmeckt! Der abgezogene Most wird übrigens zu Sekt oder Rosé verarbeitet. Das entscheidet Hermann Grumbach später. Erst muss er sehen, wie die Weinlese verläuft.

Hermann Grumbach bei der „Remontage à la main“, dem Untertauchen der Traubenhäute in den Most mit einem „larger than life“-Stampfer. Unerlässlich für Aromen- und Strukturbildung! Aber Achtung! Die Kerne, die sich am Boden des Bottichs absetzen, dürfen nicht zerdrückt werden. Sonst kommen unerwünschte Tannine in den Wein.

Weinlese mit Blick auf den Regenradar

Für den Nachmittag ist Regen gemeldet. Also müssen wir raus in den Wingert. Wir ernten zuerst den Spätburgunder, der auf einem Südhang in Bernkastel-Kues wächst. Die Trauben sind trocken, die Blätter auch. Wir entfernen die durch Sonnenbrand vertrockneten Beeren mit der Schere. Und auch sonst schneiden wir alles weg, was uns nicht koscher erscheint. Ich arbeite mich an einer Seite des Rebenspaliers hoch, Rüdiger aus dem Nachbarort Mülheim macht die andere Seite. Wir reden über Lieblingsweine, Lieblingsweinregionen, Lieblingsrebsorten, Lieblingswinzer … Worüber soll man bei der Weinlese auch sonst reden? Rüdiger und ich sind die langsamsten von allen Helfern. Aber es liegt nicht daran, dass wir so viel quatschen, sondern daran, dass wir „akademisch lesen“, also besonders gründlich, wie wir behaupten. Marlies gesellt sich zu uns. Offensichtlich findet die promovierte Historikerin unseren wissenschaftlichen Ansatz überzeugend. Hermanns Söhne Peter und Florian sorgen unterdessen für immer leere Eimer und beladen den Hänger. Wenn es ihnen nicht schnell genug geht, lesen sie mit. Meistens lesen sie mit.

Peter und Florian Grumbach beim manuellen Beschicken der Abbeermaschine

Keine Experimente …

Zur Mittagspause kommt Gudrun Grumbach mit einer Gemüsesuppe in den Weinberg. Die Zutaten stammen aus ihrem Garten und dem meines Weinlesekollegen Rüdiger. Die Suppe duftet und gibt uns Kraft für den Nachmittag. Die Grumbach-Söhne verfolgen immer enger den Regenradar auf dem Smartphone. Und irgendwann geht es dann los. Erst Wind, dann horizontaler Regen. Das macht aber nichts mehr. Der Hänger ist voll, und wir fahren ins Weingut zum Abbeeren. Das Weingut Grumbach mit circa drei Hektar Rebfläche ein kleines Weingut. Entsprechend wird hier noch viel von Hand gemacht. Die beiden Söhne schieben die Trauben über eine Rutsche vom Hänger in die Abbeermaschine. Hermann Grumbach zieht gleichzeitig Most ab und liest von Hand Rappenstücke aus dem Maischebottich, die die Maschine nicht ausgeworfen hat. Wie beim Regen, so auch hier: keine Experimente, kein Risiko. Weinbau ist, so scheint es mir, vor allem konsequente Sorgfalt. Und: radikale Sauberkeit. Vor und nach jedem Arbeitsgang wird das Gerät mit Hochdruckreinigern gesäubert. Das dauert mitunter länger als der Einsatz des Geräts. Abes es muss sein. Wein ist ein wankelmütiger Charakter. Bereit, sich jeden Stoff reinzupfeifen, der später zu Fehltönen führen könnte.

Hermann Grumbach pumpt Most aus dem Maischebottich, um das Verhältnis von Schalen und Fruchtsaft zu verbessern und so mehr Aromen und Struktur in den Wein zu bekommen.

… oder vielleicht doch?

