Willkommen in der Zukunft!

28. Februar. Rückfahrt von der Camargue über Châteauneuf-du-Pape durch das Tal der Rhône. Hinter Lyon fahre ich von der A6 ab. Weiter geht’s über die Sträßchen des Beaujolais. Beladen mit 12 Kisten Vorablieferung des ersten crusauvage-Weins (dazu sehr bald hier mehr!) schaffen es die tief eingetauchten Stoßdämpfer des alten Skoda kaum, die Schlaglöcher ausgleichen, über die mich das Navi lotst. Der kürzeste Weg ist leider auch der räudigste. Mein Ziel: das Dörfchen Odenas in der Côte de Brouilly, eine der zehn “Cru”-Lagen des Beaujolais, neben Morgon, Saint-Amour, Chiroubles und so weiter – und die letzte Station auf meiner Tour, vor der Rückkehr in den Saarbrücker Dauerregen. In der Côte de Brouilly wird wie überall im Beaujolais Weißwein reinsortig aus der Chardonnay-Traube und Rotwein aus Gamay erzeugt. Aber ich bin wegen etwas ganz anderem hier. Ich will wissen, wie die Zukunft aussieht. Ich komme wegen einem Wein namens “Utopia”. Gepflanzt, bewirtschaftet, ausgebaut von Sonja Geoffray, Winzerin des Château Thivin.

Frisch aus dem Keller: der Siegerwein der Verkostung für pilzwiderstandsfähige Rebsorten (“PiWi”): “Utopia” von Sonja Geoffray. Konkrete Utopie definierte Ernst Bloch einst als das ” Noch-Nicht-Sein erwartbarer Art”. Und Sonja Geoffray tut in Brouilly genau das: Sie macht schon heute etwas, von dem alle behaupten, dass es nicht geht, von dem wir aber alle wissen, dass nur das die Zukunft sein kann: Sie macht einen phantastischen Rotwein ohne Spritzmittel (Ohne Spritzmittel heißt auch ohne die im BIO-Weinbau zulässigen Substanzen Kupfer und Schwefel!).

Passion PiWi

Eine Frau steht hinter der Theke der Probierstube des Château Thivin, schenkt Besuchern Kostproben aus und erklärt Rebsorten, Bodenbeschaffenheit und die Arbeitsweise des Hauses. “Ich habe wegen der PiWi’s angerufen”, sage ich, “und soll mich an Sonja wenden.” “C’est moi”, sagte sie und strahlt übers ganze Gesicht. Der auf Granit gewachsene Gamay, den sie mir zum Einstieg in die Weinprobe vorsetzt, ist überzeugend, trotzdem lasse ich die folgenden Weine aus und warte, bis zum Schluss der “Utopia” verkostet wird. Ich weiß, dass der Utopia eine Rotwein-Cuvée aus den Rebsorten Prior, Chambourcin und Souvignier Gris ist, alles so genannte PiWi’s, also auf Pilzresistenz gezüchtete Rebsorten, die deutlich weniger Spritzmittel brauchen als die Reben, die wir sonst so kennen. Ich weiß auch, dass Sonja mit ihrem Utopia einen Preis gewonnen hat – sonst weiß ich nichts.

In diesen Betonbehältern wird ein Großteil der Weine des Château Thivin vergoren. Beschickt werden die Behälter im Stockwerk darüber. Hier im Keller sind die Ablassklappen – im Moment der Aufnahme leer. So kann die Maische schonend, nur mit Schwerkraft, in die Presse (Bildmitte) gelangen.

Fassprobe

Der Utopia lässt sich kaum unter Bezugnahme auf vertraute Geschmackserfahrungen beschreiben. Dass ich die Eigenschaften der darin enthaltenen Rebsorten nicht kenne, macht es auch nicht leichter! Nur eines entgeht mir nicht: Der Wein ist extraktreich, lebendig und hat eine kräftige Säure. Kurz darauf geht’s mit Probiergläsern in den Keller. Hier stehen in verschiedenen Dreihundert-Liter-Eichenfässern die PiWi’s des Jahrgangs 2019, noch reinsortig und voll damit beschäftigt, zu dem zu werden, was Sonja im letzten Jahr die PiWi-Goldmedaille eingetragen hat. Der Chambourcin ist phantastisch: dicht, würzig, mit überwältigen Frucht- und Gewürznoten. Der Prior hat nicht seinen besten Tag und gibt in der Nase nicht viel mehr her als rote Beete. “Kein Problem”, sagt Sonja. Wir reden jetzt Deutsch, sie stammt aus der Schweiz, aus dem Wallis. “Früher hätte ich mir in so einem Moment Sorgen gemacht. Heute weiß ich, man braucht einfach Geduld. Das meiste macht der Wein von alleine.”

