Monat: August 2019

Weingut Grumbach, Lieser (Mosel)

Ich kenne Leute, die schon beim Gespräch über deutschen Rotwein aussehen, als hätte man ihnen eine Kanne Eiswasser in den Kragen gekippt. Diese Leute lieben fleischige, alkohol- und extraktreiche Rotweine, wie sie aus den Trauben des Südens gekeltert werden und die oft die 14 Grad Alkohol überschreiten: Grenach, Syrah, Sangiovese, Tempranillo, Malbec. Deutsche Rotweine haben für sie eine kränkliche Farbe, sind ausdruckslos im Duft und wässrig im Geschmack. Und mit dem ersten Schluck kündigt sich bereits das Sodbrennen an. Ich kann diese Leute nur allzugut verstehen, ich war früher selbst so drauf. Und auch wenn ich heute den ein oder anderen deutschen Spätburgunder unwiderstehlich finde, weiß ich, dass es nach wie vor unendlich viel Schrott auf dem Markt gibt.

Rotwein von der Mosel. VON DER MOSEL???

Jetzt sitze ich in Lieser an der Mosel beim Winzer Hermann Grumbach. Wegen dem zukünftigen Ausbau der Ernte im Steilen Süden will ich von ihm wissen, wie man einen Riesling von solch kartesianischer Klarheit herstellen kann wie seinen 2017er Devonschiefer. Grumbach nimmt sich Zeit für die Antwort. Und er hat auch Zeit für alle anderen Fragen – selbst für die heiklen. Für Fragen zu Säureausgleich, Spritzmitteln oder mechanischer Bearbeitung zum Beispiel. Grumbach kann genau erklären, warum er etwas tut oder es bleiben lässt. Dabei macht er keine Permakultur, keine Biodynamik und auch keinen Naturwein. Er ist ein Mann der Aufklärung, aber eine postmoderne Variante: Er vertraut der Natur. Er vesucht die Chemie von Böden, Mikroorganismen und Pflanzen zu verstehen und ihr zu folgen ‑ nicht die Natur mit Chemie auf Linie zu bringen. Das Ergebnis ist dieser scharfsinnige Riesling von 2017, der mich zu ihm geführt hat. Aber: Seine Passion liegt woanders. Beim Rotwein. Eigentlich sollte mich das mit Vorfreude erfüllen, teilen wir doch diese Passion. Aber Rotwein von der Mosel? Mir läufts kalt den Buckel runter, als hätte mir jemand Eiswasser in den Kragen geschüttet.

Einsetzende Färbung beim Spätburgunder, Lage Schwarzlay im August 2019

Anwalt des Rotweins von der Mosel

Grumbach arbeitet als Jurist, als er Mitte der Achtziger mit dem Weinbau anfängt, wieder in seinen Heimatort Lieser zieht, die Klinik kauft, in der er geboren wurde, und sie zu Weingut und Wohnhaus umbaut. Mitte der Achtziger, das ist mitten in der großen Panscher- und Imagekrise des Moselweinbaus. Als wenig später und vermutlich als Reaktion darauf zum ersten Mal Pinot Noir (Spätburgunder) an der Mosel für den Weinanbau zugelassen wird, ist Grumbach einer der ersten, der die neue Rebsorte anpflanzt. Während die meisten seiner Winzerkollegen ihren Müller-Thurgau ausstocken und ertragsstarke Spätburgunder-Klone in die schlechten Flachlagen setzen, erschlägt Grumbach die heilige Kuh der Mosel: Er reißt den Riesling aus den besten Schiefer-Steilhängen. Dort pflanzt er Klone, wie er sie von seinem Mentor Armand Rousseau aus Gevrey-Chambertin im Burgund kennt. Bei Nacht und Nebel hat er sie über die deutsch-französische Grenze geschafft.

Ich bewundere die Weine, die Armand Rousseau macht, aber noch mehr bewundere ich die Preise, die er für sie verlangen kann.

Hermann Grumbach, Lieser

Grumbach erzählt von den Schwächen seiner Burgunder-Klone: Die Beeren stehen zu eng in der Traube. Je näher die Ernte kommt, desto praller gefüllt sind die Beeren. Sie verformen sich zu Tönnchen, weil sie sich nicht zur Seite ausdehnen können. Und damit steigt seine Sorge, dass die Beeren aufplatzen und Krankheiten in die Traube einziehen. Mittlerweile gibt es vom deutschen Weinbauinstitut Geisenheim neugezüchtete Burgunder-Klone , bei denen die Beeren lockerer in der Traube sitzen. Die würde Grumbach heute verwenden. Keine Frage allerdings, dass die über 30 Jahre alten Reben bleiben, wo und wie sie sind: engbeerig und risikobeladen.

Es gab eine Zeit, da hätte ich für meine Roten die Goldmedaille verdient gehabt, die Goldmedaille der Schreiner-Innung – so viel Holz war da drin.

Hermann Grumbach, Lieser

Auf die Jahre der Glykol-Trickserei folgten in Deutschland die Jahre des Holzfass-Fanatismus. So manch einer glaubte, er könne die gegenüber den burgundischen Pinots fehlende Dichte der Weine durch Lagerung in neuen Eichenfässern („Barrique“) wettmachen. Auch Grumbach ist mit von der Partie. Heute lacht er selbstkritisch über seine „hölzerne Periode“. Was für ein Glück, dass ich seine Weine erst jetzt probiere! Roter Grumbacher ist alles andere als das, was man von einem deutschen Rotwein erwartet: Er ist nicht durchsichtig, er ist nicht süß, er ist nicht mit Deckwein eingefärbt und verfälscht. Er hat nicht diesen widerlichen verkochten Marmeladenton, und er schmeckt nicht nach Flüssigholz! All das zusammen führte allerdings dazu, dass ihm die Prüfkommission für rote Moselweine zu Beginn die Prädikatsvergabe verweigerte. „Atypisch“, seien seine Weine. Ein schöneres Lob für deutschen Spätburgunder kann ich mir nicht vorstellen!

2016er Schwarzlay in der wiederholten Verkostung: Die erste Kiste hielt keine Woche.

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