Hermann Grumbachs Sohn Peter studiert Weinbau in Geisenheim. Für eine Seminararbeit hat er einen Kerner versektet. Als wir mit der Arbeit fertig sind, lässt er uns probieren. Erst hat man den Eindruck, dass zu viel Druck in der Flasche ist, aber nach einem Moment im Glas, wird der Sekt sehr feinperlig und liefert genau die Spannung, die ich mir von einem Bouquetwein in Flaschengärung erhoffe: Das sprudelnde Kohlendioxid schießt mir die süßen Duftaromen in die Nase, während der Sekt staubtrocken an den Gaumen knallt – wie ein Gewitter im Hochsommer. Toll – aber leider nicht im Handel. In diesem Jahr setzt Peters Bruder Florian aus dem Kerner einen orange-Wein an. Ganze Beeren inklusive Rappen dürfen in einen Glasballon vor sich hin gären. Daneben steht ein kleines Kunststofffass mit Spätburgundertrauben unter Kohlendioxidgärung. Das ist die Methode, mit der im Beaujolais die Gamay-Traube vinifiziert wird. Die Experimente aus dem Hause Grumbach kommen nicht in den Handel, aber die Buchführung von Hermann Grumbach über Lesezeitpunkte, Verarbeitungsmethoden, Gärverläufe, etc. finden Eingang in die nie endende Optimierung eines weitgehend natürlichen Prozesses, der vom Menschen behutsam begleitet wird.

Maische vom Spätburgunder
Mit Spindel und Messzylinder. Die Hand des Meisters bei der Ermittlung des Fruchtzuckergehalts. Der Most hat schon etwas Farbe; bis zum samtschimmernden Rubinrot des Grumbach’schen Spätburgunders ist es aber noch ein langer Weg.

Weinlese 2019 in Châteauneuf du Pape

Erster Oktober: Weinlese mit Winzer Daniel Chaussy und seinem Team in Châteauneuf du Pape. Wir ernten unter dem wachsamen Auge des legendären Tour de France-Bergs Mont Ventoux Trauben von achtzigjährigen Reben, die auf großen Kieseln wachsen. Hier floss einst die Rhone und mahlte in mühevoller Kleinstarbeit die Gesteinsbrocken der Alpen, der Ardèche und des Vercors klein – bis eine tektonische Plattenverschiebung den Lauf des Flusses änderte und dadurch im alten Kiesbett ein einzigartiges Terroir für die Weinproduktion entstand.

Beste Grenache-Qualität. In Châteauneuf stehen alle Stöcke einzeln, ohne Stütze, die Trauben wachsen fast am Boden. Das geht beim Ernten ganz schön auf den Rücken.

Vom Vorteil, im alten Flussbett zu pflanzen

Dass die Reben – Grenache und Mourvèdre – zwischen den Kieseln der Rhone wachsen, hat Vorteile. Das Regenwasser läuft ab, und die Reben stehen nie nass. Dazu kommen die südfranzösische Sonne und der Mistral, der auch mal mit Tempo 100 durch die Blätter fegt. Das ist nichts für Fäulnis und Schädlinge. Der Grenache wird dabei so robust, dass man zupackend schneiden muss, sonst rückt der Stock die Trauben nicht raus. Die Pflanzungen des Mas de Boislauzon sind über achtzig Jahre alt. „Das ist aber bei vielen Betrieben in Châteauneuf der Fall“, sagt Daniel Chaussy, der zusammen mit seiner Schwester Christine in der vierten Generation das Familienunternehmen betreibt. Auf 27hl/ha (2700 Liter) schätzt er die Ausbeute für dieses Jahr – 35hl wären maximal erlaubt – und auch das wäre schon extrem wenig (Deutschland liegt im Schnitt bei über 100hl/ha). Neben der natürlichen Ertragsbegrenzung und der damit einhergehenden Intensivierung der Fruchtaromen haben alte Reben den Vorteil, auch in sehr heißen Sommern ausreichend Wasser zu finden, weil sie sehr tief wurzeln. „Der heiße Sommer hat dazu geführt, dass wir noch nie so wenig Chemie eingesetzt haben wie dieses Jahr“, sagt Daniel. Und im zertifizierten Biobetrieb darf er ohnehin nur SO2 und Kupfer verwenden.

Die marokkanische Lese-Crew auf dem Weg zum Plateau de Cabrières, der höchsten Erhebung in Châteauneuf du Pape

