Elsass : unverkitschte Rotwein-Verkostung mit sentimentalen Noten

Sonntagnachmittag Anfang Oktober bei Geoffroy und Elodie im lothringischen Sarreguemines. Zwischen den Resten vom Dessert steht eine Batterie Naturwein-Flaschen. Olivier hat sie aus dem Elsass mitgebracht. Jetzt sind sie leer. In unserer Begeisterung und Gier beschließen wir, die Naturweinszene im Elsass zu erkunden. Drei Wochen später sitzen Geoffroy, Elodie und ich im Auto. Richtung Elsass, nicht buckliges Elsass, sondern richtiges, also Rheintal-Elsass: Kitschlandschaft par excellence: Geranien, Fachwerk, goldige Weine mit Kostüm-Etiketten, Speisekarten mit Sauerkraut, dazu Front National-Bürgermeister, anthroposophisch werkelnde Winzer und dazwischen Bustouristen, denen vor Verzauberung der Mund offensteht. Das Elsass ist ein Horror, egal von wo man kommt. Aber wenn man aus dem verlotterten und belächelten postindustriellen Lothringen oder von der Saar kommt – Gegenden, für die sich keine Sau interessiert – geht einem der elsässische Modelleisenbahn-Look schon bei der Abfahrt von den Vogesen runter nach Saverne mächtig auf den Sack. Zum Glück haben wir nicht vergessen, warum wir hierherfahren. Olivier hat uns eingeladen! Also: Alles wird gut!

Unsere Vorbilder: Mimi, Fifi, und Glouglou. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen mit geschwärzter Augenpartie. Gezeichnet von Michel Tolmer (glouguele.fr)
Und wir: Geoffroy, Martin, Olivier. Rollenzuordnung und Farbanpassung der Kostüme noch nicht ganz abgeschlossen. (Foto:Julie)

Der „Rouge d’Ottrott“

Kaum haben wir das Haus von Olivier und Julie gefunden, gehts auch schon weiter. Es sind nur paar Kilometer bis Ottrott, einem kleinen Ort, geschützt gelegen am Fuß des Mont Sainte Odile, berühmt für seine von Eisenadern durchzogenen schweren Böden und für seinen Rotwein, den Rouge d’Ottrott. Um uns den zu erarbeiten sind wir schließlich hier – nicht etwa zum Vergnügen! Olivier hat uns zur Weinprobe im Restaurant Schliff angemeldet. Hier ist auch das Weingut von Maire-Hélène Schoettel zuhause.
Die Chefin der Domaine fängt sofort an, Rotweine aufzuziehen (Weißen führt das Haus gar nicht). Circa zwölf Flaschen sind es, die am Ende vor uns stehen, und sogar eine Magnum ist dabei. Von einem einfachen „Rouge d’Ottrott“ steigen wir qualitativ und preislich in sanften Serpentinen hoch bis zu einer Flasche, die eine „36“ auf dem Etikett trägt – das ist die Anzahl der Monate im Fass.
„Sie kommen klar?“, fragte die Chefin, kennt aber schon die Antwort. „Das ist die Trinkrichtung! Viel Spaß!“ Dann ist sie weg und unterstützt den Service im sehr vollen Restaurant.

Sentimental Journey

Flashback in die Siebziger: Mein Vater gießt mir einen „Schluck“ von seinem Rotwein in das Mineralwasser, das ich als Kind immer zu trinken bekam. Limonaden galten bei uns zuhause als imperiale Lebensmittelgifte, die die Geschmacksnerven, die Gesundheit und am Ende die gesamte Kultur ruinieren würden. Durch den „Schluck“ wurde aus meinem faden Sprudelzeug eine tiefrot gefärbte säuerlich-fruchtige Brause. Und da ich nun Alkohol im Glas hatte, durfte ich auch anstoßen – wie ein Großer. Aber das tollste war: Auch in meiner dünnen Rotwein-Schorle enfalteten die Weine ihre unterschiedlichen Aromen. Die Pinot Noirs aus dem Elsass, wo meine Eltern sich sonntags mit Freunden zum Mittagessen trafen, schmeckten anders als die Chiantis und Beaujolais‘, die sie zu Hause tranken. Und nur die aus dem Elsass machten meinen Sprudel so schauerlich sauer und bitter. Ich fands toll.

Blick in die nahe Zukunft, Samstag, 26. Oktober, 12h30: Weinprobe des Weinguts Marie-Hélène Schoettel als Weinbegleitung im Restaurant Schliff, Otrott.

Seither ist viel passiert.

Olivier, Geoffroy und ich sind uns einig. Der Wein mit der fetten 24 auf dem Etikett und einer namens „Romy“, beide aus dem Jahr 2017, sind unsere Favoriten. Ausgeprägte Fruchtnoten, domestiziertes Tannin, harmonisierend eingesetztes Eichenfass. Aber auch etwas Säure! Die Weine des Weinguts Schoettel – allesamt Spätburgunder (Pinot noir) – werden im Weinberg chemisch maximal mit der „Bouille Bordelaise“ (Bio-zulässiger Mix aus Kupfer und Schwefel) behandelt. Im Wesentlichen setzt das Weingut auf mechanische oder manuelle Bodenbearbeitung. Im Keller erhält das fertige Produkt eine Schwefelimpfung zur Stabilisierung. Das war’s. Keine Aufzuckerung, keine Geschmeidigmacher, keine Filtrierung, kein Quatsch! Aber auch kein Naturwein – der steht für den Nachmittag auf dem Programm.
„Sie kommen noch klar?“ Die Chefin ist wieder da und redet uns reihum mit „jeune homme“ an. Sie bringt die Karte, damit wir schon mal das Essen aussuchen können und hat die glänzende Idee, dass wir einfach in der Probierstube essen sollen. Wein brauchen wir keinen zu bestellen, den haben wir ja schon in dutzendfacher Ausführung vor uns stehen. Die Speisekarte ist so schnörkellos wie die Vinifizierung: Zwei Seiten. Basta. Und was dann auf den Tisch kommt, ist frisch zubereitet und auf den Punkt gewürzt. Wir probieren beim Essen weiter, und das Crachoir ist das einzige, was an diesem Mittag trocken bleibt.
Dank Olivier, Schliff und Schoettel hatten wir einen völlig unverkitschten Ausflug mit sentimentalen Noten (bei mir) und einem feuchten Abgang. Elsass à l’ancienne und at its best!
PS: Zu den elsässischen Naturweinen, kamen wir am Nachmittag auch noch. Aber das steht in Teil zwei …

Elsass im Herbst. Reben und Vogesen.
Mehr über den Wein mit diesem schönen Etikett und weitere Naturweine aus dem Elsass in Teil zwei …

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