Monat: Juni 2019

Punk, Y und Steiler Süden

Ich erzähle Yasmina von meinem Wein-Sabbatical – und sie wählt sofort die Nummer von Hannah, die angeblich einen Weinberg südlich von Hamburg besitzt. Südlich von Hamburg? Das kann alles sein, vom Rhein über die Rhone bis nach Stellenbosch. Hannah wohnt in Hamburg, das stimmt, und sie hat Weinberge südlich von Hamburg, nämlich an der Mosel: Rieslinghänge mit tollen Namen: PunkY und Steiler Süden. Da wir uns an Yasminas Telefon nichts weiter zu sagen haben, verabreden wir uns gleich vor Ort, in Neef.

NEEF

Von einem Ort namens Neef habe ich noch nie gehört. Als Kind habe ich an der südlichen Mosel bei Verwandten in der Lese geholfen und auf einem uralten Trecker in den steilen Wegen der Weinhänge von Mehring Autofahren gelernt. Ich hatte die Leute geliebt, die Landschaft, den Dialekt-Singsang. Aber mit dem Wein hatte ich auch später nie etwas anfangen können. Wenn schon Riesling, dann mineralisch und knackig und so unweinig, wie es irgendwie ging.

Ich packe den Rucksack mit Ersatzklamotten, Handschuhen, Rebenschere – und Zahnbürste. Man weiß ja nie, wie so ein Abend in der Weinregion ausgeht. Und fahre mit der Bahn die Saar entlang. Stahlruinen im Abbau begriffen, Stahlruinen musealisiert, Stahlruinen wieder in Betrieb genommen. Und so weiter. Erst weit hinter Dillingen sieht man Natur. Sandsteinfelsen, Nebel, der auf dem Fluss steht, und die ersten Weinberge der Saar. Dann das enge Moseltal mit seinen Steilhängen. Und Ausstieg in … äh, Blick auf die Fahrkarte … Neef. Ich bin der einzige, der aussteigt. Der Bahnsteig ist ein halb zugewachsener Sandweg. Eine Frau steht auf der einzigen Straße ins Dorf. Hannah? Ja. Martin? Ja. Es gibt noch einen Kaffee in der Pension, in der sie mit ihrer Tochter Mika abgestiegen ist, dann laufen wir los, die Mosel runter.

Spritzhubschrauber als bestäubende Hummel getarnt; im Hintergrund derer Calmont in Bremm, der steilste Weinberg Europas

Noch ein Martin

Wo die Brennnesseln höher wachsen als die Austriebe der Reben, bleibt Hannah stehen und zündet sich eine Zigarette an: „Das ist einer von meinen“. Durch die Brennnesseln schimmert der Schieferboden. Ich folge mit den Augen den Pflanzreihen. Erst geht es zehn Meter flach weiter, dann schlägt mein Blick am Horizont an, denn der Weinberg steigt jetzt an, steil wie eine Parabel. Ein „Steilsthang“, wie der Moselaner sagt: der Frauenberg. Steil, Süden, Schiefer: Riesling. Da muss man keine ampelographischen Kenntnisse mitbringen, ja nicht einmal die Blätter des Rebstocks und der gemeinen Brennnessel auseinanderhalten können, um zu wissen, dass hier nur Riesling stehen kann. „Das ist der Ypsilon, aber darum kümmern wir uns später.“ 

Wir laufen ein paar Meter auf der Straße weiter und biegen in einen überwachsenen Pfad ein. Plötzlich laufen überall Hühner und Küken rum. Am Ende steht eine Weinberghütte, ein Stachelbeerstrauch, groß und stark wie ein Apfelbaum, und mehrere Pfirsichbäume. Hier lebt ein Hühnerretter, Kanufahrer und Fotograf. Aber er ist Moselaner, also hat er auch was mit Weinbau zu tun. Und wortkarg ist er nur zu Anfang. „Martin, tach.“ – „Ja, ich auch.“ Nach Smalltalk geht’s weiter zu Fuß zu einem Rotweinacker, in dem kreuz und quer Lemberger und Spätburgunder stehen. Warum? Weiß keiner. Ich bin vor allem froh, dass wir nicht mit den Brennnessel-Reihen anfangen und versuche, den Spritzhubschrauber mit der Smartphone-Kamera zu erwischen.