Beim Weinbau kommt es auf drei Dinge an: Selektion, Selektion und Selektion

Daniel hilft selbst den ganzen Tag bei der Lese mit. Es gibt Entscheidungen, die er nur hier draußen anhand der aktuellen Reife der Trauben treffen kann. Der Auftrag an die Marokkaner lautet, alle Frucht von den Stöcken zu schneiden. Auf dem hochbeinigen Traktor, der mitten in den Reben steht, wird sofort sortiert. Fäulnis gibt es dieses Jahr gar keine, also wird nach Farbe und Beerengröße in zwei Gefäße selektiert. Neben dem Châteauneuf machen die Chaussys auch einen Côtes du Rhône Village und sogar einen Vin de France. Auch diese stammen aus eigenem Bio-Anbau und sind in ihrer Kategorie exzellent. Aber heute geht es um die Perfomance ihrer Spitzenweine, und das in einem herausragenden Jahr. Die Selektion beginnt beim Rebschnitt im Winter. Die Reben werden überall im Süden, wo es keine Drahtspaliere gibt, auf eine Becherform („Gobelet“) gebracht, die angeblich schon die Römer verwendet haben. Auf den Armen dieser Becherform lässt Daniel einen oder mehrere Triebe stehen, das hängt von der Stärke des alten Holzes ab. Dann werden übers Jahr immer wieder Blätter, Traubenansätze, Äste herausgeschnitten, um leichter ernten zu können. Aber auch um den Wind durchzulassen und so Fäulnis zu verhindern. Daniel gibt mir die Beeren im oberen und unteren Hang zum Probieren. „Der Hang ist heterogen“, sagt er, „hinter der Reihe da vorne hören wir auf und machen bei den letzten Reihen im Flachen weiter.“ Tatsache. Die Beeren, die weiter oben auf Kalklehmboden stehen, haben eine dickere Schale und sind sehr knackig, weiter unten nimmt das ab. Die Beeren am anderen Ende des Weinbergs, dort wie die Reben zwischen den Kieseln in Sand wurzeln, mischt Daniel in seine Auswahl, um neben den langen Tanninen, der intensiven Farbe und dem Volumen, mehr Eleganz in den Wein zu bringen. Aus der Entfernung macht er mich später auf den unterschiedlichen Blattwuchs in derselben Parzelle aufmerksam. „Die sind zu dunkelgrün, die hatten nicht genug Wasserstress. Die lesen wir in einen anderen Behälter und machen einen anderen Wein daraus.“

Winzer Daniel Chaussy an der Abbeeranlage. Die im Weinberg selektierten Trauben werden mit einer Schnecke direkt von der Edelstahlwanne im Anhänger in die Abbeeranlage geschoben. Links fliegen die Rappen raus. Der Schlauch rechts führt direkt in den Maischebottich aus Beton. Die Gärung kann beginnen.

Im Keller, nach der Lese

Nach der Lese werden die Trauben maschinell abgebeert, die Rappen (Stiel und Stängel) fliegen raus, der Rest (Häute, Fruchtfleisch, Kerne, Saft) werden in ein nicht beschichtetes Betonfass gepumpt. Zugesetzt wird weder Hefe noch Zucker. Die Trauben bringen alles mit, was sie brauchen, um zu Wein zu werden. Das war hier schon immer so. Dem Zufall wird aber trotzdem nichts überlassen. Temperatur und Mostgehalt werden täglich mindestens einmal geprüft, damit die Verwandlung des Zuckers in Alkohol linear abläuft und nicht zu schnell. „Zu schnelle Fermentierung ist so, wie wenn du im Sprint den Mont Ventoux anfährst. Dann geht dir oben die Luft aus.“ Daniel war mal Rugby-Profi, aber mit Radrennen und dem Berg kennen sich hier alle aus. Wird die Maische zu warm, kühlt er sie. Wir probieren den vergorenen Most aus verschiedenen Fässern: Grenache, Mourvèdre, Syrah. Nach vier Tagen merkt man schon, was für Urgewalten hier drinstecken. 14,5% Alkohol werden es wohl am Ende mindestens, und das mit sehr viel Extrakt. 2019 verspricht, ein außergewöhnlich guter Jahrgang zu werden!

Die Hand des Meisters beim Ermitteln des Mostgewichts

Weinlese 2019 in der Champagne

Über Champagner wissen sogar die, die ihn nicht trinken, zumindest drei Dinge: Erstens, er sprudelt. Zweitens, er kommt aus Frankreich, genauer aus einer Gegend, die Champagne heißt. Und drittens, er ist deutlich teurer als alles andere, was schäumt und blubbert. Ich habe hier ein paar weniger bekannte, teils auch weniger schmeichelhafte Informationen zusammengetragen. Anlass war ein Abstecher mit meinem Hamburger Kumpel Malte in die Coteaux Champenois, jene Grand Cru-Weinhänge, die zwischen der Stadt Reims und der Marne liegen.

WÄCHST CHAMPAGNER WIRKLICH AUF DER MÜLLDEPONIE?

Natürlich wächst der Champagner nicht auf der Mülldeponie, aber die Mülldeponie kommt zum Champagner. Zumindest war das so bis Mitte der 1990er Jahre. Der Franzose Vincent Moissonier – er betreibt das beste Restaurant in Deutschland, und zwar in Köln – erklärt im folgenden Video dem Schauspieler Joachim Król das „Düngen“ der Weinberge der Champagne mit Pariser Hausmüll. Und der war, wie man sich leicht vorstellen kann, in den 1990er Jahren schon ordentlich mit Kunststoff und anderen Giften durchsetzt.