Sonja Geoffray in ihrem PiWi-Wingert mit den frisch gepflanzten Reben. (Foto: Sonja Geoffray)

Im Keller kann man aus einem guten Wein einen schlechten machen. Umgekehrt geht das nicht.

Im Keller kann man maximal die Qualität erhalten, die man aus den Weingärten mitgebracht hat. Nach der Fassprobe zeigt Sonja mir ihren PiWi-Wingert. Wir fahren durch konventionellen Weinbau. Die meisten Bauern in der Gegend spritzen immer noch mit Herbiziden den Boden ab. Und da die niederwüchsig gehaltenen Reben ihre Trauben fast am Boden tragen, muss das ganze Jahr über weiter gespritzt werden. Sonst befallen Fäulnis und Pilzerkrankungen die Reben und bedrohen die Ernte, vor allem, wenn es gleichzeitig nass und warm ist – was im Beaujolais durchaus vorkommt. Und mit den heißen Sommern der letzten Jahre ist eine weitere Gefahr hinzugekommen: Die Trauben können durch die vom nackten Boden reflektierten Sonnenstrahlen verbrennen. “Mal sehen, wie lange das noch so weitergeht”, meint Sonja.

Die Utopie: Weinbau ohne Gift

Ihren PiWi-Wingert hat Sonja terrassiert. Das schützt vor Bodenerosion, verbessert die Nährstoffversorgung der Reben und macht das mechanische Arbeiten (von Hand) leichter. Ein wichtiges Argument in einem Weinberg, der ohne Gift auskommt oder ohne “Pflanzenschutz”, wie die chemische Industrie das nennt. Sonjas Reben wachsen höher, als das hier üblich ist. So haben die Blätter mehr Abstand zu den Pilzsporen im Boden. Sonja zeigt auf einen Stock, dessen Holz von Pilz befallen ist. “Das ist nicht schlimm, das geht nicht weiter”, sagt sie. “Wenn ich merke, dass eine Pflanze schwächelt, mache ich einen Kräuteraufguss. Davon geht die Krankheit zwar nicht weg, aber sie geht zurück. Das reicht mir.”

Sonja Geoffray, Autorin des herrlichen “Utopia”. Die tausend Stöcke, die die Trauben für diesen Wein liefern, wachsen auf den von ihr angelegten Terrassen, auf dem Foto direkt hinter ihr. Die Namen der Reben: Prior, Chambourcin, Souvignier Gris. Ihnen allen gemeinsam: hybride Neuzüchtungen mit hoher Resistenz gegen Pilzbefall (echten und falschen Mehltau). Zusammen mit der Arbeitsweise von Sonja Geoffray führt das zum Einsatz von nullkommanull Spritzmittel. Im Gegensatz dazu, im Bild hinten links: ein Weinberg, wie er leider noch immer das Erscheinungsbild des Beaujolais prägt. Die Böden sind mit Herbiziden abgespritzt. Eine tote Monotonie, die nach immer mehr Chemie verlangt.

Here Comes the Rain Again!

Wieder im Auto, setzt beim Plateau de Langres der Regen ein, von dem ich weiß, dass er mich begleiten wird, bis ich in Saarbrücken den Motor abstelle. Aber der Regen kann meiner Laune heute nichts anhaben: Ich habe endlich gefunden, wonach ich so lange gesucht habe: ein Mensch, der einen tollen Wein macht und dabei komplett auf die Helferlein aus der Chemieindustrie verzichtet. Sonja Geoffray lässt sich keine Angst machen. Sie trifft rationale Entscheidungen und hält sich konsequent daran. Eine Weile dachte ich schon, ich würde nie so jemanden kennen lernen. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass ich dazu nach Brouilly in die Zukunft fahren musste!

Und hier gehts zur Bestellung des Utopia

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