Aufbinden, wegschneiden, in der Sonne schmoren

Der andere Martin kommt mit dem Moped hinter uns her und zeigt uns, was zu tun ist: Stamm sauber machen. „Alle Triebe müssen weg, und zwar so eng am Stamm abschneiden, wie es geht, sonst wächst da gleich wieder was raus.“ Gräser und was noch so dazwischen wächst sollen am besten mit der Wurzel rausgezogen werden. „Jetzt sind die Trauben schon da, und die Pflanze braucht alle Nahrung, die sie kriegen kann, um sie gesund reifen zu lassen.“  Wir binden die Austriebe hoch, klemmen sie zwischen die gespannten Drähte, damit der Trecker durchkommt, um zu mähen oder zu pflügen, ohne sie abzureißen. Und wir binden die zu locker sitzenden Drähte zusammen, damit die vom Hubschrauber ausgelösten Sturmböen die Austriebe nicht wieder aus der Führung wehen.

Mika und Hannah mit Foto- statt mit Sonnenschutz

Die Sonne sticht vom Himmel, es sind nur noch Minuten bis zum Sonnenbrand im Nacken. Martin kommt noch einmal vorbei, um uns was zu trinken zu bringen: Regenwasser – er trinkt nur das – mit Saftkonzentrat und Vitamin-C-Tabletten gegen die Entmineralisierung und fürs sprudelnde Gefühl. Kein großes Gewächs, aber genau das Richtige in diesem Moment.

Plötzlich mittendrin im Wein-Sabbatical

Zum Abschluss zeigt mir Hannah noch den „Steilen Süden“. Ein kleiner Steilsthang auf dem Frauenberg, angeblich eine der zehn besten Lagen an der ganzen Mosel. Disteln sind im Weinberg drin, auch Brombeeren, die Triebe des Rieslings schieben über den Boden, die Holzstangen, an denen sie hochranken sollten, sind morsch. Der Berg ist so steil, dass man sich anseilen möchte. Hannah kann sich inzwischen vorstellen, diesen Hang aufzugeben. Zuviel Arbeit, wenn man so weit weg lebt wie sie. Die Gemeinde will, dass sie „ausstockt“, der Nachbar hat’s vorgemacht. Mich wundert es, dass noch heute die besten Lagen aufgegeben werden. Ich dachte, die Entwicklung hätte sich längst umgekehrt, und man würde auf Lage, Terroir, Handarbeit setzen. Aber nein.

Hannah, Mika und in der Mitte 2x Martin vor „Steilem Süden“

Nun sagt Martin auch noch, die Stöcke sollten ersetzt werden, die brächten nach 20 Jahren keinen Ertrag mehr. Ich sage, das ist mir egal, ich brauche keinen Ertrag. Den Berg mag ich so, wie er ist: ungeschnitten, ungespritzt, verwildert. Der Versuch von Didier Dagueneau kommt mir in den Sinn, der seinen Sauvignon blanc direkt in den Boden pflanzte, ohne amerikanische Unterlagsrebe, um zu sehen, wie sich der Reblausbefall auf den Wein auswirkt. Ich verspreche Hannah, bei der Lese zu helfen. Dafür gibt sie mir den Ertrag vom Steilen Süden. Ich werde ein Fass kaufen müssen, einen Winzer finden, bei dem ich es aufstellen kann. Ich brauche Werkzeug, jetzt sofort. Schlagartig bin ich mittendrin im Wein-Sabbatical.