Im Video hört man sehr schön den französischen Akzent von Monsieur Moissonier, wenn das französische Voice Over pausiert.

Jetzt ein paar Zahlen!

2007 war das bisher beste Verkaufsjahr für den Champagner: knapp 340 Millionen Flaschen der „Bulles“ (Aussprache: „Büll“; im Französischen eine umgangssprachliche Bezeichnung für Blase und für Champagner) wurden gekippt, vor allem in die Hälse derer, die für eine andere „Bulle“ verantwortlich waren, für die Sub-Prime und Schrottimmobilien-Blase. Als diese 2008 platzt, geht der Absatz des Lieblingsgesöffs der Investmentbanker um 15% zurück. Insgesamt warten derzeit weltweit etwa 1,5 Milliarden Flaschen auf den passenden Anlass, um geleert zu werden. Das sind über vier Jahresproduktionen. Auch noch so eine „Bulle“? Eine „Bulle des bulles?“ Nein. Wenn man durch die Grand Crus der Champagne fährt, hat man nicht den Eindruck, dass das Wort Krise hier zum Wortschatz gehört. Im Schnitt werden die Flaschen aus der Champagne für 15 Euro verkauft, die Grand Crus liegen deutlich drüber.

Stadtschlösschen in Ay, finanziert vor allem mit Luftperlen. Darin eines der besten Häuser, das auch Rotwein produziert: Champagne Geoffroy

Haben wirklich die Engländer den Champagner erfunden?

Übrigens saufen nach den Franzosen (50%) die Engländer am meisten Champagner. Und das sollte nicht verwundern, haben doch die Briten einen entscheidenden Anteil daran, dass der Champagner so daherkommt, wie wir ihn kennen: sprudelnd. Die Briten waren es, die dem Wein in der Flasche Zuckerrohr aus den Kolonien hinzufügten und so eine zweite Gärung auslösten. Das dabei entstehende Kohlendioxid blieb in der Flasche, die „Bulles“ waren erfunden. Die passende, den Druck aushaltende Flasche hatten die Briten gleich miterfunden. Das war Ende des 17. Jahrhunderts. Parallel hierzu besteht in der Champagne die Auffassung, dass ein Benediktinermönch namens Pierre, genannt Dom, Perignon (heute eine Edelmarke von Moët Chandon) mit dem Mixen von Traubensäften und teilvergorenen Weinen dasselbe Ergebnis erzielt habt. Davor waren die Weine aus der Champagne nicht laut und bubbly, sondern still („tranquille“), und wenn sie rot waren, waren sie genauso rot wie die Rotweine andernorts auch – und noch keine „blanc de noir“.

Von Hand gelesene gesunde Trauben am 16.09.2019 in Bouzy. Noch sind sie rot. Sie könnten zu Rotwein weiterverarbeitet werden. Wahrscheinlicher ist, dass sie die Basis bilden für einen „Blanc de noir“, einen weißen Champagner aus Pinot Noir-Trauben

Marketing und Repression

Damit sich nicht jeder Schaumwein Champagner nennen darf, gehen die Interessensvertreter der Bauern aus der Champagne konsequent gegen Verunreinigungen des Produkts vor. So verbietet seit 1998 das Abkommen zwischen der Schweiz und der EU einer eidgenössischen Gemeinde namens „Champagne“, einem Nest mit 912 Einwohnern und 43 Winzern, den Namen seines Ortes auf den Etiketten seiner im Übrigen nicht schäumenden Weine zu erwähnen. Wer so massiv Lobbyarbeit verrichtet, wird sich doch auch in anderer Weise für die Qualität eines Produkts einsetzen, das derart schützenswert ist. Oder etwa nicht? Leider nein. Neben der schon erwähnten und mittlerweile verbotenen Hausmüllverarbeitung sind in der Champagne Dinge erlaubt, über die man andernorts zumindest die Nase rümpft – wenn sie nicht gar unter Strafandrohung verboten sind. Hier darf man rote und weiße Rebsorten mischen. Man darf Jahrgänge miteinander verschneiden. Und auch das Zusetzen von Zucker ist Teil der „méthode champenoise“. Nur heißen die Dinge hier schicker: Statt Panschen spricht man von „Assemblage“, „Réserve“ und „Dosage“.

Aber genug geschimpft. Jetzt kommt was Positives: die Coteaux Champenois

Die Champagne bleibt aber bei alledem ein Weinbaugebiet, also ein Gebiet, in dem Wein wächst, und nicht nur Blasen erzeugt werden. Auch stiller Wein wird hier produziert: weiß, rosé und rot. Diese Weine findet man unter der Bezeichnung „Coteaux Champenois“. Angeblich steigt die Produktion dieser roten stillen Champagner – denn auch in der Champagne wird’s wärmer und die hier zugelassenen Rotweinsorten Pinot noir und Pinot meunier mögen nicht nur die Kalkböden der Champagne, sondern auch die Sonne. Aber die Champagner-Lobby mag die roten Weine nicht. Seit dem Millennium gibt es keine Zahlen mehr zur Produktion. Der nicht blubbernde Rotwein wird statistisch einfach in die Champagner-Zahlen eingepflügt. Ist er zu gut? Ist das Risiko zu hoch, den mit viel Aufwand durch Bling-Bling-Marketing und Errichtung rechtlicher Hürden aufgebauten hochdefinierten Markenkern zu beschädigen?

Die roten Traditionstrauben in der Champagne: Pinot Meunier (Schwarzriesling) und Pinot noir (Spätburgunder). Meist wird daraus Champagner, in diesem Fall aber ein stolzer Rotwein, mit einem ebenso stolzen Preis.

Der Abstecher in die Coteaux Champenois lohnt sich. Zumindest wenn man eh schon Richtung Westen unterwegs ist. Im Weinhandel hierzulande wird man diese roten Weine nämlich vergeblich suchen. In Tokyo und New York ist das anders. Als ich am Montag ein wenig mit Jean-Baptiste Geoffroy über seine Rotweine plaudere, stellte er mir Yuri Shima vor. Yuri ist eine japanische Juristin, die die Website champagne-life.com betreibt, in Tokyo und L.A. lebt, aber ihre freie Zeit komplett in der Champagne verbringt. Und was kauft sie? Eine Kiste Roten!

Das ABC der Orte, in denen traditionell auch stiller Champagner hergestellt wird: A wie Aÿ (ausgesprochen wie Eselwiehern rückwärts), B wie Bouzy und C wie Cumières. Aber Achtung: Alle Weingüter, die Rotweine herstellen, machen auch Champagner. Nach den Roten muss man also fragen!

Steiler Süden: Nachkontrolle

Es ist Anfang September, als Svenja und ich uns ins Auto setzen und nach Neef düsen. Zwei Stunden hin, zwei Stunden dort, zwei Stunden zurück. Die Mission: Nachsehen, wie es dem Patienten, dem Wingert „Steiler Süden„, geht, nachdem wir ihn im Juli (fast) kahl geschoren hatten. Wir haben ordentlich Sorge im Gepäck, was die Hitzewellen angerichtet haben könnten. Als wir ankommen, schauen wir uns daher erst lieber mal die Weinberge von Hannah an, die über die Jahre bearbeitet worden waren, den Punk und den Y. Um eine Referenz zu haben.

„Allet schnieke, allet schick“ bei Punk und Y

Was haben wir erreicht?

Der Rasur des Steilen Südens im Juli waren einige Gespräche vorausgegangen. Die einen sagten: Die Reben haben sich ausgeblutet und werden nicht überleben. Also spart euch die Arbeit, reißt alles aus und pflanzt neu! Andere meinten, wir sollten massiv runterschneiden, vor allem die Trauben, damit die Reben sich aufs Überleben konzentrieren können. Und dann gab es auch welche, die meinten, dass wir im Herbst 800 Liter ernten könnten. Für uns war klar. Reben retten hatte oberste Priorität. Aber etwas Wein im ersten Jahr wäre auch nicht schlecht. Also haben wir so viel weggeschnitten wie ging – und doch noch was hängen lassen. Die Reben sollten schließlich nicht vergessen, wofür wir sie weiterleben ließen. Dann kam die große Hitze …

Neefer Frauenberg: Steiler Süden: von der grünen Hölle zur braunen Wüste

Die Reben sehen mickrig aus, aber sie leben. Und man kann jetzt gut durch die Reihen laufen bis auf die unteren Terrassen. Auch das ist ein Vorteil. Und schließlich: Trotz Nullkommanull-Chemie-Einsatz sind kaum Krankheiten im Hang – das verdanken wir der Trockenheit. Andererseits haben die Hitzewellen die ohnehin schon wenigen Trauben in Teilen verbrannt. Das ist auch anderen passiert, die die Traubenzone in diesem Jahr zu früh entblättert hatten. Die Ernte im Steilen Süden wird also sehr gering ausfallen, wenn es denn überhaupt eine gibt. Und ob die sich dann als einzelne Lage ausbauen lässt, ist äußerst fraglich. Wir werden sehen. Übernächste Woche schaue ich wieder nach – mit Refraktometer, einem optischen Gerät zur Bestimmung des Mostgewichts. Svenja und ich haben erst mal die kräftig nachgewachsenen Brombeerhecken ausgerissen, so gut es ging . Und dann waren die 2h auch schon wieder vorbei.

Nicht lehrbuchmäßig, aber noch hängt was dran – Vögel, Rehe und Wildschweine liegen zusammen mit uns auf der Lauer. Wer wird als erstes im Hang sein, wenn die Trauben reif sind? To be continued

Weingut Grumbach, Lieser (Mosel)

Ich kenne Leute, die schon beim Gespräch über deutschen Rotwein aussehen, als hätte man ihnen eine Kanne Eiswasser in den Kragen gekippt. Diese Leute lieben fleischige, alkohol- und extraktreiche Rotweine, wie sie aus den Trauben des Südens gekeltert werden und die oft die 14 Grad Alkohol überschreiten: Grenach, Syrah, Sangiovese, Tempranillo, Malbec. Deutsche Rotweine haben für sie eine kränkliche Farbe, sind ausdruckslos im Duft und wässrig im Geschmack. Und mit dem ersten Schluck kündigt sich bereits das Sodbrennen an. Ich kann diese Leute nur allzugut verstehen, ich war früher selbst so drauf. Und auch wenn ich heute den ein oder anderen deutschen Spätburgunder unwiderstehlich finde, weiß ich, dass es nach wie vor unendlich viel Schrott auf dem Markt gibt.

Rotwein von der Mosel. VON DER MOSEL???

Jetzt sitze ich in Lieser an der Mosel beim Winzer Hermann Grumbach. Wegen dem zukünftigen Ausbau der Ernte im Steilen Süden will ich von ihm wissen, wie man einen Riesling von solch kartesianischer Klarheit herstellen kann wie seinen 2017er Devonschiefer. Grumbach nimmt sich Zeit für die Antwort. Und er hat auch Zeit für alle anderen Fragen – selbst für die heiklen. Für Fragen zu Säureausgleich, Spritzmitteln oder mechanischer Bearbeitung zum Beispiel. Grumbach kann genau erklären, warum er etwas tut oder es bleiben lässt. Dabei macht er keine Permakultur, keine Biodynamik und auch keinen Naturwein. Er ist ein Mann der Aufklärung, aber eine postmoderne Variante: Er vertraut der Natur. Er vesucht die Chemie von Böden, Mikroorganismen und Pflanzen zu verstehen und ihr zu folgen ‑ nicht die Natur mit Chemie auf Linie zu bringen. Das Ergebnis ist dieser scharfsinnige Riesling von 2017, der mich zu ihm geführt hat. Aber: Seine Passion liegt woanders. Beim Rotwein. Eigentlich sollte mich das mit Vorfreude erfüllen, teilen wir doch diese Passion. Aber Rotwein von der Mosel? Mir läufts kalt den Buckel runter, als hätte mir jemand Eiswasser in den Kragen geschüttet.

Einsetzende Färbung beim Spätburgunder, Lage Schwarzlay im August 2019

Anwalt des Rotweins von der Mosel

Grumbach arbeitet als Jurist, als er Mitte der Achtziger mit dem Weinbau anfängt, wieder in seinen Heimatort Lieser zieht, die Klinik kauft, in der er geboren wurde, und sie zu Weingut und Wohnhaus umbaut. Mitte der Achtziger, das ist mitten in der großen Panscher- und Imagekrise des Moselweinbaus. Als wenig später und vermutlich als Reaktion darauf zum ersten Mal Pinot Noir (Spätburgunder) an der Mosel für den Weinanbau zugelassen wird, ist Grumbach einer der ersten, der die neue Rebsorte anpflanzt. Während die meisten seiner Winzerkollegen ihren Müller-Thurgau ausstocken und ertragsstarke Spätburgunder-Klone in die schlechten Flachlagen setzen, erschlägt Grumbach die heilige Kuh der Mosel: Er reißt den Riesling aus den besten Schiefer-Steilhängen. Dort pflanzt er Klone, wie er sie von seinem Mentor Armand Rousseau aus Gevrey-Chambertin im Burgund kennt. Bei Nacht und Nebel hat er sie über die deutsch-französische Grenze geschafft.

Ich bewundere die Weine, die Armand Rousseau macht, aber noch mehr bewundere ich die Preise, die er für sie verlangen kann.

Hermann Grumbach, Lieser

Grumbach erzählt von den Schwächen seiner Burgunder-Klone: Die Beeren stehen zu eng in der Traube. Je näher die Ernte kommt, desto praller gefüllt sind die Beeren. Sie verformen sich zu Tönnchen, weil sie sich nicht zur Seite ausdehnen können. Und damit steigt seine Sorge, dass die Beeren aufplatzen und Krankheiten in die Traube einziehen. Mittlerweile gibt es vom deutschen Weinbauinstitut Geisenheim neugezüchtete Burgunder-Klone , bei denen die Beeren lockerer in der Traube sitzen. Die würde Grumbach heute verwenden. Keine Frage allerdings, dass die über 30 Jahre alten Reben bleiben, wo und wie sie sind: engbeerig und risikobeladen.

Es gab eine Zeit, da hätte ich für meine Roten die Goldmedaille verdient gehabt, die Goldmedaille der Schreiner-Innung – so viel Holz war da drin.

Hermann Grumbach, Lieser

Auf die Jahre der Glykol-Trickserei folgten in Deutschland die Jahre des Holzfass-Fanatismus. So manch einer glaubte, er könne die gegenüber den burgundischen Pinots fehlende Dichte der Weine durch Lagerung in neuen Eichenfässern („Barrique“) wettmachen. Auch Grumbach ist mit von der Partie. Heute lacht er selbstkritisch über seine „hölzerne Periode“. Was für ein Glück, dass ich seine Weine erst jetzt probiere! Roter Grumbacher ist alles andere als das, was man von einem deutschen Rotwein erwartet: Er ist nicht durchsichtig, er ist nicht süß, er ist nicht mit Deckwein eingefärbt und verfälscht. Er hat nicht diesen widerlichen verkochten Marmeladenton, und er schmeckt nicht nach Flüssigholz! All das zusammen führte allerdings dazu, dass ihm die Prüfkommission für rote Moselweine zu Beginn die Prädikatsvergabe verweigerte. „Atypisch“, seien seine Weine. Ein schöneres Lob für deutschen Spätburgunder kann ich mir nicht vorstellen!

2016er Schwarzlay in der wiederholten Verkostung: Die erste Kiste hielt keine Woche.

Hier geht es zur Bestellung der Grumbach-Weine …

PPT im Steilen Süden

Der Steile Süden ist eine Parzelle im Neefer Frauenberg. Der sehr steile Wingert besteht aus Schiefer und bietet damit eigentlich beste Voraussetzungen für einen mineralischen Riesling mit typischem „Terroir“. Früher hat der Steile Süden auch tatsächlich einen tollen Wein abgegeben. Jetzt ist er seit drei Jahren verwildert. Dornenhecken wurzeln zwischen den Reben und nehmen ihnen, was sie zum Leben brauchen: Wasser, Nährstoffe, Licht. Die Reben treiben tief im Stamm aus, schieben ihre Ranken über den Boden, verschlingen sich mit den Ranken anderer Reben und erwürgen sich gegenseitig. Sie produzieren entsetzlich viele, meist krüpplige Trauben und noch viel mehr Blätter. Von der Traumlage ist nichts mehr zu sehen.

Ein Zeuge besserer Tage, der letzte Jahrgang des Steilen Süden : 2015. Mit exakter Geo-Location und stilisiertem Steilhang

Wir sind entschlossen, den Steilen Süden zu retten: Wir, das sind Hannah, die Eigentümerin, Svenja, die passionierte Gärtnerin, und Undine, die am Steilhang ihre „Komfortzone verlässt“. Sie arbeiten sich vom Fahrweg nach unten vor und drängen erst einmal die Dornen zurück. Das Gerät, das man dazu braucht, kann ich mit gebrochenem Arm gar nicht bedienen. Ich werde mich um die Reben auf der untersten von drei Terrassen kümmern und rutsche dazu den blanken Schiefer auf dem Nachbargrundstück hinunter. Hier steht außer den Pfählen, an denen einst der Wein hochrankte, gar nichts mehr. Der Nachbar hat in der extremen Steillage, in der alle Arbeit von Hand erledigt werden muss, kapituliert.

Undine, glücklich in der grünen Hölle.

Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Sicher, die Rebe braucht Wasser. Aber Feuchtigkeit schafft ideale Bedingungen für Pilzkrankheiten. Und hier gibt es eh schon zu viel Laub, so dass die Sonne die Feuchtigkeit nicht schnell abtrocknen kann. Außerdem liegen die Reben auf dem Boden. Ein Horror! Ich schneide mich mit der Gartenschere durch den Wildwuchs. Von unten nach oben, das heißt: Ich sehe mir das alte Rebholz an. Alles, was hier seitlich herauswächst, muss weg. Besonders achtgeben muss man auf die Ranken, die ganz unten ansetzen, unterhalb der Pfropfung. Was da herauswächst, sind keine Riesling-Ranken, sondern die Triebe der amerikanische Unterlagsrebe. Da sie resistent gegen die Reblaus ist, wird sie über 100 Jahren europaweit eingesetzt. Aber sie wächst auch wie der Teufel. Zudem ist sie näher an der Wurzel und sitzt damit an der Quelle der Versorgung mit Mineralien und Wasser. Und da wir Riesling haben wollen, muss das alles weg.

Sonntag 15h, der Steile Süden ist geschoren. Mit Svenja und Hannah.

Erst schneide ich ab, dann schneide ich klein, damit das Grünzeug auf dem Schiefer trocknen und verrotten kann, ohne dass der nächste, der hier arbeitet, sich darin verheddert und den Berg hinunterstürzt. Zum Schluss hebe ich die auf dem Boden liegenden Riesling-Ranken, an denen gesund ausgebildete Trauben hängen, auf und wickele sie um den Holzstab, an dem sie hochwachsen sollen. Wir wollen ja im Oktober wenigstens symbolisch ernten! Blöderweise habe ich nichts zum Festbinden dabei, und der Weg zum Auto ist zu weit und zu steil. Ich biege vorsichtig die Ranken um den Holzpflock und spüre, wie sie geschmeidig werden, sich führen lassen und sich anschließend selbst wieder ineinander verhaken. Ob das auf Dauer hält, weiß ich nicht. Aber es macht Spaß und fühlt sich gut an, und ich komme mir vor wie ein Krankengymnast für Pflanzen, ein PPT, ein Physio-Phyto-Therapeut!

Steiler Süden nach Radikalschur: wieder bereit für mineralische Riesling-Produktion

Down Memory Lane …

Bis in die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde im Bliesgau Wein angebaut. Dann kam die Reblaus und killte die Weinstöcke – wie überall in Europa seit 1880. Im Bliesgau wurde im Unterschied zu anderen Weinbauregionen nicht einfach mit resistenten amerikanischen Trägerreben wiederaufgeforstet, sondern der Weinbau wurde zusätzlich politisch unterdrückt. Die Kriegsmaschinerie von Nazi-Deutschland brauchte die Menschen als Lohnsklaven in Kalk-, Erz- und Steinkohle-Bergwerken und in der Eisen- und Stahlverhüttung. Heute zeugen nur noch die Gemarkungsnamen in den Dörfern zu beiden Seiten der deutsch-französischen Landesgrenze von einer Zeit vor Schwerindustrie und Kriegswirtschaft. Das Bild oben zeigt eine Straße in Bliesransbach, einem Ort mitten im UNESCO Biospärenreservat Bliesgau.

Rebenstraße in Saarbrücken-Bübingen. Hier, wie überall in den alten Rebanlagen, wuchsen später Villen statt Wein.
Nostalgiepflege durch den Stadtverband Saarbrücken in Kleinblittersdorf. Hierher wurden Reben von der Mosel verpflanzt, um an alte Zeiten zu erinnern.
In Kleinblittersdorf kreuzt die Rebenstraße die Straße Unterm Rebenberg.
Gegenüber Kleinblittersdorf liegt auf der französischen Seite der Saar Grosbliederstroff. „Rewebersch“ heißt der Wingert im Patois, im Dialekt der Lothringer.

Jetzt aber Schluss mit der saarlothringischen Traditionstümelei! Ich hab einen Côtes du Rhône-Village von Christine und Daniel Chaussy kalt gestellt. 13% pure südfranzösische Sonne, gespeichert in Grenache und Syrah – ein Fest. Den trink ich jetzt mit meinem kolumbianischen Nachbar!

Wer mehr zum Weinbau im Bliesgau wissen möchte, findet so ziemlich alles Historische, aber auch gute Ideen für eine Weinzukunft des Bliesgau auf der hervorragenden Seite von Klaus Ruffing, der leider im Februar gestorben ist: Blieswein